Eurosonic / Noorderslag Tag 1: Von Grenzen und Grolschen

Reden wir nicht über die Kopfschmerzen, die selbst geringer Konsum niederländischen Bieres verursacht: Reden wir über den ersten Tag auf dem Eurosonic / Noorderslag, der ganz im Zeichen Grenzen überwindender Newcomer stand.

Es ist ja nichts Neues, die Festivalberichterstattung mit Kopfschmerzen zu erledigen. Aber wäre es nicht fairer, sich diese Kopfschmerzen wie sonst auch ehrlich und unsinnig ersoffen zu haben? Und nicht bloß drei Grolsch getrunken zu haben? So viel zur Einleitung, um den alliterierenden Titel des ersten Nachberichtes vom Eurosonic / Noorderslag in Groningen zu rechtfertigen. Vielleicht kommen die Kopfschmerzen allerdings auch vom penetranten Gepfeife des Wirtes der Kneipe „De Pintelier“, das sicher jeden Medienvertreter zum Wahnsinn treibt, der wie die ROLLING STONE-Delegation im University Guesthouse untergebracht hat.

Wir schweifen schon wieder ab: Hier soll es schließlich um ein Festival gehen, das der normale Konzert- und Festivalgänger in Deutschland nur bedingt auf dem Schirm haben mag, das sich aber in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Treffs der Live-Branche entwickelt hat. Auf dem Eurosonic / Noorderslagt trifft sich die Festivalbranche, um die European Festival Awards entgegen zu nehmen, und vor allem, um frische Namen für die Line-ups der kommenden Jahre zu entdecken. Franz Ferdinand wurden zum Beispiel hier für die deutschen Bühnen entdeckt – im letzten Jahr war es James Blake, der dann ja auch einen beachtlichen Siegeszug durch die Charts, Clubs und über die europäischen Festivalbühnen hinlegte. Mit langweiligem Branchengeschäker hat das ganze in der Praxis jedoch erstaunlich wenig zu tun: Auch für Freunde unverbrauchter Musik ist das Festival eine gute Adresse. Hier muss man schon wirklich sehr dicht am Puls der Musikwelt sein, um alle Namen im Line-up zu kennen. Die Chance, völlig aus dem Nichts von einer Band überwältigt zu werden, ist hier also recht groß. Auch Groningen hat ihren Anteil am Charme des Eurosonic / Noorderslag. Die ebenso idyllische wie lebhafte Studentenstadt hat eine in Jahrzehnten gewachsene Live-Club-Kultur, mit wundervollen Locations wie dem Traditionsclub „Vera“. Ein Blick auf die zahlreichen Konzertposter und Comics reicht schon, um zu sehen, das hier gute Musik zuhause ist. Oder auf die Liste des „Vera Polls„, die unter der Decke des Clubs zu lesen ist: Dabei wird in jedem Jahr von den Gästen der beste Live-Act, der im Vera spielte, gekürt. Los ging es 1981 mit DAF, später folgten u. a. The Gun Club, (1984) und Shellac (1995). Aber die „Vera“ ist nur ein Beispiel von vielen…

Der erste Abend des Festivals stand zunächst ganz im Zeichen der European Festival Awards und der Show um die Vergabe des European Border Breakers, kurz EBBA, die von „Later…“-Moderator Jools Holland moderiert wurde. Der EBBA wird in jedem Jahr an zehn Newcomer aus zehn Ländern verliehen, denen man grenzenüberschreitenden Erfolg zuschreibt. Stilistisch gibt es dabei keine erkennbaren Grenzen, was zur Folge hatte, dass die deutschen Preisträger Boy gemeinsam mit Alexandra Stan (die uns den „Dance Hit“ „Mr. Saxobeat“ eingebrockt hat) auf die Bühne mussten, um ihren Award in Empfang zu nehmen. Nicht nur musikalisch zwei Welten, die dort aufeinandertrafen: Die lässig-schick gekleideten Schönheiten von Boy neben der Stan, die eine glitzernde Polizei-Mütze trug, ein blaues, durchsichtiges Kleid und Schuhe, mit denen man einen Menschen töten könnte.

