„But why?“: Dies ist der Film hinter dem Pinguin-Hype bei TikTok

Seit Tagen ist ein einsam in die Weiten der Arktis watschelnder Pinguin Trend bei TikTok. Er stammt aus einem Film von Werner Herzog.

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Werner Herzog hat ja schon seit vielen Jahren ein ihm kultisch ergebenes Publikum. Dass er aber mit einer Szene aus einem seiner berüchtigten Dokumentarfilme einmal bei TikTok viral gehen würde, das war nicht abzusehen.

Seit einigen Tagen trendet dort und auch auf Instagram, Reddit, YouTube und X ein einamer Adeliepinguin, der nicht wie üblich zum Meer oder zurück zur Kolonie läuft, sondern stattdessen allein ins antarktische Nichts in die Bergen watschelt.

Im Netz kursiert das Tier längst nur noch als „Nihilist Penguin“ oder „Lonely Penguin“. Noch mehr Aufmerksamkeit erhielt das Video und Meme, als das Weiße Haus zu seinen Grönlandplänen ausgerechnet eine KI-Monate mit Donald Trump und einem Pinguin zeigte (dabei befinden sie sich doch, wie jedes Kind weiß, auf der anderen Seite der Erdkugel).

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Werner Herzog besucht die Antarktis

Inzwischen wird der Clip – oft auch mit dem nüchternen Kommentar von Werner Herzog im Hintergrund – millionenfach geteilt. Doch nur wenige kennen den Film, aus dem die nicht so leicht aufzuklärende Szene stammt. Er heißt „Encounters At The End of the World“ (Begegnungen am Ende der Welt, 2007) und erzählt von Beobachtungen, die Werner Herzog bei einer Visite in der Antarktis, bei Menschen, die dort arbeiten und leben. Besucht wird unter anderem die McMurdo-Station an der Südspitze der Ross-Insel.

Natürlich geht es irgendwann auch um Pinguine, die dort leben. „Einer von ihnen fiel uns besonders auf – der in der Mitte“, erzählt Herzog von einem der Tiere. „Er wollte weder zu den Futterplätzen… noch zur Kolonie zurück. Kurz darauf sahen wir ihn direkt auf die etwa siebzig Kilometer entfernten Berge zulaufen… Aber warum?“

Der Gang des Pinguins gibt Rätsel auf, läuft er doch in Richtung eines Ortes, wo es keine Nahrung, keinen Schutz und keine Gemeinschaft gibt. Ein Wissenschaftler deutet lakonisch an, dass er wahrscheinlich sterben wird.

„Encounters At The End Of The World“ zeigt Menschen und Lebewesen an einem Ort völliger Isolation und Herzog forscht nach Sinn an einem der extremsten Orte der Erde. Es geht auch um das Verschwinden der Eisbedeckung, Vulkane, die (gefährdete) Unterwasserwelt, Neutrino-Forschung und Alltags-Problemen der Forscher.

Extreme Filme, extreme Dokus

Während die Doku zuvor vor allem Cineasten bekannt war (Herzogs gewaltiges Werk umfasst neben Klassikern wie „Fitzcarraldo“, „Aguirre, der Zorn Gottes“ und „Nosferatu – Phantom der Nacht“ zahlreiche Dokumentationen,  die stets mit einem Kommentar des Regisseurs unterlegt sind, die in bajuwarisch gefärbtem Englisch eine ganz eigene Note mitbringen), entdeckt sie nun womöglich eine neue, jüngere Generation. Die Vorstellung von Begegnung ist bei Herzogs Filmen im Sinne von Konfrontation, Kommunikation und Zumutung auch ganz wörtlich zu verstehen. Derzeit ist „Encounters At The End Of The World“ nicht im Stream zu sehen, es gibt ihn aber auf DVD und Blu-ray.

Zu den besten Dokumentarfilmen des 83-Jährigen zählen „Mein liebster Feind“ (über seine Zeit mit Klaus Kinski), „Grizzly Man“ (über einen Naturfilmer, der von einem Grizzlybären getötet wird) und „Die Höhle der vergessenen Träume“ (Einblick in die Chauvet-Höhle in Südfrankreich, in 3D gefilmt). Zuletzt brachte der filmische Grenzgänger die Doku „Ghost Elephants“ (Geister-Elefanten, 2025) über eine mysteriöse Herde von Geisterelefanten im Dschungel von Angola in die Kinos.

Doch warum geht die Pinguin-Szene nach fast 20 Jahren plötzlich viral? Viele sehen im Pinguin in dem Film offenbar ein Sinnbild für Erschöpfung und Entfremdung oder sogar den Wunsch, aus gesellschaftlichen Strukturen auszubrechen. Diese melancholische Stimmung wird von Herzogs monotoner Stimme und der dazu einsetzenden Musik noch emotional verstärkt. Am Ende bleibt eine Frage: „Aber warum?“

Marc Vetter schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.