Johnny Cash – „American Recordings“


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Doch als „American Recordings“ erschien, dachte man gar nicht an eine solche Würdigung, man dachte nicht einmal an Johnny Cash. Und Johnny Cash dachte eher an die diesseitigen Qualen und seelischen Abgründe als an die jenseitige Erlösung, dachte aber auch an die Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet der rauschebärtige Hippie mit dem Faible für HipHop, Rick Rubin, es ihm ermöglichte, seinen alten Traum zu erfüllen: ein Album nur mit seiner Stimme und einer akustischen Gitarre, die er spielen wollte, wie einst seine Mutter, als er mit ihr alte Gospellieder sang – die Seiten mit dem Daumen anschlagend und ab und zu alle Finger auf die Seiten krachen lassend.

Ich erinnere mich, wie verstört ich war, als ich „American Recordings“ 1994 zum ersten Mal bei einem Freund hörte. Direkter hatte mich bis dahin noch kein Album getroffen, dabei klang es aber gleichzeitig sehr weit entfernt. Ich schaute mir gleich das Cover an. Dieser dunkel dreinblickende Typ mit dem langen Mantel und den zwei Hunden, der markig auf einem linierten Block geschriebene Begleittext, der dem Album beilag und von all den alten Songs, die ich nicht kannte, erzählte, von der Faszination des Radios und der Liebe zu Gitarren. All das war mir fremd und doch saß mir diese alttestamentarische Stimme vom ersten Ton an im Nacken. „The past was close behind“ – wie Bob Dylan einmal sang.

Obwohl der so charakteristische boom-chicka-boom-Beat früherer Cash-Aufnahmen fehlt, zeigt kein Album den Man In Black deutlicher, dunkler und mehr auf der Höhe seiner Kunst als die „American Recordings“. Die Mörderballade „Delia“ (mit dem großartigen Video, in dem der alte Cash Kate Moss meuchelt), die in ihrer Abgründigkeit weitaus überzeugender wirkt als der „Folsom Prison Blues“. Selbst die Songs, die nicht aus seiner Feder stammen sind so unglaublich nah dran an diesem Fürst der Finsternis: „The Beast In Me“ hat Nick Lowe seinem ehemaligen Schwiegervater auf den Leib geschrieben und auch Glenn Danzig und Loudon Wainwright III müssen beim komponieren von „Thirteen“ bzw. „The Man Who Couldn’t Cry“ an einen wie Cash gedacht haben.

Natürlich sind da auch wieder die Züge, die die Weite des Landes durchmessen, die Sehnsucht nach Freiheit aber auch den von Gott vorbestimmten Weg (die Schienen!) symbolisieren: Tom Waits‘ „Down There By The Train“ aber vor allem Cashs eigenes „Let The Train Blow The Whistle“, das Jim Jarmusch zu seinem Meisterwerk „Dead Man“ inspiriert haben könnte, ja, muss. Dieser Film scheint für mich untrennbar mit den „American Recordings“ verbunden. Da ist der Zug, mit dem der Film beginnt, da ist Robert Mitchum, der ausschaut, wie Johnny Cash auf dem Albumcover, da sind die Bibelzitate, und da ist der Buchhalter William Blake alias Johnny Depp, der sich mit einer Kugel im Körper und mit Hilfe des Indianers Nobody, der ihn für den englischen Dichter gleichen Namens hält, auf eine höhere Bewusstseinsebene schleppt. Auch Johnny Cash bewegte sich damals schon wie ein Angeschossener durch diese Songs, die Drogen und diverse Krankheiten steckten wie Kugeln in seinem Körper. Narben bedeckten Gesicht und Seele wie bei der anderen großen amerikanischen Legende, Moby Dick. Und Cash fand in Rick Rubin seinen Nobody, der in ihm viel mehr sah, als eine gealterte Country-Legende, einen angeschossenen Sänger: einen Heilsbringer nämlich, einen Poeten! So führte er ihn ein Stück näher an die Ewigkeit. Wie sagte Bob Dylan in der letzten Woche über seinen Freund Johnny: „He rises high above all, and he’ll be never die or be forgotten, even by persons not born yet – especially those persons – and that is forever.“ Ziehen wir den Hut vor the greatest cowboy of them all.

American Recordings/Columbia, 1994