
Ihre Befehle, Mr. President
Kathryn Bigelow hat viele raffinierte, realistische und technisch meisterhafte Filme gemacht. „A House Of Dynamite“ ist ein noch besserer Film.
Schon der klotzige Vorspann hat die Wucht einer Keule: „Am Ende des Kalten Krieges beschlossen die regierenden Mächte, dass weniger Atomwaffen besser seien.“ Dann eine neue Tafel: „Diese Zeit ist vorbei.“ Und dann fährt ein kleines Militärauto mit einem aufs Dach montierten Maschinengewehr auf ein eingezäuntes Gelände in Alaska. Im Kontrollraum knabbert ein Soldat Kartoffelchips. Er zeigt seiner neben ihm sitzenden Kollegin einen Zettel: „Have a nice day!“ Die Tarnjacken hängen über den Bürostühlen. Draußen sind die Silos mit den Raketen. Der Morgen graut.
Kathryn Bigelow hat viele raffinierte, realistische und technisch meisterhafte Filme gemacht. Für „The Hurt Locker“ hat sie 2010 zwei Oscars, für Regie und Produktion, bekommen. Aber „A House Of Dynamite“ ist ein noch besserer Film. Er handelt von einem Raketenangriff auf die USA: In 19 Minuten schlägt das Geschoss ein. Es ist nicht mehr abzufangen. Man weiß nicht, wer die Rakete gestartet hat – Russland, China, Nordkorea?
Wir sehen dieselben Ereignisse aus drei Perspektiven, die durch eine Videokonferenz miteinander verbunden sind. Wir sehen den Sicherheitsraum des Weißen Hauses. Wir sehen ein Reenactment der Schlacht von Gettysburg. Wir sehen den Verteidigungsminister. Und schließlich sehen wir den Präsidenten, der an einer Schule ein Basketballteam begrüßt, das aus Mädchen besteht. Vom Band donnert „In The Air Tonight“, während der von Idris Elba gespielte Charismatiker auf den Korb wirft. Dann holen sie ihn aus der Halle. Im Auto sitzt neben ihm der Offizier mit der Tasche. Die Mappe mit den Optionen sieht aus wie eine bunte Speisekarte.

Wenige Minuten für eine Entscheidung um Leben und Tod
Der Platz des POTUS auf dem Bildschirm bleibt schwarz. Und in diesem Moment, da er im Auto sitzt, auf dem Weg zum Helikopter, bekommt Idris Elbas Gesicht plötzlich einen träumerischen, einen verlorenen Ausdruck. Er sind nur wenige Minuten, bis er eine Entscheidung treffen muss. „Wir werden in wenigen Minuten Chicago verloren haben“, sagt der General, den Tracy Letts wie einen General spielt.
Im Hubschrauber schauen der junge Offizier und der Präsident auf die Speisekarten. Der Code zur Authentifizierung steckt in einem Clip mit Geldscheinen. „Das erinnert mich an die Studentenzeit“, sagt der Präsident. Der Offizier bekreuzigt sich. Der Präsident liest den Code laut vor. „Ihre Befehle, Mr. President!“
Noah Oppenheim hat diesen Film geschrieben. Er war Präsident von NBC News. Oppenheim hat einen kleinen Spielzeug Dino erfunden, den Olivia Walker, die Offizierin im Sicherheitsraum, am Morgen von ihrem Sohn bekam. Die Gettysburg Schlacht ist symbolisch vielleicht ein wenig zu grell, obwohl sie den Titel der zweiten Episode, „Eine Kugel trifft eine Kugel“, illustriert. Und der womöglich letzte Anruf eines Soldaten bei der Mutter ist vielleicht kitschig – und vielleicht nicht. Weil er es ihr nicht sagt.
Aber im Grunde ist „A House Of Dynamite“ ein unsentimentaler Film, weil die Kriegs und Actionfilme von Kathryn Bigelow nicht die Versöhnungs und Harmonieerwartung der Endzeitfilme von Roland Emmerich haben. Emmerich hat immer noch einen gutmütigen Witz am Abgrund. Bigelow zeigt den Anflug von Tränen im Gesicht von Rebecca Ferguson als Captain Walker im Sicherheitsraum, dann, wie sie das Gesicht anspannt, die Tränen abwischt und handelt. Action is character, sagt dieser Film.
Am Ende fahren Busse in einen Berg – ein Bild, das wir aus allen apokalyptischen Filmen kennen. Sie sehen aus wie Schulbusse. Und der Soldat in Alaska vom Anfang übergibt sich vor der Baracke.