Rock’n’Roll-Souvenirs: Zum Ende des Chelsea Hotels



New York City hat lange gezittert. Jetzt ist es doch passiert. Das legendäre Chelsea Hotel, Rückzugsort rastloser Rock’n’Roller wie Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison und Bob Dylan, hat am 1. August auf unbestimmte Zeit seine grüne Tür geschlossen. Angeblich wegen ausgiebiger Renovierungsarbeiten und zum ersten Mal seit der Eröffnung 1884.

Unsere Autorin war eine der letzten Gäste im Chelsea. Ein Goodbye an eine alte Liebe.

„Giving me head on the unmade bed, while the limousines wait in the street“, war das wirklich so im Song? War es. Das waren die Sechziger, und diese skandalöse Zeile in der ersten Strophe, das spielte sich wohl so ab.

Mit „Chelsea Hotel # 2“  setzt Leonard Cohen auf dem Album „New Skin for the old Ceremony“  seiner Affäre mit Janis Joplin, Austragungsort war wohl mehrheitlich das Chelsea, ein musikalisches Denkmal. Wenn sich zwei solcher Pop-Größen auf ein Tête-à-tête einlassen, dann nicht irgendwo. Die Limousine hält in der 222 West 23rd Street, Manhattan. 

Knapp 40 Jahre nachdem dieser Song das Licht der Welt erblickte, schlendere ich hier durch die Lobby, die immer noch aussieht wie auf den alten Fotos. Den Kronleuchter würde man heute wohl als „neo-retro“ bezeichnen. Ich stelle mir vor wie Patti Smith, Frau der Fragmente, in jenem Ledersessel vor mir am Fenster saß und versucht hat endlich ein Gedicht zu Ende zu bringen. Das große Pferde-Gemälde aus der Hand Joe Bandoes wirkt bedrückend und beruhigend zugleich. In meinem nostalgischen Schwärmen erwische ich mich bei einem „Früher-war-alles-besser“-Gedanken, da mein Venti-Latte-Mocchachino-free-heartattack-to-go-Starbucks-Becher so gar nicht ins Bild passen will – als mir mein Geburtsjahr einfällt. 1986, da war hier die heiße Zeit schon beinahe vorbei. Da waren Patti und Robert Mapplethorpe schon längst ausgezogen. Sie aufs Land, er in ein großzügiges Loft um die Ecke, gesponsert von Sugardaddy Sam Wagstaff.

„You know you’re at the Chelsea, right?!” antwortet mir der gestresste Rezeptionist auf die Frage, ob es eine Minibar in unserem Zimmer gibt. Ist mir schon klar, dass ich nicht im Ritz  bin. Der Zimmerpreis schlägt mit 230 Dollar pro Nacht, für ein abgekämpftes Schlafgemach mit kaputter Heizung, wohl jedoch ähnlich zu Buche. Die Frage nach einem Kofferträger hat sich erledigt. Dafür gibt es einen Chelsea-Hotel-T-Shirt-Stand.

Das geschichtsträchtige Zimmer 100 haben wir leider nicht bekommen. Ich kann es nicht erklären, aber diese kleine, neugierige, makabre Seite in mir hätte gerne eine Nacht auf den Geist von Sid Vicious gewartet, der hier 1978 die Punkprinzessin Nancy Spungen erstach und ihr ein Jahr später, mit Hilfe einer Überdosis, vom gleichen Zimmer aus in den Tod folgte. Rock’n’Roll-Romeo-und-Julia.

Ich drehe mich im engen Rezeptionsbereich in Richtung Aufzug um und stoße  prompt mit meiner Gitarre an eine andere. Darf man ohne Gitarre oder Staffelei das heilige Reich überhaupt entern?