Die Award-Show war dabei eine ebenso kurzweilige wie unterhaltsame Angelegenheit: Jools Holland weiß eben, wie man so was präsentiert – und die überwiegend hohe musikalische Qualität der Preisträger, von denen die meisten Anwesenden auch einen Song live spielten, taten ihr übriges, um den Abend galant einzuläuten. Dabei waren es vor allem die kreativen Damen, die den lautesten Beifall bekamen: Die quirlige Selah Sue, die später auch noch den Publikumspreis abstaubte überzeugte mit ihrem immer etwas pissig wirkenden Charme, Boy (Foto 2) sorgten mit ihrer Band und „Little Numbers“ für die Mitklatschparts, Agnes Obel mit Harfe und Klavier für einen Hauch von Hochkultur und die kleine große Anna Calvi spielt eben auch auf einer glitzernden Award Show, als würde sie in einem schwitzigen Bluesclub um ihr Leben klampfen. Der vielleicht schönste Moment wurde dann von James Vincent McMorrow (Foto 1) beschallt, der aufgrund von Umbauschwierigkeiten auf der zweien Bühne einen Song extra spielen durfte, und dann, ganz alleine, mit seiner unglaublichen Stimme „Follow You Down The Red Oak Tree“ sang. Der Auftritt der Wiener Elektro Guzzi fiel dann eher in die Kategorie „Spezielles“, auch wenn es schon recht eindrucksvoll ist, wie das Trio Minimal Techno mit der Gitarre/Schlagzeug/Bass-Besetzung 1 zu 1 nachspielen. Von ihnen stammte dann auch der politischste Kommentar zum „Border Breakers“ – sie wiesen in ihren Dankesrede darauf hin, dass es ja am besten wäre, wenn es in Europa keine Borders mehr zum breaken gäbe.

Im Anschluss ging es dann in die Clubs, wobei man sagen muss, dass der Eurosonic-Mittwoch eher der Anwärmtag ist und lediglich vier Locations geöffnet sind. Am besten bedient war man dabei in der schon anfangs gelobten „Vera“, wo die Irin Lisa Hannigan den Abend eröffnete. Die ehemalige Backgroundsängerin von Damien Rice wurde ja bereits ausführlich vorgestellt bei uns – live überzeugte sie auf ganzer Linie. Routiniert und charme-sprühend zugleich, war sie vor allem dann, wenn sie sang, ganz in ihrem Element und es war geradezu eine Freude zu beobachten, wie sich diese tiefe, kraftvolle Stimme aus diesem schönen Gesicht herausarbeitet, wie ihr Mund dabei mal Zähne zeigt mal lächelt, wie sich die Venen spannen, bei den tiefen Tönen, wie sie die Augen schließt, wenn sie die Zeilen singt, die ihr besonders am Herzen liegen.

Auch 2:54, die mit viel Vorschusslob zum Festival kamen, sorgten für volle Reihen und schmachtende Blicke von Männlein und Weiblein. Die Schwestern aus London benannten sich nach ihrer liebsten Stelle in einem Melvins-Song, einem dieser Momente, in dem ein Song leise Ausatmet, bevor einen Gitarrendonner hineinfährt und die Stille zerreisst. So funktioniert auch ihre Musik, wenn auch nicht so extrem wie bei anderen Anhängern der Laut-Leise-Fraktion. Dunkler, jangelnder, verzerrter Pop durchweht diese Stücke, von denen „Scarlet“ am eindringlichsten wirkte:

Die Intergalactic Lovers aus Belgien – ebenfalls mit einem kleinen Hype im Gepäck – hat man dann leider nur kurz gesehen, aber da wird es am heutigen Abend noch eine Chance geben. Ebenso die French Films, die man zwar nur zwei Songs lang sah, diese aber summend mit nach Hause nahm.


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