Papa kommt! So war das Immergut in Neustrelitz


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Als die coolen Hunde von dEUS Samstagnacht als letzter Act die Hauptbühne in Neustrelitz betraten, schloss sich ein Kreis, dessen Ursprung so was wie die Geburtsstunde des Immerguts war: Es waren unter anderem dEUS, die 1998 von den noch spätpubertierenden Festivalgründern beim Hurricane in Scheeßel unter widrigen Umständen bestaunt wurden. Damals dachte man, so erfährt man aus dem Programmheft: „Diese Band braucht eine ganz andere Plattform als dieses viel zu große Festival mit all dem Pöbel, der doch nur wegen Marylin Manson da ist.“ Aus der Erkenntnis, dass es für „diese Energie“ und „diese Typen“ ein eigenes Festival geben muss, entstand schon ein Jahr später das Immergut – in einem Landstrich, der immer noch eher durch NPD-Wahlkämpfe oder Touristenbroschüren der Mecklenburger Seenplatte im Bewusstsein ist. „Immerguts Papa ist dEUS“ – heißt es weiter, in diesem ebenso ansteckenden wie euphorischem Pathos, der dem Immergut so eigen ist.

Nun steht Papa also selbst auf der Bühne – und man kann die Metapher ruhig noch ein wenig weiterreiten: Denn ähnlich wie die Belgier, ist das Festival selbst ein wenig in die Jahre gekommen. Und, ähnlich wie über das Immergut, kann man auch über dEUS sagen: Sie haben sich gut gehalten – obwohl weder dEUS noch das Immergut die Besetzung haben, die sich einst 1998 auf dem Hurricane unwissentlich gegenüberstand.

dEUS lebten ja schon immer vor allem vom Perfektionismus und der kreativen Energie des Tom Barman, die auf kurz oder lang ähnlich sendungsstarke Querköpfe wie Stef Kamil Carlens oder Rudy Trouvé aus der Band trieb. Beim Immergut sind dEUS überzeugend wie immer, leidenschaftlich in ihren Songs und ihrem Schaffen, aber kühl gegenüber dem Publikum, das eh nicht so zahlreich erschienen ist, wie z. B.  bei Darwin Deez am Abend zuvor. „Hey guys. How are you? You look tired! WE’RE definately NOT tired.“ Das erinnerte fast an einen Vater, der seinen bei den Minikicker stürmenden Sohnemann antreibt. Aber musikalisch bekehrten sie nicht nur die Immergut-Gründer sondern auch das Jungvolk. So tanzten zwei bedröhnte 20jährige vom ersten bis zum letzten Song – und machten „Roses“, erschienen 1996, als besten Song des Abends aus. Eröffnet wurde das dEUS-Set mit „Sun Ra“: „Here comes, here comes the night train“, heißt es dort, und die nervöse Energie des Songs rüttelte immerhin den ein oder anderen wach. „Unglaublich, wie präsent dEUS von der ersten Minute an sind“, hört man fachmännisch von rechts. Dennoch entstammen die Highlight weiterhin ihrer 90er-Phase: „Roses“ eben, „Instant Street“ – und natürlich, damals wie heute der Rausschmeißer: „Suds & Soda“. Neue Songs gab’s auch, weil ja im September ein neues Album kommt: Das recht eingängige „The Constant Now“ (hier eine Live-Aufname) überzeugte dabei am meisten.

Wo dEUS heute immer noch den Sound der 90er in ihrer DNA haben, hat sich das Immergut schon längst von zu viel Nostalgie befreit und schaffte in diesem Jahr mit seinem Line-up wieder einen guten Spagat zwischen der Musik, die sich vermutlich in den Plattensammlungen der Gründer findet (Mogwai, Frank Spilker, Station 17, Jason Collett) und noch recht frischen bzw. hippen Namen, die man so braucht, um das Jungvolk zu pleasen. Bodi Bill in etwa, die unter Pseudonym angekündigt wurden, die bunten Island-Truppe Retro Stefson, die Morrissey-Jünger The Crookes, die hübschen Keyboard-Grazien Those Dancing Days oder der belgische Geheimtipp Balthazar.

Aber Bands sind auf einem Festival wie dem Immergut bekanntlich nur die halbe Miete. Das Geheimnis, warum es dieses Festival noch immer gibt, warum es auf mindestens zwei Generationsebenen funktioniert und warum es dem Autor dieser Zeilen jedesmal ein Seufzen entlockt, wenn er das erste Mal die Immergut-Lichtung betritt, ist einzig und allein der Euphorie geschuldet, die aus allem strömt, was dort in Neustrelitz passiert. Selbst, wenn man dabei oftmals über das Ziel hinaus schießt, die Parkplatzeinweiserin vor lauter gute Laune gar nicht weiß, warum sie eigentlich ihren Job macht, das Programmheft zwar wunderbar zu lesen ist, aber ohne Zeitplanübersicht daherkommt, und die Brötchenverkäuferin meint, sie müsse sich entschuldigen, bloß weil sie am letzten Festivalmorgen bei der Arbeit ein Bier trinkt. Aber auch der Lichtung, die in diesem Jahr wieder mit zwei Außen- und einer Zeltbühne bespielt wurde, ist es zu verdanken, dass sich binnen Sekunden ein vertrautes Gefühl einstellt und man sich jedes Jahr auf’s Neue denkt, dass das Immergut ein wunderbarer Start in die Freiluftsaison ist. So ein liebevoll ausgestaltetes Festivalgelände sieht man eben selten.

