Essay zur Cannes-Eröffnung mit Woody Allen: Freuds Couch am Hudson River


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Dr. Woody, sein Patient Mr. Allen und all die Götter und Frauen, an denen sie leiden, oder: Warum wir nie aufhören, uns auf den nächsten Woody-Allen-Film zu freuen.

Es ist 1970. Langhaarige Jungs und Mädchen in Felljacken haken sich ein und laufen durch die Straßen. Ist man noch street fighting man oder spielt man schon in einer Rock’n’Roll-Band (oder umgekehrt)? Aufruhr, Gefahr und Sex liegen in der Luft. Auch im Kino wollen wir Politik, Revolte und Pop. Aber es gibt da so einen kleinen, rothaarigen amerikanischen Komiker. Mit einer wundervollen „Casablanca“-Parodie. „Mach’s noch einmal, Sam“, ist der deutsche Titel, weil die Verleiher keine Ahnung haben, woher „Play It Again, Sam“ kommt. Woody Allen heißt der, glaube ich.

1980. Wir demonstrieren gegen die Startbahn West und gegen Gorleben. Frauenbuchläden und Wohngemeinschaften, politische Ermüdungserscheinungen und neuer Elan. Und was gibt’s im Kino? Der neue Woody Allen soll ja gar nicht mal so schlecht sein. Schon das Poster ist klasse, schwarz-weiß: „Manhattan“. Bilder vom Sitzen auf einer Bank am Hudson River, traurig und schön, die man nie wieder vergisst. Wir müssen unbedingt auch mal nach New York.

1990. Greenpeace und Generationenhäuser. Wir beginnen zu begreifen, dass die Klimakatastrophe kein Zukunftsszenario ist, und mittendrin machen die Konzerne weiter wie bisher. Der erste Krieg im Irak folgt. Wir hören die Debütplatte von Nirvana, „Bleach“. Man  kann nicht immer nur die Katastrophen sehen, wenigstens nicht die ganz großen. Im Kino läuft Woody Allens „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“. Eine verdammt schöne, verdammt erwachsene Moralkomödie. Über Katastrophen, wie sie im Leben des Einzelnen vorkommen können.

2000. Millennium sagt man. Vielleicht kommt ein großer böser Computerwurm und frisst uns alle. Jedenfalls gewinnt George W. Bush

die Präsidentschaftswahl, und wie das passiert, ist beinahe genauso schlimm wie das, was der Welt dann acht Jahre lang widerfährt. Michael Moore nimmt den Kampf gegen Bush jr. auf, wird aber dann selbst entzaubert. Überhaupt ist „Entzauberung“ das Wort des Jahrzehnts. Wir waren schon länger nicht mehr im Kino. Wie wäre es mal wieder mit Allen? „Schmalspurganoven“. Endlich mal wieder so ein guter alter, unangestrengter, unintellektueller Woody Allen. Schön nostalgisch.

2010. Die Geburt des „Wutbürgers“, neue Allianzen entstehen aus dem Geist des zivilen Ungehorsams und dem Überdruss an populistisch-korrupter Politik. Neoliberalismus, Guttenberg und Berlusconi hängen uns zum Hals raus; aus der Bankenkrise hat offenbar fast niemand was gelernt. In ein paar Staaten in Nord-afrika gelingt es, die Diktatoren da-

vonzujagen, in anderen gibt es neue Kriege. Woody Allen dreht eine weitere Geschichte über alte Männer und junge Frauen, „Whatever Works – Liebe sich wer kann“. Saublöder Titel wieder mal. Und auch der Film, na ja.

Ein neuer Film von Woody Allen – das ist, wie einen alten Bekannten wiederzutreffen. Nett, ihm wieder mal zuzuhören. Er hat diese unnachahmliche Art, alte Geschichten so zu erzählen, dass sie wie neu klingen. Immer schwingen Erinnerungen mit, an Städte, die es nicht mehr gibt, an Musik, die es nicht mehr gibt, und natürlich an ein Kino, das es nicht mehr gibt. Woody Allen, vermuten wir, war schon alt, als er geboren wurde. Und ist jetzt so jung, als hätte er seine Bar Mizwa kurz vor sich.

Jedenfalls, der alte Bekannte ist alive

 and well, und das ist schon Grund zur Freude, und er macht seine Witze, und die macht er vor allem so, dass er darin gut verborgen jammern und von sich und sich und kaum jemandem sonst auf der Welt erzählen kann. Und darin die Welt und die Menschen hassen kann wie Dirty Harry und Jigsaw zusammen sie nicht hassen können, und sie lieben und begehren kann wie Dracula und der Silver Surfer zusammen sie nicht lieben und begehren können. Manchmal geht er uns damit natürlich auch gehörig auf die Nerven. Ja ja, die Welt ist schlecht, oder jedenfalls unübersichtlich, unerlöst und ungerecht, und jemand wie Woody Allen kann nicht dreinschlagen und kaputtmachen, was ihn kaputtmacht, sondern er muss nach Hause gehen und das Manuskript für eine sarkastische Komödie schreiben, als Rache.

