Von Leif Randt bis Patti Smith: Unsere Bücher des Jahres 2025

ROLLING-STONE-Autor:innen über ihre Top-Bücher 2025: Was haben wir gern gelesen?

ROLLING STONE Badge
Empfehlungen der Redaktion

11. Patti Smith: „Bread Of Angels“ (Kiepenheuer & Witsch)

„Die Geschichte meines Lebens“ lautet der prosaische Untertitel dieser Autobiografie, in der Patti Smith erneut beweist, wie fantastisch sie schreiben kann. Was in „Just Kids“ fehlte, ergänzt sie hier. Sie nimmt einen mit in ihre komplexe Kindheit (und kehrt später immer wieder zu ihrer Familiengeschichte zurück), doch richtig spannend wird es dann in New York, als sie sich quasi selbst erschuf und ihre eigene Welt nach außen drehte. Ihre Liebe zu Fred „Sonic“ Smith, ihre Mutterschaft, all die Wörter, all die Musik, all die Trauer: „Bread Of Angels“ ist reich an Anekdoten und Erkenntnissen, und trotzdem steht Patti Smith nach 78 Jahren immer noch staunend vor dem Leben und freut sich darüber. Das ist das Schönste daran. (Birgit Fuß)

12. Samantha Schweblin: „Das gute Übel“ (Suhrkamp) 

Vor ein paar Monaten verschickte der amerikanische Autor George Saunders eine Kurzgeschichte von Samantha Schweblin über seinen Newsletter „Story Club“. Das Prozedere dort ist immer gleich: Erst wird gelesen, nicht kommentiert, dann schreibt Saunders einen ersten Eindruck, und anschließend diskutieren die Mitglieder. Dieses Mal durfte man zu „Ein fabelhaftes Tier“ auch direkt Fragen an die Autorin stellen.

Die in Berlin lebende argentinische Schriftstellerin bekommt in der angloamerikanischen Welt viel mehr Beachtung. In seinem ersten Kommentar versucht Saunders zu erklären, warum es sich um eine Great Story handelt. Eine gute Frage, weil es gerade bei der kurzen Form viel auf Details ankommt und der Grat zwischen „erschließt ein ganzes Universum“ und „ist komplett banal“ sehr schmal ist.

„Ein fabelhaftes Tier“ berichtet von einem Telefonanruf nach vielen Jahren des Schweigens. Elena möchte noch einmal von der Ich-Erzählerin Leila hören, was an jenem Tag geschehen war, als ihr Sohn starb. Saunders beschreibt, wie die Geschichte immer größer wird, also jedes Mal, wenn wir denken zu wissen, was hier verhandelt wird, sich eine neue Frage stellt. Das mache wohl große Kunst aus, schreibt Saunders, „die nicht gesagt bekommen will, was sie ist, weil sie immer noch dabei ist, zu diesem Ding zu werden“. Und dass jede gute Geschichte ein Rätsel braucht.

Auch die anderen Erzählungen durchzieht das unaufgelöste Mysteriöse. Ist die junge Mutter ein Zombie, als sie nach einem Selbstmordversuch zur Familie zurückkehrt? Wer ist der Anrufer, der Nacht für Nacht einen Mann um den Schlaf bringt? Der Horror ist bei Schweblin meist die Gleichzeitigkeit von An- und Abwesenheit. Man spricht durchs Telefon, sieht den anderen nicht, oder man kann nicht sprechen, weil der Kehlkopf fehlt. Kommunikation scheitert. Der Philosoph Slavoj Žižek betont in seiner Theorie des Horrors, dass Verdrängtes in die symbolische Ordnung einbricht und sich dem dort vorherrschenden Sinn widersetzt. Dass es unerklärlich bleibt, macht es so verstörend.

