Rolling Stone Weekender: Ein Sonntagmorgen am Freitag


von

Es gibt ja auf jedem Festival diesen einen Song, der einen Abend wie nichts anderes auf den Punkt bringt, ihn festnagelt, ihn direkt ins Herzen und ins Hirn hämmert. Am ersten Abend des Rolling Stone Weekenders war es „One Sunday Morning“ von Wilco – jene 12-Minuten-Ballade, die auch das vermeintliche Album des Jahres „The Whole Love“ eröffnet. Jeff Tweedy und seine Herren wählten dieses wundersame Harmoniemonster, um ihr knapp anderthalbstündiges Set auf der Hauptbühne des Sets zu beginnen. Der Video-Kollege Schmidt konnte es nicht besser auf den Punkt bringen: „Ich liebe diesen Song. Er klingt wirklich wie ein Sonntagmorgen. Aber an einem Sonntag, an dem noch etwas passiert.“

Passiert war zu diesem Zeitpunkt allerdings eine ganze Menge. Schon in den Morgenstunden reisten die Gäste unseres Hausfestivals an und bevölkerten die Ferienanlage am Weissenhäuser Strand. Schnell breitete sich eine Stimmung aus, die eher nach Urlaub, denn nach Festival roch. In den Bungalows wurden Biere auf neue Nachbarschaften geköpft, am Strand flanierte man am Spiel der Wellen entlang, auf dem Steg verweilte man zum obligatorischen melancholischen Blick auf das Meer. Ein Spiegel-Journalist, der es sich im letzten Jahr hier gemütlich gemacht hat, und ein gut beschalltes Wochenende mit seiner Familie verbrachte, überschrieb seinen Bericht damals mit den Worten „Rock’N’Rollator“. Wenn man diese schöne Atmosphäre hier sieht, denkt man aber eher: Wer DAS hier mit Altenteil verwechselt, dem könnte man scherzhaft selbst Senilität unterstellen.

Die meisten schafften dennoch den Weg vom Bungalowsofa zur Zeltbühne, wo um kurz nach Kaffeezeit The Notwist vor erstaunlich gefüllten Reihen spielten. Und, wenn man noch gedacht hatte, dass die Herren um Martin Gretschmann und die Gebrüder Acher ja schon eine ganze Weile keine neuen Songs mehr vorgelegt haben, ist es dann doch erstaunlich, wie egal das plötzlich ist – weil die Weilheimer nicht nur aus Alben wie „Shrink“, „Neon Golden“ und „The Devil, You + Me“ schöpfen können, sondern dieses Oeuvre mit einer hörbaren Freude an Improvisation und Experiment angehen. Sie sangen, sie summten, sie kratzten, sie schnurrten, sie bleepten, sie clongten – und  ja, verdammt, sie rockten! Mist, jetzt haben wir es gesagt…

Ganz anders dann Death Cab For Cutie, die seit Jahren wie auf Knopfdruck in einen Spielmodus geraten, den man vielleicht als euphorische Routine bezeichnen könnte. Chris Walla – zum Glück wieder ohne die Mütze der letzten Deutschlandtour – ist lächelnd in sein Gitarrenspiel vertieft, Nick Harmer beugt sich konzentriert über seinen Bass und wiegt den Kopf zum Beat des Jason McGerr, während Ben Gibbards Stimme und Bühnenpräsenz im Mittelpunkt steht. Wie aufgekratzt singt er sich durch wunderbaren Lieder aus der „Transatlanticism“-Zeit, obwohl er uns selbst sagte, dass es ihn eigentlich ankotzt, wie alle immer wollen, dass Death Cab For Cutie im Jahr 2003 stehen bleiben. Deshalb gibt es natürlich auch das U2-eske „You Are A Tourist“ und andere, in der Live-Umsetzung auf einmal gar nicht mehr so frickelige, Songs von „Codes And Keys“. Dass Gibbard gerade eine Trennung von dem Indie-Pin-up schlechthin – Zooey Deschanel – hinter sich hat, merkt man ihm in keiner Sekunde an. Der Westentaschenpsychologe könnte sich gar in der These versteigen, Gibbard „spiele befreit auf“. Wir werden es nicht erfahren, denn – so das Label – Fragen über diese Privatsache seien im Interview tabu, auch wenn man – wie Kollegin Maehner – Chris Walla und Jason McGerr spricht.

