Von Leif Randt bis Patti Smith: Unsere Bücher des Jahres 2025
ROLLING-STONE-Autor:innen über ihre Top-Bücher 2025: Was haben wir gern gelesen?
06. Gerhard Henschel: „Großstadtroman“ (Hoffmann & Campe)
Mit Spaghetti mit Meeresfrüchten und Knoblauchsoße und Feldsalat mit Kürbiskernöl beginnt der „Großstadtroman“, eine weitere Fortsetzung der Aufzeichnungen des Martin Schlosser. Hege ist zu Besuch gekommen. Das Ende des Jahrhunderts ist erreicht, Schlosser hadert noch immer mit der Rechtschreibreform. Das Internet dämmert herauf, und Martin Schlosser ist schon mit 48 Einträgen verzeichnet. Oskar Lafontaine tritt zurück. Der Kosovokrtieg beginnt. Neben allen anderen Vorzügen hat Gerhard Henschels Journal auch den unschätzbaren Wert, dass darin die Jahre, die wir kennen, aufbewahrt sind – geschildert in einem heiteren, luziden Parlando, wie es nur dieser Meister der komischen Beschreibungskunst beherrscht. (Arne Willander)
07. Rachel Kushner: „See der Schöpfung“ (Rowohlt)
Rachel Kushner macht wieder keine Gefangenen und schickt eine soziopathische Ex-FBI-Agentin in eine südfranzösische Kommune von Öko-Freaks, die ein gigantisches Genmais-Projekt verhindern wollen, um sie zu terroristischen Aktionen anzustacheln, während ein Walden-hafter Altachtundsechziger aus einer Höhle heraus die Neandertalisierung als antikapitalistische Endhoffnung propagiert. So weit, so literarischer Agententhriller. Um diese Struktur herum indes zieht die Kalifornierin ein grandios verrätseltes Geflecht aus Fiktion und Wirklichkeit, literarischen Traditionen und politischen Ereignissen hoch, das die modernistischen Ansätze von Hammett bis Houellebecq fortschreibt. (Gunter Blank)
08. Joan Didion: „Notizen für John“ (Ullstein)
Im Jahr 1966 adoptierten Joan Didion und ihr Mann John Gregory Dunne ein Mädchen, Quintana. Sie holten das Kind aus dem Krankenhaus und brachten es zu dem Haus an der Küste von Malibu, das sie bewohnten. Wir kennen Quintana aus den späten Berichten Didions, aus „Das Jahr des magischen Denkens“ und „Blaue Stunden“. Um sie kreist auch „Notizen für John“, ein idosynkratisches, präzises, unsentimentales Erinnerungsprotokoll von den Sitzungen bei einem Psychotherapeuten in den Jahren 1999 und 2000. Didion wollte ihren Mann darüber informieren. Aber sie wollte auch sich selbst über sich selbst und ihre Tochter informieren.
Quintana war alkoholabhängig und depressiv, und beides gab sie den Eltern gegenüber nicht zu. Sie ging zu einem Psychologen in New York City. Quintana hatte schwankende Launen. Manchmal lallte sie am Telefon. Sie war passiv-aggressiv. Sie schimpfte über die moderne Technik und bat Didion um ihr Smartphone, das diese beim Portier abgeben wollte, um Quintana nicht in Verlegenheit zu bringen.
Joan Didion suchte Rat bei dem Psychiater Dr. Roger McKinnon. Der beriet sich mit Erlaubnis der Beteiligten mit Dr. Kass, dem Therapeuten Quintanas. Quintana hielt ihre Mutter für depressiv und empfahl ihr eine Therapie. Am 15. November 1999 suchte Joan folgsam den Therapeuten auf und begann am selben Tag mit den Aufzeichnungen. Da die Dialoge in direkter Rede wiedergegeben werden, ist es wahrscheinlich, dass sie sich während der Sitzungen Notizen machte. Nicht einmal Joan Didion kann sich so genau an den Wortlaut erinnern. John Gregory Dunne ist dabei immer im Hintergrund. „Ich hoffe, ihr Mann fängt ebenfalls an, das zu verstehen, denn sie müssen beide ihre Bindung zu ihr lockern. Nicht die Bindung, die bedeutet, dass sie sie lieben, sondern die Bindung, die darauf hinausläuft, dass Sie ihr Leben führen, weil sie selbst es nicht kann.“ Damit hat MacKinnon das Problem erklärt.
