Franz Josef Gegenwart: Zum Tod von Franz Josef Degenhardt


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Am 3. Dezember wäre er 80 Jahre alt geworden. Eine Retrospektive mit dem Titel „Gehen unsere Träume durch mein Lied“ sollte einen Tag zuvor erscheinen, um den größten, poetischsten und widerständigsten deutschen Liedermacher zu ehren. Nun ist aus den Zeilen von Louis Fürnberg, die dem Karriererückblick seinen Namen geben, eine Grabrede geworden, denn Franz Josef Degenhardt ist gestern in Quickborn bei Hamburg gestorben. „Ja, ich hab mein Schicksal längst beschlossen, als ich mich zum Widerspruch entschied. Wenn ich singe, Freunde und Genossen, gehen unsere Träume durch mein Lied.“

Die Welt, von der Degenhardt in seinen bekanntesten Lieder sang, scheint längst untergegangen. Diese alte Bundesrepublik, diese miefigen und piefigen Sechzigerjahre, als Polizisten noch Schutzmänner hießen, die Kirche mitten im Dorf stand und der Kommunismus noch ein Ausweg schien. Franz Josef Degenhardt hält der Gesellschaft den Spiegel vor, sagte man damals. Das ist natürlich eine Phrase, eine von der Reklame ausgehölte Formel, die heute in jeder zweiten Produktbeschreibung einer Plattenfirma steht. Aber vermutlich wurde sie für Degenhardt erfunden, denn niemand beobachtete so präzise, niemand sonst konnte den Mantel der Verlogenheit mit einer Zeile zerreißen.

Und man kann diesen mit schneidender Stimme erzählten Geschichten immer noch zuhören, hört die lyrische Kraft und die Spuren, die sie bei den Liedermachern späterer Generationen hinterlassen hat. Sven Regener von Element Of Crime muss ganz genau zugehört haben, auch Jochen Distelmeyer kennt das Degenhardtsche Werk wohl gut. Und dann stellt man fest, dass Lieder wie das über den Gastarbeiter „Tonio Schiavo“ gar nicht soweit entfernt sind von unserer Wirklichkeit, dass der deutsche Sonntag irgendwie immer noch ein „Deutscher Sonntag“ ist und Degenhardts „Weintrinker“ nicht nur am Prenzlauer Berg überlebt haben: „Ich möchte Weintrinker sein/ Mit Kumpanen abends vor der Sonne sitzen/ Und von Dingen reden, die wir gleich versteh’n/ Harmlos und ganz einfach meinen Tag ausschwitzen/ Und nach Mädchen gucken, die vorübergeh’n.“

Nein, die Bundesrepublik hat sich nicht so grundlegend verändert, ist nicht weniger miefig und piefig als früher. Nur die Slogans sind subtiler geworden, die Selbsttäuschungmaschine funktioniert besser als damals, als der Abgrund des Zweiten Weltkriegs noch in Sichtweite war. Erinnern wird uns an Franz Josef Degenhardt, indem wir seine Lieder wieder hören, ehren wir ihn als Franz Josef Gegenwart.