Auf eine Frage der Story-Club-Mitglieder antwortet Schweblin dann auch so, dass sie vom Vertrauten ausgehe, um sich dann ins Unheimliche vorzuwagen: „Wir würden es lieber ignorieren, weil es beunruhigend ist, kompliziert, aber es zu verdrängen lässt es nicht verschwinden, es macht uns nur oberflächlich und noch verletzlicher.“

In einem zweiten Post korrigiert sich Saunders – was etwas Beruhigendes hat, wenn selbst ihm nicht immer sofort alle literarischen Feinheiten auffallen. Den meisten Lesern dürfte es so gehen. Saunders wendet sich dem Pferd zu, dem er zuvor wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. An besagtem Tag vor vielen Jahren sah Leila ein misshandeltes Pferd auf der Straße, bevor sie zu ihren Freunden fährt, dort mit dem Sohn spielt und ihn ins Bett bringt. Auf die Frage, was er einmal sein möchte, antwortet dieser: ein Pferd. Sie sagt ihm, dass er üben könnte, ein Pferd zu sein, wenn er seine Augen schließe. Nachts springt der Junge vom Balkon und stirbt. Als Leila den Krankenwagen ruft und auf die Szene blickt, entdeckt sie das schwer verwundete Pferd. Sie läuft dorthin und nicht zu ihren Freunden, um ihnen beizustehen. Schweblin konzentriert in dieser einzigen Szene eine Vielzahl von Schuldgefühlen: War Leila schuld am Sprung? Warum stand sie ihren Freunden in dieser schweren Stunde nicht bei? Und warum um Himmels willen kümmert sie sich um das Pferd? In Saunders’ Lesart: „Alle Trauer und Ungläubigkeit über das, was gerade geschehen ist … wird auf das leidende Pferd übertragen. Und das ist irgendwie richtig und wunderschön, weil das Pferd noch gerettet werden kann.“

Schweblin schreibt keine klassischen „Interconnected Stories“, die über wiederkehrende Orte oder Personen einen Zusammenhang zu konstruieren zu versuchen. Hier steht jede Geschichte für sich, es sind die Motive und Gedankengänge, die alles miteinander verbinden – und aus 186 Seiten Short Storys ein Meisterwerk machen. (Birgit Schmitz)

13. Peter Wawerzinek: „Rom sehen und nicht sterben “ (Penguin)

 Wo das Ewige erstrahlt, wird einem die eigene Vergänglichkeit umso bewusster. Dass der neue, autobiografische Roman Peter Wawerzineks von seiner Krebserkrankung in Rom handelt, ist also kein Zufall. Am Anfang herrscht aber noch Begeisterung: Als Stipendiat der Villa Massimo genießt er die Pracht der Grande Bellezza, lässt sich mithin durch das organisierte Chaos Italiens treiben, bis es nach und nach zu Störfällen kommt. Die Technik versagt, seine Mitschriften sind verloren, und dann folgt die beklemmende Diagnose. Daran zu verzweifeln stellt für den Autor allerdings keine Option dar. Im Gegenteil, er begehrt auf – mit der Schönheit Roms und unbeugsamem Lebens­willen. Ein Hoffnungsbuch! (Björn Hayer)

14. Dietmar Dath: „Skyrmionen“ (Matthes & Seitz)

 Mehr als ein Dutzend Kinder soll Elon Musk haben, so genau weiß das keiner. Nach dem skurrilen Auftritt mit seinem fünfjährigen Sohn X Æ A-Xii im Oval Office fragten sich nicht wenige, was aus so einem Kind werden kann. Wird Lil X der beklemmenden Mission seines Vaters folgen und uns in die Welt der Cyborgs führen? Oder führt der Mangel an Geborgenheit und Empathie zu einer Abkehr vom Vater und seinen faschistoiden Fantasien?

Ein vergleichbares Szenario hat Dietmar Dath in „Skyrmionen oder: A fucking Army“ durchgespielt. Der Vater der bösen Heldin hat mit digitalem Zeugs und Data-Kram ein Vermögen gemacht, seine Tochter hat er dabei fast vergessen. Als Kind fällt Renate Hofer in einen Tank mit Kühlwasser, stundenlang strampelt sie in der mit Neuropeptiden angereicherten Brühe ums Leben. Ihr Bad im Zaubertrank verleiht ihr besondere kognitive Fähigkeiten. Die nutzt sie, um eine Maschine zu bauen, die „das Alleindenken wie das Zusammensein schützen“ und die Welt verändern soll.

