Der ESC will mehr sein als nur ein jährliches Musik-Event

Zum ersten Mal geht der Eurovision Song Contest auch auf Tour. Keine Überraschung, man geht nur mit der Zeit.

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Schon lange ist der ESC mehr als nur ein schnöder Musikwettkampf. Man bildet sich etwas ein auf die gezeigte musikalische Diversität. Zugleich feiert man sexuelle Vielschichtigkeit wie bei keiner anderen kulturellen Großveranstaltung.

Die Europäischen Rundfunkunion (EBU), die den Eurovision Song Contest austrägt, hat zudem verstanden, dass es oft weniger um die Protagonisten auf der Bühne geht als vielmehr um die friedlich feiernden Fans. Deren Bedürfnissen wurde zuletzt sogar aus politischen Gründen Rechnung getragen.

Ihnen ist nun auch eine ganze Tour gewidmet, die es ermöglicht, Heldinnen und Helden des ESC aus den vergangenen Jahrzehnten erneut live zu erleben und auch einige der populärsten Acts des Jubiläums-Jahrgangs (der Song Contest feiert 70-jähriges Bestehen) nicht nur in Wien zu sehen. Gleich zehn Mini-Festivals sind dabei, darunter Gigs in Hamburg und Köln.

Ganz viel Nostalgie und mehr vom ESC-Feeling für alle

Überraschend ist das nicht, dass nun auch der ESC an eine Entwicklung anschließt, die sich im Live-Geschäft seit Jahren großer Beliebtheit erfreut. Bands gehen gemeinsam auf Good-Times-Tour. TV-Shows schicken ihre Teilnehmer:innen aufs große Parkett („Let’s Dance“). Und bei eigenen Themen-Reihen (90er-Jahre, Techno) dürfen alte Recken im Verbund mit anderen, manchmal strahlenderen jüngeren Namen noch einmal vor großem Publikum spielen.

Hier wird also einmal mehr die große Nostalgie bemüht. Es wird interessant zu sehen sein, aus welchen Generationen die angekündigten Sieger:innen des Wettbewerbs, aber auch die „Special Guests“ stammen. Denn mit der Konzert-Reihe stellt sich der ESC nicht nur als global zu verstehende Musikmarke mit vielen Seitengeschäften ins Schaufenster des Musik-Business‘. Es geht auch um eine (Neu-)Positionierung der Marke hin zu einer emotionalen Triebfeder für musikalische und gesellschaftspolitische Trends.

Mit 70 Jahren will der einst umständlich als Grand Prix Eurovision de la Chanson ins Leben gerufene Wettbewerb die Tantenhaftigkeit der Vergangenheit ablegen. Die Schlacht mit Punktevergabe soll nur noch ein Aspekt sein. Es geht nicht mehr um die Beste oder den Besten (denn das wäre eine Verengung auf einen Namen oder eine verkörperte Stilrichtung), es soll eine ganze Community ins Rampenlicht treten.

Marc Vetter schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.