Aber sogar darüber macht Woody wieder einen Filmwitz, und wenn wir uns bei der Erwägung ertappen, uns den nächsten Woody-Allen-Film vielleicht doch zu ersparen, kriegen wir gleich die Panik: Und wenn es dann doch das letzte Mal gewesen wäre? Auch für einen wie Allen wird es nicht leichter, Geld für einen neuen Film aufzutreiben. Mein Gott, ja, die Kinogeschichte mag sich wirklich weiterentwickelt haben. Aber was wäre die Welt ohne Woody-Allen-Filme?

Und richtig schwer macht er es uns ja auch nicht, auch wenn wir gelegentlich ahnen, dass seine Filme zwar komisch, aber eigentlich ohne einen Funken Humor sind. Will sagen: Das Komische ist immer eine Methode, immer eine Maske, immer eine Klage. Es ist nicht etwas, was zum Leben gehört, sondern es ist das, was ihm fehlt. Im Kern geht’s beinahe immer um die Tragödie. Um den von Gott, seiner Mutter und seiner Frau verlassenen kleinen Mann. Oder um den von Gott, seiner Mutter und seiner Frau bedrängten kleinen Mann. Aber er erzählt seine Geschichten so, dass man selbst bestimmen kann, wie tief man einsteigt. Er drängt sich nicht auf, außer natürlich durch diesen ganz eigenen Charme, den er hat.

 Was man an Woody-Allen-Filmen alles lieben kann: die Leichtigkeit. Das Skizzenhafte und doch Präzise. Das konspirative Verhältnis zum Zuschauer. Das kreative Spiel mit dem eigenen Medium. Die Fähigkeit, in die Regio-nen des Hochnotpeinlichen zu dringen und trotzdem nie geschmacklos zu werden (Okay, das „Dezente“, niemals „Übergriffige“ bei Herrn Allen, seine gottverdammte New Yorker Flatbush-Wohlerzogenheit, seine Gutangezogenheit im Desaster … wie gesagt, manchmal kann er einem auf die Nerven gehen!). Das Gespür für Schauplätze (das Fotografische im Werk Woody Allens, das wäre auch einmal eine kleine Untersuchung wert). Dazu kommt, dass alle Allen-Filme extrem musikalisch sind. Nicht nur wegen des Einsatzes von Musik, sondern auch einfach so, in den Bildern, den Bewegungen, den Dialogen, der Montage. Ein guter Woody-Allen-Film ist ein bisschen wie eine Glücksdroge, egal, was drin vorkommt.

Aber er kann auch anders. Einmal machte er seinem Vorbild Ingmar Bergman Konkurrenz, mit „Hannah und ihre Schwestern“, wo alles Leichte vor der Tür bleiben musste. Ein anderes Mal, in „Match Point“, wehte ein kalter Patricia-Highsmith-Hauch durch eine englische Aufsteigergeschichte. Zum mittleren Allen gehören weibliche Selbstfindungsdramen wie „Eine andere Frau“. Schwer zu sagen, was an denen nicht stimmt – vielleicht dies: Fast alle seine Filme funktionieren, weil man in ihnen zugleich Patient und Analytiker ist. Man weiß es immer ein bisschen besser als die Helden und Heldinnen, die ihrerseits viel mehr von sich wissen, als sie ertragen können. Wenn das komisch ist, schlagen manchmal auch Funken der Erkenntnis daraus. Wenn es ernst gemeint ist, kann einem dieser Blick auch erschreckend borniert und besserwisserisch vorkommen.

Dem ernsten Woody Allen wollten ohnehin nie allzu viel Zuschauer folgen. Aus Rache hat er seinem Publikum zwischenrein ein paar Komödien hingeknallt, die so erscheinen, als wollten sie nur sagen: Bitte, wenn ihr es auf dem Niveau haben wollt … Aber in den letzten Jahren, scheint mir, hat Allen diese Unebenheit, die Hass-Liebesbeziehung auch zu seinem Publikum, in den Griff bekommen. Wahrscheinlich weiß man nach derart vielen Filmen halt, wie einfach man vollendet harmonische, wenn auch nicht mehr übermäßig aufregende Filme macht: Die Kamera an den richtigen Platz stellen und davor die richtigen Leute im richtigen Licht die richtigen Sätze sagen lassen.

2020. Die deutsche Armee in Afghanistan veröffentlicht neue Verlustlisten. Die dritte europäische Bankenkrise führt zum Verlust aller kapitalgedeckelten Pensionsfonds. Tausende gehen in Gelsenkirchen und Garmisch-Partenkirchen auf die Straße. Die schwarzgrüne Regierung übergibt die AKW-Ausstiegspläne einer Ethikkommission unter Vorsitz von Heiner Geißler. Oasis haben sich wiedervereinigt; das erste Konzert endet mit einer Schlägerei.

In Berlin wird der neue Woody-Allen-Film vorgestellt.

Über den Autor: Georg Seeßlen hat als Filmautor u.a.  für „Die Zeit“, „taz“ und „konkret“ geschrieben. Im Juni erscheint sein neues Buch „Träumen Androiden von elektronischen Orgasmen?“ (Bertz + Fischer).