Parole Brandi: Die vergessene Kunst des Scheiterns

Unsere Kolumnistin ist der ständigen Erfolgsgeschichten müde und sehnt sich nach dem echten Leben.

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Ich bin am Tag laut meiner Handyanzeige bloß noch eine Stunde lang auf Instagram, und trotzdem ist mein Gehirn ein Brei aus Mist. Marina Weisband hat mal gesagt, dass die großen Social Media Plattformen eben kein öffentlicher Raum sind, sondern die Wohnzimmer von ein paar Überreichen.  Und ich sag mal so: ich fühl’s.

Vor ein paar Tagen ging ich zum Dortmunder Ostfriedhof und dachte über Geld nach und wie es jeden einzelnen Lebensbereich nach und nach zu erfassen scheint, als ich auf das erste leicht knirschende, gelbe Ahornblatt des Jahres trat:  Wo genau befinden sich eigentlich die letzten Lücken des Kapitalismus? Und warum empfinde ich ihn als System mehr und mehr als allumfassend?

Da das, was wir unser Leben nennen, also schön Essen gehen, Freunde knutschen, Hunde haben, Gläser in den Sonnenuntergang halten, Urlaub machen, immer auf Social Media bewiesen werden muss, und Social Media den Großkonzernen gehört, fragte ich mich: Was ist denn dann noch ein „Leben“ abseits von diesem Dreck? und schritt durch das schmiedeeiserne Tor auf den Kirchhof.

Ein Eichhörnchen huschte über den Weg und versuchte, eine Haselnuss zu fangen, die ihm immer wieder davon sprang. Vorsichtig, um das Tier nicht zu stören, ging ich über den Weg an der breiten Magnolie vorbei. Das Eichhörnchen starrte hechelnd auf einen entfernten Punkt am Boden, dann, ohne Vorwarnung, sprang es auf die Nuss, die an die Grasnarbe gerollt war, packte sie endlich und verschwand im Gebüsch.

Ein bisschen Edge

Es ist die Erfolgserzählung, die alles kontaminiert, dachte ich. Erfolg zu haben, das sagen die Bilder vom Urlaub, vom Essen, vom Bikini und vom Hund. Hier hat jemand Erfolg. Hier lebt jemand ein Leben und es läuft bei ihm/ihr. Aber da macht der Scheiß nicht Halt, Walt Disney brauchte ja zwischendurch auch ein bissken edge, daher hat er Bambis Mama abknallen lassen. Übertragen auf unser „privates“ Internetverhalten bedeutet das: Selbst wenn wir leiden, wenn wir auch mal schmerzerfüllte Gesichter, Geschichten von Narben, Rückschlägen, sogar von Armut und Verlust zeigen, alles das bleibt kompatibel, solange es gut ausgeht. „Das sind die Geschichten, die die Menschen inspirieren“, meinte ein Freund letztens zu mir, der als Unternehmer arbeitet. Eine Menschheit ohne vorwärts, ohne Inspiration zu irgendeiner Form des Erfolgs scheint schlicht nicht mehr denkbar zu sein.

Aber was ist mit dem echten Fail, dachte ich. Ist das mittlerweile bereits nur als Ereignis einfach keine Option mehr?

Kunst als Dienstleitung

Selbst wenn ich im Theater arbeite und Musik für ein vor meinen Augen entwickeltes Stück schreibe, ertappe ich mich bei Gedanken, die ich mir früher nicht in dem Ausmaß gemacht habe: Wer soll das hier konsumieren? Warum sollte jemand hierfür Geld ausgeben? Dabei ist es nicht mal mein Problem, das ist das Problem des Theaters. Für eine, die sich selbst immer als überzeugte Künstlerin verstanden hat, sind das die verbotenen Gedanken, die dürfen und müssen zwar eines Tages dazukommen, aber doch immer erst hinterher, um Gottes Willen schon während des Erschaffens selbst, sonst wird Kunst halt zur Dienstleistung.

