Kritik: „Better Call Saul“ – Antihelden aus der zweiten Reihe




Jetzt hat er ihn also eingeholt, seinen ehemaligen bzw. künftigen Mandanten: Jimmy McGill (Bob Odenkirk) alias „Better Call Saul“ Goodman geht in die finale sechste Runde und setzt sich damit vor einen gewissen Walter White, dem er zwischen 2009 und 2013 in vier von fünf „Breaking Bad“-Staffeln immer wieder den Hintern retten musste. Qualitativ hat er mit dem legendären Serienmeisterwerk von Vince Gilligan längst gleichgezogen. Und das ist ein kleines Wunder, wenn man bedenkt, dass viele das Spin-off rund um den findigen zweitbesten Anwalt der Welt zunächst eher für einen gut inszenierten Gag auf Kosten der Zuschauer hielten. Ging es hier nicht ausschließlich darum, möglichst effektreich (und bald) das ungleiche Vater-Ziehsohn-Gespann Walter White/Jesse Pinkman wieder einzuführen und vom „Breaking Bad“-Bonus zu profitieren?

Stattdessen wurde „Better Call Saul“ zur Serie, die viele „Breaking Bad“-Fans gerade wegen der Abwesenheit ihrer Lieblingsfiguren mieden und die Kritiker mit jeder neuen Staffel ein Stück weit mehr ins Herz schlossen. Mit dem von Odenkirk brillant verkörperten Stehaufmännchen Jimmy McGill und seiner Wandlungsgeschichte vom Paulus zum Saulus rückte nämlich ein ganzer Nebenfigurenkosmos in den Mittelpunkt einer Serie, die sich zunächst nicht so sehr für Drogenhandel und Clan-Kriminalität interessierte und um so mehr für die Figuren dahinter. Als würde der Fokus einer Kamera plötzlich scharf gestellt auf den üblicherweise nur schemenhaften Hintergrund.

So wird aus dem schmierigen Anwalt Saul Goodman wieder der aufrechte und clevere Loser Jimmy McGill, den erst die Umstände in die Schmierlappigkeit treiben. Und statt der Geschichte einer ungleichen Vater-Sohn-Beziehung erzählen Gilligan und Kompagnon Peter Gould nun schon im sechsten Jahr eine eigentlich fantastische Liebesgeschichte von zwei Menschen, die ohne einander offenbar einfach nicht können: Jimmy McGill und seine Kollegin und schließlich Gattin Kim Wexler (Rhea Seehorn). In einer fast atemberaubenden Volte war zum Ende der fünften Staffel plötzlich sie es, die den „Breaking Bad“-Schritt zum moralischen Seitenwechsel zu vollziehen schien, während McGill immer noch ein Rest von Aufrichtigkeit geblieben war. Und es wird Aufgabe der finalen Staffel sein, uns in zwei Blöcken zu zeigen, wie McGill es zum Anwalt auf dem goldenen Scheißhaus-Thron (in schönster „Breaking Bad“-Manier gibt es hierauf gleich zu Beginn eine Art Flash-Forward zu sehen) und wieder zurück gebracht hat. Und ja: auch endlich Walter White und Jesse Pinkman auftreten zu lassen.

Der Stachel der zweijährigen Staffelpause, bedingt durch Corona, als auch den Herzinfarkt Odenkirks am Set, sitzt dabei denkbar tief. Wer nicht noch einmal re-binget hat, der wird mitten hineingeworfen in das Szenario, das sich längst von der Anwaltsfarce in Richtung Tarantino & Co. verabschiedet hat. Hühnchen- und Drogendealer Gus Fring (Giancarlo Esposito) hat Nacho Varga und Mike Ehrmantraut für seinen Feldzug gegen Lalo Salamanca (Tony Dalton) eingespannt. Der entkommt dem Anschlag auf sein Leben gerade noch und beginnt nun die Fäden so zu verknüpfen, dass an einem Showdown zwischen den unterschiedlichen Interessengruppen kein Vorbeikommen mehr zu sein scheint.

Lalo Salamanca (Tony Dalton)

Was genau Saul Goodman und seine zunehmend linkische Gattin Kim damit zu tun haben, bleibt – zumindest in den ersten Episoden – noch vage. Sie stürzen sich in den nächsten gemeinsamen Scam, dessen Opfer der ehemalige gemeinsame Arbeitgeber Howard Hamlin (Patrick Fabian) ist. Geschickt wird dabei auf Figuren aus der ersten Saul-Staffel zurückgegriffen. Figuren aus einer Zeit, in der Saul noch Jimmy, Kim eine aufrechte Anwältin und der kriminelle Sumpf von Albuquerque nur eine Vorahnung war. Das Feld wird bestellt, um weiteren alten Bekannten Einlass zu gewähren. Doch bis es so weit ist, ist noch mit etlichen Nahaufnahmen von staubigen Stiefeln, angriffslustigen Insekten und Schnurrbärten zu rechnen. Schließlich sind wir immer noch im Revier von Saul Goodman kurz vor seiner Transformation. An deren Ende könnte ein Italo-Western stehen. Sehr viel wahrscheinlicher aber gibt es ein Wiedersehen. Und den tränenreichen Abschied von Figuren, deren Existenz während fünf Jahren „Breaking Bad“ in Vergessenheit zu geraten schien (Netflix, neue Episode immer Dienstags).

Netflix

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