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„Scarface“ mit Al Pacino: Knarren, Koks – und die Vorlage für Gangsta-Rap


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Es ist eine Ironie, vielleicht aber kein Wunder, dass die Figur des Scarface in die Gangsta-Rap-Kultur eingegangen ist. Als neureicher Aufsteiger, der über Leichen geht, wird das „Narbengesicht“ Tony Montana in unzähligen Stücken besungen, mit „GTA Vice City“ ist gar ein überaus erfolgreiches Konsolen-Spiel ästhetisch dem Leben des Mafia-Moguls nachempfunden. Dass Montana – gequält von Leidenschaft für seine Schwester und paranoid vor lauter Koks – kein gutes Ende nehmen würde, tut der Begeisterung für dessen zweifelhafte Karriere keinen Abbruch.

Die Rolle des Scarface, damals weitestgehend unbeachtet, ist heute sogar Al Pacinos populärste. Als kubanischer Ex-Häftling kommt er per Flüchtlingsboot nach Miami, beginnt als Kleinganove und arbeitet sich hoch bis zum Boss eines Drogen-Kartells. Pacino, damals 43, spielt hier den Twenty-Something mit einer Entfesselung und Dann-Fahr-Ich-Halt-Vor-Die-Wand-Haltung, die seiner zweiten großen Mafiosi-Rolle, die des sizilianischen Clan-Chefs Michael Corleone in „The Godfather2 (1972-1991), der Familieninteressen mit persönlichen Gelüsten austarieren musste, natürlich abging.

Street Wise, aber unbedacht

Corleone trug die historische Last der italienischen Familie auf seinen Schultern und musste Entscheidungen bedenken; Narbengesicht Montana sieht in den USA einen einzigen Supermarkt, in dem er auf Beutezug gehen kann. Er lernt während des ganzen Films auch nichts dazu. Vielleicht ist es die Eindimensionalität von Pacinos Rolle, street wise aber unbedacht, die die Leute so faszinierte. Außerdem hatte Pacino sich damals noch nicht die Marotte zugelegt, in aggressiven Gesprächen erst leise zu beginnen und dann immer lauter zu schreien.

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Eine der bekannteren Einstellungen des Films zeigt Tony Montana bei der Hinrichtung seines ehemaligen Chefs – er spricht sein Todesurteil vor einer Fototapete, auf der Palmen abgebildet sind. Das Paradies liegt damit also hinter ihm, denn er dreht sich nicht einmal zur Idylle, seiner möglichen Ausflucht, um. Regisseur Brian de Palma zitiert diesen Moment im zweiten Film, den er zehn Jahre später, wieder mit Pacino, drehte: In „Carlito’s Way“ jedoch fixiert der Aussteiger Carlito Brigante im Moment seines eigenen Sterbens das Strandfoto, das die Inschrift „Escape To Paradise“ zeigt.

Brian De Palma nahm Howard Hawks Vorlage, „Scarface“ von 1932, engagierte Oliver Stone als Drehbuchautor und siedelte die Story von Chicago um nach Miami, womöglich um die Flüchtlingspolitik der US-Regierung zu kritisieren. Der Film fiel im Dezember 1983 durch. Die Zuschauer blieben fern, die Kritiker fanden ihn zu gewalttätig. De Palma ist bekannt – manche würden sagen: berüchtigt, denn der Regisseur macht am laufenden Band Gebrauch davon – für seine One-Take-Einstellungen. Hier zeigt die schockierendste, ungeschnitten lange Szene des Films, wie ein Drogenkurier mit einer Motorsäge massakriert wird, während dessen Kumpel draußen ahnungslos Schmiere steht und mit den Mädchen flirtet.

Unter manchen Gesichtspunkten ist „Scarface“ kein wirklich gelungener Film. De Palma ist kein Schauspieler-Regisseur, und seine knappen Anleitungen an die Darsteller finden in den schlichten Dialogen ihren Niederschlag. Montanas bester Freund Manny, gespielt von Steven Bauer (der in der Serie „Breaking Bad““ 25 Jahre später selbst wie Scarface auftreten wird), ist ebenso steif wie Michelle Pfeiffer in einer frühen Rolle als Kokain-abhängiges Love Interest.

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De Palma ist ein Ästhet, seine Stärken liegen im Produktionsdesign. Nie sahen seine Filme so gut aus wie in den frühen Achtzigern. Der bettelarme kubanische Flüchtling wird zum neureichen Drogen-Proll, und dafür haben die Ausstatter und Kostümschneider sich etwas einfallen lassen. Alles Pastell, die unfassbar dekadent aussehenden Anzüge, weiß und blau, eben die Hawaii-Tapete, dazu der riesige Whirlpool, in dem Al Pacino seine Zigarren schmaucht –  „Miami Vice“ ist nichts dagegen. Komponist Giorgio Moroder spielt dazu seine damals schon längst aus der Mode gekommene Disco-Musik. Die klingt affektiert, passt aber zum Protz des Tony Montana.

Die zwei populärsten Szenen des Film kommen fast am Ende, als auch Montanas Ende naht. „Say Hello To My Little Friend!“ ruft er und packt das Mega-Maschinengewehr aus. So lässig hat noch kein Krimineller sein Lieblingsspielzeug angekündigt. Der Spruch wird bis heute zitiert.

Vorher hatte Tony seine Nase in einem Berg aus Kokain auf seinem Schreibtisch vergraben – diese Einstellung fand Harald Schmidt einst so lustig, dass er sie eine zeitlang als Einspieler vor seinen Talkshow-Gags verwendete.

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