Endlose Flure, echtes Grauen: „The Backrooms“ macht Liminal Space zum Kinoerlebnis
Leere Pools, surrende Neonlichter, kein Ausweg: Kane Parsons verwandelt das Backrooms-Phänomen in einen Horrorfilm. Lohnt sich das Debüt?
„Es gibt darin sogar einen Pool!“, sagt Clark (Chiwetel Ejiofor) – und natürlich sträuben sich jedem, der auch nur einmal in das Instagram-Rabbit-Hole der Liminal Space Art geraten ist, bei diesen Worten die Nackenhaare. „The Backrooms“ von Kane Parsons ist, 43 Jahre nach dem Intellivision-Spiel „Treasure of Tarmin“ und 26 Jahre nach Mark Z. Danielewskis Roman „House of Leaves“, der Film zum Phänomen, das Menschen entsetzt, obwohl es vieles eben nicht zeigt. Nicht mal ein Monster. Wobei: In „The Backrooms“ gibt es das durchaus.
Die „Backrooms“ sind scheinbar grenzenlose Innenräume, die man nur erreicht, wenn man aus der Realität herausfällt – per Glitch (in „The Backrooms“ gibt es sogar glitch-verschobene Stecker im Sicherungskasten). Monotone, menschenleere Strukturen, die sich wie endlose Labyrinthe ausdehnen und automatisch generiert wirken: Pools, Säle, Flure oder Treppen in den Himmel, die abrupt enden. Im Hintergrund eine Tonspur, auf der jede Bewegung hallend erklingt, manchmal hört man auch Wind. Der Thrill dieser minutenlangen Videos besteht auch darin, dass man ein Monster erwartet, das einfach nicht kommt – oder, wie in „The Backrooms“, sehr spät.
Liminal Space Art sieht gleichermaßen vertraut wie falsch aus: Sie wirkt unheimlich, weil sie Orte zeigt, die eigentlich genutzt werden sollten, aber leer sind: Einkaufszentren, Bällebäder, das passt nicht zu unserer Erwartung. Wir erkennen den Ort, aber etwas fehlt. Keine Auflösung wird präsentiert. Wir suchen nach Erklärungen, finden aber keine Antwort. Diese Unsicherheit kann sich wie Bedrohung anfühlen, obwohl nichts passiert.
Das Unbehagen des Vertrauten
Verstörend sind diese Bilder auch deshalb, weil viele von ihnen so vertraut wirken – sie erinnern an eigene Erlebnisse, etwa aus der Kindheit. Die Optik spielt dabei eine entscheidende Rolle: Die Aufnahmen sehen aus wie alte Fotos oder Überwachungskameras aus den Neunzigern, wie Vaporwave oder die VHS-Filmchen aus „I Saw the TV Glow“ – leicht unscharfe Aufnahmen mit veralteter Einrichtung und Dropouts.
Es entsteht ein Gefühl aus Nostalgie und Unbehagen, weil die Vergangenheit nicht mehr so golden erscheint, wie man sie abgespeichert hat. Wer den Bogen ganz weit spannen will, sieht Edward Hopper als grundsätzliche Inspiration der „Backrooms“. Kubricks „Shining“ kann es jedenfalls nicht sein – dessen Flure enden in konkretem Horror. Ben Stillers „Severance“ schon eher.
In Kane Parsons „The Backrooms“, angesetzt im Vaporwave-Jahr 1990 und basierend auf Parsons enorm erfolgreichen YouTube-Shorts, entdeckt Möbelverkäufer Clark im Untergeschoss seines Kaufhauses den Eingang in eine andere Welt. „Diese Welt“, sagt Clark, sehe aus, „als hätten sie Bauarbeiter auf Acid“ entworfen. Das Audiovokabular dieser Dimension – surrende Deckenlampen – ist dabei nicht weniger irritierend als die artifizielle, im real existierenden Geschäft aufgebaute Welt eines vorgetäuschten Heims. Welches Kind hat sich noch nie vor dem unbeleuchteten, schwarzen, unverkleideten, schier endlosen Raum an der Decke eines Möbelhauses gefürchtet?
