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Bill Callahan Apocalypse


Drag City VÖ: 22.04.

Nur ein zerknittertes Poster hat ihn angekündigt, den Nachfolger des von der Kritik gefeierten „Sometimes I Wish We Were An Eagle“, auf dem sich Bl Callahan am Ende von Gott und der Welt verabschiedete. Es ist das dritte Studioalbum unter dem eigenen Namen. Das Signet Smog, unter dem Callahan zahlreiche hervorragende Platten veröffentlichte, scheint endgültig ad acta gelegt worden zu sein, genauso wie die Lo-Fi-Ästhetik des Frühwerks. Der 1966 in Maryland geborene Sänger und Songschreiber, der in der Zwischenzeit auch einen Briefroman publiziert hat, nimmt innerhalb der Postrock- oder Postfolk-Szene eine Sonderstellung ein. Lässt er seine Stücke strukturell und thematisch ausufern, verfällt er nie in kunsthandwerkliches Virtuosentum; reduziert er sie auf den Kern ihrer oft bitterbösen Geschichten, verharrt er nicht in den üblichen Posen der Einsamkeit und der Zerknirschung. Sein staubtrockener Humor wird angesichts der arglistigen Weisheiten, die er durch eine Vielzahl akustischer Instrumente (Fiedel, Flöte, Klavier etc.) verbreitet, allzu gern übersehen.

Auf „Apocalypse“, einem Buch mit sieben Siegeln und Songs, schlüpft Callahan mit seinem dunklen, lakonischen Bariton zu Beginn in die Rolle eines Viehtreibers („Drover“), der seine Herde drangsaliert, woraufhin sie sich gegen ihn auflehnt; er hat ja bekanntermaßen eine Vorliebe für skurrile, naturnahe Bildwelten, aber auch für biblische Motive, vor allem jene, welche die Vertreibung aus dem Paradies symbolisieren oder das Ende allen Seins verkünden. Später, in einer weiteren musikalischen Nahaufnahme, hört man, wie er behutsam die Saiten zupft, wie er pfeift und atmet. Man hat den Eindruck, direkt neben ihm zu sitzen, wenn er sich aus der Ferne nach „America!“ sehnt, wenn er David Letterman von Australien aus im Fernsehen sieht, wenn er augenzwinkernd die Großen seiner Zunft heraufbeschwört und dann Afghanistan und Vietnam als Stichwörter nennt, um sein gespaltenes Verhältnis zu seinem Heimatland zu veranschaulichen, dem er nie gedient hat. Unterdessen schwellen die Klänge einer elektrischen Gitarre bedrohlich an, während der Rhythmus stoisch voranschreitet.

Es fällt schwer, einzelne Songs hervorzuheben. Sie sind allesamt einzigartig, wirken gelöst, raffiniert und tiefgründig zugleich; niemals jedoch kommen sie bedeutungsschwanger, überladen oder unzugänglich daher. Sie ergeben ein schlüssiges Ganzes, da jedes angeschlagene Motiv sein Echo findet, sodass der titelgebende, äußerst persönliche Weltuntergang von „Riding For The Feeling“ in „One Fine Morning“ widerhallt. „Apocalypse“ übertrifft fernab herkömmlicher Pop-Entwürfe selbst kühnste Erwartungen. Was die Platte über die wundervollen Melodien und über den subtilen Spannungsbogen hinaus auszeichnet, ist ihre Unaufgeregtheit. So leicht, schön und eindringlich klingt große zeitgenössische Liedkunst nur ganz, ganz selten.


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