Die Fleet Foxes spalteten und besänftigten dann die Gemüter – den einen waren sie zu folkduselig, den anderen die perfekte Abendbeschallung für einen Herbsturlaub am Meer. Fraktion eins bekam mit den kitschigen Ethno-Projektionen an der Bühnenrückwand zusätzliche Nörgelmunition. Fraktion zwei bewunderte wieder einmal die gut sitzenden mehrstimmigen Gesänge und das perfektionistische Auftreten des Robin Pecknold, das so gar nicht zu seiner zauseligen Erscheinung passt.

Vielleich kein schlechter Moment, um auf Erkundungstour zu gehen. Die Galerie bzw. Promenade der Ferienanlage Weissenhäuser Strand war wie schon im letzten Jahr die Pulsschlagader des Weekenders. Hier schiebt sich durch, wer in den Baltic Festsaal oder ins Rondell will – und bleibt dabei entweder bei den DJ-spielenden Plattendealern oder am Rolling Stone-Stand hängen. So erging es gestern am frühen Abend allen, die der Weinverköstigung am Stand auf der Spur gekommen sind. Selbst Nada Surf-Bassist Daniel Lorca nuckelte dort genüsslich an einem trockenen „Red Pitt“. Währenddessen sah man auch Marcus Wiebusch von Kettcar und Rick McPhail von Tocotronic vorbeischlendern, die wohl einfach mal rein privat auf einem Festival sind – schön, dass es unseres ist.

Wer dann um viertel vor elf Anna Calvi schauen wollte, die im Tanztee-Saal Baltic aufspielte, musste püntklich sein. Schon als die letzten Akkorde ihres Openers „Blackout“ ausklangen, reichte die Menschenschlange meterweit. Aber Miss Calvi ist ja auch einfach mal ein Ohren- und Augenschmaus sondergleichen – diesem kühlen Charme ist man(n) kaum gewachsen. Verstörend ging es zur selben Zeit im Rondell zu, wo sich Josh T. Pearson durch seine sezierenden Zehnminüter quälte. Wenn man dort so in die Runde schaute und düstere, mit den Zähnen mahlende Gesichter sah, wollte man gar nicht wissen, welch dunkle Gedanken diese Songs auslösten. Ein wenig entspannter, aber dennoch melancholisch ging es bei Jonathan Wilson zu, der das Schülerdisko-Ambiente des Witthüs mit seinen Folksongs zu füllen wusste. Ein befremdlicher, aber schöner Kontrast.

Ein gutes Wort, um wieder zum Highlight und Abschluss des ersten Festivalabends, zurückzukehren: Wilco lieben die Kontraste, lieben es zu scheppern und zu schnurren, lieben es ihr immenses Können mal Laut mal Leise zur Schau zu stellen. Jeff Tweedy, diesmal mit Dylan-Hut, führte durch das Werk ohne viele Worte. Aber er stellte lächelnd fest, dass er auf einem „wundervollen Festival mit tollen Künstlern“ spielte. Thanks, Mr. Tweedy. Ob es sein nachmittäglicher Strandspaziergang war, der ihn in diese Stimmung gebracht hatte? Egal. Die Wilco-Jugend feierte Tweedy und Co., und die Mürrischen unterstellten in den hinteren Reihen, da wäre keine Seele in dieser Musik. Also bitte: „One Sunday Morning“ war ja wohl alles andere als seelenlos. Es war – und da wären wir wieder – der Song, der den Freitagabend auf den Punkt brachte, obwohl er wie ein Sonntag klang. Ein Sonntag, an dem noch etwas passieren wird.