Ich habe letztens ein Video im Internet gefunden, auf dem eine armenische Bauernfamilie Brot backt. Die Kameraführung – perfekt, die sympathisch runzligen Menschen in den frisch gewaschenen, blumengemusterten Röcken sprechen seltsamerweise kein Wort, sondern gießen nur goldenes Öl aus sauberen, fleckenfreien Flaschen in große, seltsam teuer aussehende Schüsseln, welches sie mit schneeweißem Mehl und einer Prise Salz aus einer kleinen, hübsch bemalten Dose stoisch zu einem glatten Teig kneten. Die Brote, die für dieses Video entstehen, haben die Größe und das Aussehen von Wagenrädern. Aber irgendetwas war hier komisch, irgendwas daran war doch ganz klar eine Fälschung, warum war alles in Armenien auf dem Land auf einmal so fusselfrei und instagramable – oder (oh Schreck) gönnte ich den armenischen Bäuerinnen nur ihren Instagram-Moment nicht?

Die fiese Wespe Erfolg

„Erfolg“ ist auf eine Art eine zutiefst subjektive Angelegenheit und gleichzeitig hochpolitisch aufgeladen. Für eine satte, weiße Frau wie mich stellt ihr enervierendes Narrativ etwas dar, was ich noch am ehesten mit einer ewigen Wespe im Auto vergleichen würde, für andere ist es ein absolut lebensnotwendiger Antrieb, den ich wirklich niemandem strittig machen will.

Und doch: Erzählungen, die nach den aktuellen Erfolgs-Mustern nicht erzählbar sind, interessieren mich. Dinge, die sich jeder Werbeerzählung, jeder Pitchbarkeit, jeder Verfilmung entziehen, weil sie gar nicht auf „Erfolg“ angelegt sind, ohne gleich (und das ist die Herausforderung!) schlicht und ergreifend scheiße zu sein.

Darf ich mich des Scheiterns schuldig machen, ohne die Verpflichtung zur Transformation zu haben? Darf ich eine Verliererin sein? Ist es logisch möglich, Frieden mit dem eigenen Scheitern zu machen? Welches wohlwollende Auge brauchen wir als Zeugen, um uns in unserem Scheitern ohne „guck mal was ich daraus gemacht hab!“-Story gesehen zu fühlen? Wenn wir in der Arbeit failen, wenn uns jemand nicht mehr liebt, wenn wir etwas nicht geschafft haben, wenn etwas kaputt geht, wenn wir krank werden, wenn jemand stirbt und wir den Kummer darüber nicht verwinden? Wer ist bereit den Raum mit uns zu halten, in dem das alles stattfindet, wer traut sich das, wer erträgt das? Wie werden wir wieder kamerauntauglich?

Alles anders?

Von diesen Gedanken angefüllt, setzte ich mich auf eine der Parkbänke in die Sonne und sah der unermüdlichen Dortmunder Bevölkerung zu, die sich in zwei Gruppen aufzuteilen schien, die an mir vorbeikamen: einmal kleine Omas mit noch kleinerem Hund, die schlurfend und geduldig die Gräber sauber machten und Jogger. Warum joggen eigentlich mittlerweile alle, sogar ich? dachte ich.  Wir müssen was tun, schoss es mir durch den Kopf (nichts geht über einen produktiven Impuls ins Nichts) …

Angenommen, es gäbe eine starke Strömung innerhalb unserer Gesellschaft, die sich selber Klamotten näht, vielleicht sogar selber Musiklabel gründet, selbstgemachte Fanzines herausbringt (macht mehr Fanzines!), ihre Sachen repariert anstatt sie neu im Internet zu bestellen, sich konsequent vegan ernährt, den Gedanken von Eliten und sei es nur Internet-Schönheits-Eliten, ablehnt, Schönheit selbst ganz neu definiert, damit experimentiert, antirassistisch lebt, Geschlechter als fluide und Kunst als Waffe begreift – ach warte mal, das gab’s ja alles schon. Ich glaube, das hieß „Punk“ und ich glaube, heute gibt es bei H&M T-Shirts davon.

Unendlich müde stand ich auf und ging nach Hause, um das erste Instagram-Reel meines Lebens zu drehen.

Charlotte Brandi schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.