Darf man. Heutzutage. Denn seit 2007 ist nicht mehr Stanley Bard der Hotelmanager. Stanley Bard, der Künstlerversteher und –förderer, der seinen Schützlingen schon mal ein Gemälde als Miete durchgehen ließ, und der immer wieder als Verantwortlicher für die einzigartige familiäre Atmosphäre genannt und gelobt wird. Bard hat die Spielwiese der Bohème geschaffen und gepflegt. Nachdem Bard gekündigt wurde, übernahm die Kette BD-Hotels das Management, und es hätte mich nicht gewundert, wenn BD ein Chelsea Hotel Number Two in Vegas gebaut hätte. Mit einer allnächtlichen „Rock’n’Roll Hall of Fame live@the Chelsea-Show“. Mit Feuerwerk und Musik aus der Dose und einer Live-Performance des Mordes an Nancy. Jede Nacht.

„Look busy!“, das war die erste Ansage des BD-Managements. Es ging nicht mehr um Freundschaft und Verständnis und Inspiration, es ging um Dienstleistung. Seit dem Ende der Ära Bard (dieser hatte 1955 unter anderem von seinem Vater übernommen), wurden Mietverträge diskret nicht verlängert und neue schon gar nicht aufgesetzt. Man wollte die permanenten Bewohner raushaben, denn die Vermietung Nacht für Nacht rechnete sich einfach besser. Also ließ man Schulklassen ihre Abireise ins Chelsea machen, vermietete es als Location für Photoshoots und Hillary-Duff-Musikvideos (Preise ab 2500 Dollar pro Halbtag), baute einen Chelsea Club mit hippen DJs in den Keller und schrieb auf die Seife „Chelsea Hotel. A place for rare individuals“.

Doch BD-Budget-Touristen-Konzept sollte nicht aufgehen. Vielleicht hätte man doch ein Stundenhotel eröffnen sollen.

Jetzt gehört das berühmte rote Backsteinhaus mit Gothikelementen, und das einst höchste Gebäude New York Citys, dem Bauhai Joseph Chetrit. Kaufpreis: 80 Millionen Dollar, alle Legenden inklusive. Permanente Bewohner dürfen zwar bis auf weiteres bleiben, doch seit dem 1. August wurden alle Zimmerreservierungen gecancelt, man müsse erst mal renovieren, dann sehe man weiter, hieß es. Und: „people should not be nervous!“

Genau das ist allerdings schwierig in dem Wissen, dass das Gebäude zwar unter Denkmalschutz steht, die Ideale von damals aber nicht. In der schnellsten Stadt der Welt, wo sich tagtäglich alles verändert, darf die alte Dame in rot nicht im Wege stehen. Amerika steht für Veränderung und Bewegung und Fortschritt. Da ist kein Platz für Nostalgie. Es sei denn, man macht Geld damit, denn das kurbelt ja dann auch wieder die Wirtschaft an.

Was also nun? Soll das Chelsea ein Museum werden?

Das ist es schon. Eine Art lebendes Museum, es atmet noch das alte Chelsea. Und ich muss zugeben, ich hatte im Zimmer 204 eine der besten Nächte meines Lebens. Das Hotel war auch in meiner Generation noch ein Zufluchtsort für Freigeister und Suchende. Für Musikfans auf den Spuren von Dylan und den Ramones und Patti und den Sex Pistols. Für Kunstfanatiker auf den Spuren Warhols und seiner Gang. Für Literaturliebhaber auf den Spuren von Miller, Dylan Thomas und Tennessee Williams. Für junge Leute, die eine Verbindung zur Kultur von damals suchten, weil das wenigstens eine Kultur war und sich irgendwie echter anfühlt als alles, was wir heute haben.

Das Hotel Chelsea hat die roten Pappbecher der Schulklassen nicht verdient und auch nicht die Gruppe asiatischer Touristen im schmiedeeisernen Treppenhaus mit ihrem Tourguide, die gerade 40 Dollar für eine Führung hingeblättert haben.

Ich lausche also dem Lärm der 23rd Street, flüchte in den unglaublichen Chelsea Hotel Guitar Shop nebenan, schaue mir eine 7000-Dollar-Original-Gibson aus den 60ern an, kaufe, mein Beitrag zum Konjunkturaufschwung, eine Mundharmonika und denke mir, manchmal ist es besser zu gehen, bevor man eine peinliche, alternde Rock-Oma wird.