Angeblich wurden für „The Backrooms“ 30.000 Quadratmeter realer Sets gebaut. Ob das durch CGI zusätzlich aufgebläht wurde oder nicht: Das Setdesign beeindruckt mit seinen vielen kleinen Details. Räume, Bäder und Flure unterschiedlichster Größen greifen ineinander, laufen auf klaustrophobische Zentralperspektiven zu, während durch die Gänge die mehrsprachigen Begrüßungen der Voyager Golden Record hallen; ein mögliches Indiz für die Präsenz einer außerirdischen Macht.
Elevated Horror und seine Grenzen
„The Backrooms“ ist ein Atmosphärenfilm – was auch bedeutet, dass die Backstory der Backrooms nicht hundertprozentig aufgeht. Regisseur Parsons und sein Autor Will Soodik schließen sich dem nicht immer zu empfehlenden „Elevated Horror“-Trend an: Der phantastische Film erhalte seine „Erhöhung“ dadurch, dass Horrorfiguren die Manifestation psychischer Leiden darstellen. Die Kreatur als Allegorie. Ermüdend.
Bei Teeniekomödien käme niemand auf die Idee, eine solche Elevation einzufordern. Für Romantic Comedies gilt das ebenso wenig. Kriegsfilme dürfen Kriegsfilme sein, Beziehungsdramen bleiben Beziehungsdramen. Allein Filme, in denen Irreales geschieht, sehen sich gezwungen, diese Prüfung zu bestehen.
Scrollen Sie durch die unzähligen Rezensionen zu Horrorfilmen wie „The Babadook“ (2014), „The Witch“ (2015) oder eben „The Backrooms“, und Sie stoßen auf Sätze wie: „Eine komplexe Studie über Trauer, Verlust und Kränkung.“ Mag sein. Aber eigentlich geht es doch um die Monster darin, oder?
Das Monster in „The Backrooms“ ist äußerst beeindruckend, auch weil der Film die Kunst des Spannungsaufbaus beherrscht und die Kreatur über weite Strecken lediglich akustisch präsent bleibt. Der VHS-Auftakt mit dem Explorer im gelben Antistrahlungsanzug wiederum wirkt wie gezielter Fan-Service für die YouTube-Apologeten der ersten Stunde.
Monster, Psychotherapie und Lynch-Territorium
Im Grunde aber ist „The Backrooms“, wenn man die Elevated-Ebene bemüht, ein Film über das Scheitern und die Sinnlosigkeit der Psychotherapie. Unabhängig davon, dass man sich fragt, wie der erfolglose Couchverkäufer Clark sich überhaupt Sitzungen bei der Star-Psychiaterin Dr. Mary Kline (Renate Reinsve) leisten kann: Der Film bemüht sich zusehends darum, die „Backrooms“ als räumlichen Ausdruck unbewusster Traumata darzulegen. Die oft so großartige Reinsve wirkt in ihrer ersten großen amerikanischen Rolle – und dazu im Horrorgenre – nicht vollständig bei sich, gerade im finalen Konfrontationsdialog mit Clark, in dem dessen Leiden lehrbuchhaft für alle aufgesagt werden, die sie nicht bereits erahnt haben.
Dabei sind die Probleme Dr. Klines jenen ihres Patienten gar nicht so unähnlich – und zugleich maximal verschieden: Ihr wurde von Kindheit an eingebläut, nicht hinaus in die Endlosigkeit des Raums zu gehen, wie Clark sich zu „entfalten“, sondern sich auf kleinem Raum zu isolieren. „The Window Within“, wie einer ihrer Ratgeber-Bestseller heißt.
Jenseits dieser unnötigen Psychologisierung ist Kane Parsons‘ Debütfilm ein Werk, das man nicht immer versteht, das aber sehr gut ist. Wohl gerade deshalb so gut ist. Und sofern man das Unbewusste in sich arbeiten lässt und die Manifestationen nicht hinterfragt; denn genau so sollten Horrorfilme eigentlich sein. Ein Lynch-Territorium – und auch in „The Backrooms“ gibt es ja einen mystischen Zwerg.
Die Flure sind endlos. Sie bieten unzählige Möglichkeiten für Fortsetzungen, die es hoffentlich geben wird. Kane Parsons ist zu wünschen, dass er nach diesem Film nicht dasselbe Schicksal ereilt wie einst Daniel Myrick und Eduardo Sánchez nach „The Blair Witch Project“: ausbezahlt zu werden, während andere Regisseure seine herrliche Erfindung fortschreiben.