Doch zurück zur Musik: Aufreger des Wochenendes waren Bodi Bill, die erst unter dem Namen Holden Caulfield, dann unter dem Namen The Jane Fonda Trio angekündigt wurden. Ein cleverer Schachzug, der für Gesprächsstoff und nette Gerüchte sorgte. Besonders scharfsinnige Festival-Websites frohlockten gleich, dabei könne es sich ja nur um Die Ärzte handeln – weil: auch ein Trio, und auch manchmal unter Pseudonym unterwegs. Einen Tusch bitte. Bodi Bill stellten dann schnell klar: „Wir sind Bodi Bill. Nicht die Ärzte.“ Eine Cover-Version derselbigen – so just for fun – hatten sie leider nicht parat. Dafür lustige Masken und Saurierknochen aus Plastik. Man wusste bloß nicht, wie das zu ihrer Musik oder ihrer Show passt. Überhaupt blieb die Frage unbeantwortet, was denn an denen so großartig sein soll. Aber die zahlreichen Fans, die sie schon haben – vielleicht weil ihr Label Sinnbus schon fast Kultstatus innehat – feierten sie, als wären sie der wahre Headliner des Freitags – und nicht die im Vergleich alten Herren von dEUS. Als Zweifler fragte man sich so: Gibt’s denn keinen, der ihre Musik zu kühl, ihren Vortrag zu prätentiös, ihre Lyrics als zu hölzern empfindet? Oder funktionierte es, weil es einfach gut in den Zehenspitzen pluckert?

Die Gewinner des inoffiziellen Zeltspring-Wettbewerbs waren wenig später Retro Stefson – isländische Jungspunde mit offensichtlicher Musikschulen-Vergangenheit und amüsantem Hang zum Stilbruch. Klingt manchmal, als würden Isländer den „König der Löwen“ nachspielen, aber machte augenscheinlich dermaßen Spaß, dass das Zeltbodenbeben eine Richterskala gebraucht hätte. Zuvor hatten Waters (weder verwandt noch verschwägert mit Roger gleichen Namens), die erst im Herbst ihr Debüt (auf City Slang) vorlegen, ihren allerersten Auftritt. Hinter dem recht beliebigen Namen verbirgt sich Van Pierszalowski, der vormals bei Port O’Brien tätig war. Obwohl er auch deren Hits wie „I Woke Up Today“ spielte (der Grund: „This is our first gig ever. We don’t have enough songs for a whole set“) waren es vor allem die ungestümen Waters-Songs, aus denen man den melodischen Krach von Dinosaur Jr. und Sebadoh rauszuhören glaubte. Pierszalowski war dann auch voll des Lobes für das Immergut.

Am Freitag beschlossen Mogwai die Hauptbühne und funktionierten mit ihrer gut gelaunten Routine und erhöhter Lautstärke wieder genauso gut , wie sie es immer tun. Das andächtige Kopfnicken unter den Bäumen der Immergut-Lichtung ließ einen dabei bisweilen an unheimliches Sektentreiben denken. Darwin Deez, der Wirrkopf aus New York, setzte davor einen guten Kontrast zum dramatischen Ausklang: „Radar Detector“, „Constellations“, „Suicide Songs“ – allesamt lässige, grinsend hingeworfene Hit-Skizzen, die erstaunlich gut ankamen. Nur die Tanzperformances seiner Band zwischen den Songs bekamen mehr Applaus. Vor allem, wenn dabei Take-That-Moves auf „Justified“ von Rage Against The Machine trafen.

Ach, man könnte noch seitenweise weiterschreiben – über die Birkenhain-Bühne, die tagsüber mit Lesungen von Nagel und Tino Hanekamp gut unterhielt. Über Jürgen Kuttner, der dort einen seiner aus der Volksbühne bekannten Vorträge hielt und herrlich überdreht über eingedeutschte Coverversionen wetterte (und dem jungen Publikum auf diesem Weg „Der Hund von Baskerville“ von Cindy und Bert und das grandiose „Ich bin noch immer unbefriedigt“ von Rolf Schwendter nahebrachte). Über Jason Collett, der etwas angepisst den Soundmann auflaufen lief. Über Balthazar aus Belgien, die am Samstag einen Toast auf die Gastgeber sangen und die Meute zu „Blood Like Wine“ auf das Immergut anstoßen ließen (weil die letzte Strophe so schön passt und der Toast im Programmheft angekündigt wurde: „Raise your glass to the nighttime and the ways… to choose a mood and have it replaced“). Über Those Dancing Days, die dem schlechten Sound ihres Gigs eine noch schlechtere Laune entgegensetzten – und natürlich über all die Immergut-Anekdoten, die sich zwangsläufig ergeben, wenn ein paar tausend Menschen zum ersten Mal im Jahr die Freuden eines Festivals erfahren – und auch da mitunter über das Ziel hinausschießen.

Am Ende kann man dem Team des Immergut nur gratulieren. Schon erstaunlich, dass man es dort jedes Jahr aufs Neue schafft – auch mit einem sich immer wieder mal verjüngenden Team – einen soliden bis wunderbaren Saison-Start hinzulegen. Das wird auch der Papa aus Belgien unterschreiben. Und Tocotronic rufen aus der Ferne: „Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut.“