Er erklärt Didion auch, dass es nicht um Quintana geht, sondern um sie. Sie fürchtet, dass ihre Tochter sich umbringen könnte, und will nicht nach Washington reisen. Würde sie aber nicht reisen, würde sie dennoch nicht mit der Tochter sprechen und wäre wütend, weil sie ihr Leben zerstört.
„Notizen für John“ ist auch eine Selbstbefragung. Joan Didion erinnert sich an den Kriegsausbruch im Jahr 1939, als ihr Bruder geboren wurde. McKinnon vermutet, dass Didions Verhältnis zur Ziehtochter mit ihrem eigenen Verhältnis zur Mutter zusammenhängt. Joan Didion stammt aus Sacramento, und sie hat oft über Kalifornien und den Westen geschrieben. Ihr Vater war Offizier, und Mutter kümmerte sich ums traute Heim. Anhand eines Porträts von Nancy Reagan kann man ahnen, dass Joans Mutter etwas von der Strenge und Akkurattesse der First Lady hatte.
Joan studierte in Berkeley, gewann 1955 einen Schreibwettbewerb von „‚Mademoiselle“ und ging nach New York, wo sie bei der „Vogue“ Redakteurin war. Aber nur kurz, denn der Zauber der Stadt löste sich auf, Didion wurde depressiv, sie weinte und weinte. Es war dann John Gregory Dunne, der sie behütete. Zuletzt waren Joan und Quintana 2002 gemeinsam bei einem Psychotherapeuten. Im Sommer 2003 heiratete Quintana und zog in eine Wohnung unweit des Domizils der Eltern. Zu Weihnachten desselben Jahres wurde sie mit Verdacht auf Grippe ins Krankenhaus gebracht. Am 30. Dezember starb Gregory Dunne.
Im nächsten Frühjahr reiste Quintana nach Kalifornien, stürzte auf dem Flugfeld und wurde mit einer Hirnblutung ins Hospital gebracht. Später wurde sie nach New York verlegt, wo sie im August 2004 an einer Bauchspeichelentzündung, nekrotischem Darm und Peritonitis starb.
Nach Joan Didions Tod fand man die 150 Blätter der „Notizen an John“ in einem Karton mit Fotos und anderen Aufzeichnungen in der Nähe ihres Schreibtisches. Joan Didion wusste und wollte also, dass dies ihr letztes Werk ist.
Noch einmal diese Stimme lesen. (Arne Willander)
09. Ian McEwan: „Was wir wissen können (Diogenes)
Es steht nicht gut um die Erde in hundert Jahren. Diverse Kriege und eine Flutkatastrophe haben die Bevölkerungszahl unseres Planeten halbiert, Großbritannien und Europa bestehen nur noch aus einzelnen kleinen Inseln. Den Wissenschaftlern steht ein großes Archiv über die Vergangenheit zur Verfügung, und der britische Literaturdozent Tom Metcalfe macht sich mit akribischer Besessenheit auf die Suche nach einem verschollenen Gedicht eines in unserer Zeit berühmten Lyrikers. Die Liebe zur Dichtkunst prägt diese faszinierende Mahnung aus der Zukunft. Nach „Abbitte“, „Saturday“ und „Kindeswohl“ bewirbt sich Ian McEwan mit mindestens dem vierten Roman um den Literaturnobelpreis. (Gérard Otremba)
10. Natasha Brown: „Von allgemeiner Gültigkeit“ (Suhrkamp)
Es beginnt mit einem Enthüllungsartikel einer jungen Journalistin über eine illegale Corona-Party in einer radikalen Kommune, die beinahe in einem Mord endet. Der Journalistin bringt es zwar Ruhm und eine Netflix-Verfilmung ein, aber mehr und mehr empfindet sie sich als Spielball im großen Zirkus der medialen Aufmerksamkeitsökonomie. Man könnte meinen, es handele sich um eine etwas konstruierte Satire, wenn ein falscher Goldbarren, ein ruinierter Investmentbanker und eine Anti-woke-Kolumnistin aufeinandertreffen. Zusammengehalten wird der Roman jedoch durch einen warmen Ton, der tief in die angeschlagene Psyche der Figuren eindringt. Ein Roman, der nicht bei aktuellen Themen hängen bleibt, sondern von allgemeiner Gültigkeit (und gerade für den Booker Prize nominiert) ist. (Birgit Schmitz)