Um diesen Prozess zu protokollieren, tut Dath etwas, das er noch nie getan hat: Er folgt recht konsequent seiner Antiheldin aus der fragmentierten Gegenwart namens Bruchwelt in eine designte Zukunft, die hier Stetwelt genannt wird. Die Handlung führt dabei von der Schweiz über Amerika und China bis auf den Mond und zurück, Krieg der Welten inklusive. Um sich gegen die dekadenten Kräfte der autoritär-geldgeilen Tech-Giganten durchzusetzen, setzt Hofer auf Folter, Mord und Totschlag sowie auf jene „fucking army“, von der im Titel die Rede ist.

Die Abgründe des Digitalen und der Horror der künstlichen Intelligenz sind in diesem sich immer wieder selbst überschlagenden Prosagebilde allgegenwärtig. Aber darum geht es Dath nicht. Im Zentrum dieses opulent mit Geschichte, Philosophie, Wissenschaft und Spieltheorie spielenden Romans steht die Frage, wer wir im Schatten der digitalen (R)evolution eigentlich sind, sein wollen und sein können. Es geht um das soziale Miteinander, um Kommunikation und alles, was sich um das Problemfeld Mensch anordnet. Denn wenn Sprache Wirklichkeit schafft, was ist dann noch die Welt? Dieses Paradox spielte schon in Daths letztem Roman „Gentzen oder: Betrunken aufräumen“ eine zentrale Rolle.

„Pessimismus ist Unterwerfung, Optimismus ist Idiotie“, legt der Autor seiner Hauptfigur immer wieder in den Mund. Dazwischen tobt martialisch das nackte Leben. Daths neue Antidystopie ist ein so fesselndes wie überwältigendes Opus magnum, in dem unzählige Fäden – auch aus seinem Werk – zusammenlaufen. Die Grammatiken natürlicher Sprachen spielen darin eine ebenso große Rolle wie die Logik von Autokorrektur und Large Language Models. Sie sind der Ausgangspunkt von sich überlagernden Gedankenkaskaden über die kapitalistischen Macht- und Produktionsverhältnisse, über Sexualität und Gewalt, Wissenschaft und Idiotie, Leben und Sterben, Alles und Nichts. Dieser Allanspruch mündet in davontragende Dialoge, philosophische Exkurse und quasiwissenschaftliche Essays über die Möglichkeiten und Grenzen von Physik, Mathematik und Logik.

In diesem Spielfeld taucht auch das Skyrmion auf. Dabei handelt es sich um ein physikalisches Modell für „Wirbel in Material, das kein Material ist, sondern Nicht-Material“, wie es im Roman heißt. Dieses magnetische Modell hat die Kernphysik obsolet gemacht, als potenzielles Speichermedium ist das Skyrmion aber wieder in aller Munde. Die Theorie ist tot – es lebe die Praxis! So läuft das oft im „Dietmarverse“. Dath packt die Welt mit all ihren besonders zufälligen Zufällen in anspielungsreiche Erzählungen, deren Bewohner:innen mit den Folgen fataler Paradoxien kämpfen.

Glaubt Dietmar Dath noch an die Menschheit? „Lies nicht buchstäblich“, hebt eine seiner Figuren mahnend den Finger. Und eine andere sagt: „Wenn die Lebenszusammenhänge der Menschen verblöden, liegt’s nicht an den Maschinen, mit denen diese Zusammenhänge produziert und reproduziert werden. (Thomas Hummitzsch)

15. Christoph Höhtker: „Staaten“ (Ventil)

Der in Genf lebende Christoph Höhtker reist nach Bielefeld, um sich um seine demenzkranke Mutter zu kümmern und das in ihrer Erinnerung verblassende Milieu seiner Herkunft in unsentimentalen Beobachtungen und unheimlichen Fotos zu dokumentieren. Doch der Bericht des Autors, der in seinem Roman „Alles sehen“ die Forschungsrichtung der „totalen Soziologie“ erfand, ist voller Artefakte, Unschärfen und Risse, in denen sich andere Wirklichkeiten auftun: Social-Media-Reels, Chats, unvollendete Manuskripte, die nach Südamerika ­führen, von mörderischen Ameisen und einer mysteriösen Schriftstellerin berichten, Metatexte, Fußnoten. „Staaten“ ist die ostwestfälische Antwort auf Roberto Bolaños „2666“. (Maik Brüggemeyer)