Zum 70. Geburtstag: ein Gespräch mit Herbert Grönemeyers Band
Sie wissen vielleicht am meisten über den großen Songschreiber: Grönemeyers Musiker erzählen
Am meisten lernt man womöglich über Herbert Grönemeyer, wenn man nicht mit ihm selbst spricht, sondern mit seiner Band. Mit der er seit bis zu 45 Jahren konstant spielt, Alben aufnimmt, auf Tour geht, eine tiefe Freundschaft pflegt. Diese Musiker sind ein integraler Bestandteil der Herbert-Grönemeyer-Geschichte, ohne sie wären die Konzerte und Plattenaufnahmen unmöglich.
Zum 70. Geburtstag von Herbert Grönemeyer am 12. April nun also ein Gespräch mit Armin Rühl (Schlagzeug), Alfred Kritzer (Keyboards), Norbert Hamm (Bass), Stephan Zobeley (Gitarre) und Jakob Hansonis (Gitarre).
Die meisten von euch spielen schon so lange in der Band von Herbert Grönemeyer, dass ihr auch die weniger erfolgreiche Frühphase seiner Karriere mitbekommen habt. Wie habt ihr es erlebt, als dann dieser irrsinnige Erfolg mit dem Album „4630 Bochum“ kam?
Jakob Hansonis: Ich kann mich noch erinnern, dass ich an der Ampel stand, es war Sommer, und neben mir hielt ein Auto. Da lief „Männer“, und die Frau auf dem Beifahrersitz hat ihrem Mann das Lied laut vorgesungen. Ich fand das super, dachte aber auch: Wow, alles klar, wenn das jetzt so weitergeht …
Norbert Hamm: Anfangs war das für uns vollkommen unbegreiflich. Zu der Zeit haben wir eigentlich noch in Clubs gespielt und kurz vor der Veröffentlichung von „Bochum“ spielten wir ein kleines Konzert in der Jazz Galerie in Bonn. Wir hatten damals noch kein Catering, also sind wir vor der Show zu einem Italiener um die Ecke gegangen. „Männer“ ging zu der Zeit gerade in die Charts, deshalb dachten wir beim Essen: Vielleicht kommt ja heute endlich mal einer. Als wir dann zurück zum Club kamen, stand da eine 200 Meter lange Schlange vor der Galerie. Da war also klar: Jetzt geht’s los!
Zum Ende dieser Tour habt ihr bereits in Stadien gespielt. War es diese Zeit, die euch auch als Band zu der verschworenen Einheit gemacht hat, die ihr heute längst seid?
Alfred Kritzer: Wenn man gemeinsam aus dem hoffnungslosen Nichts in die Stadien kommt, schweißt das schon zusammen. Man fühlt sich plötzlich wie ein Popstar. (alle lachen)
Armin, du bist erst ein bisschen später dazu gekommen. Wusstest du also schon, worauf du dich einlässt?
Armin Rühl: Ich habe Herbert Grönemeyer 1981 mit Alfred, Norbert und Jakob im Studio von Edo Zanki kennengelernt. Er hatte damals aber schon einen Schlagzeuger, ich habe nur ein bisschen auf dem Album „Total egal“ gespielt. Außerdem war das die Punk- und New-Wave-Zeit. Herbert hatte lange Haare und spielte Klavier. Deswegen bin ich erst mal nach Berlin gegangen, habe dort gescheite Gitarrenmusik gemacht – und meine Lektion gelernt. Etwas später brauchte er dann doch noch einen Drummer. Er kannte mich von damals und hatte inzwischen kürzere Haare.
„Grundsätzlich sind wir alle Häuptlinge und Alphatiere“
In einer Band, die so lange zusammenspielt, gibt es ja auch Rollen jenseits des Offensichtlichen. Wie ist das bei euch?
Norbert Hamm: Dünnes Eis!
Alfred Kritzer: Es gibt natürlich Nuancen in der Band, aber grundsätzlich sind wir alle Häuptlinge und Alphatiere.
Norbert Hamm: Ich bin der Klassenclown, das war ich als Kind schon. Ich sorge gerne für gute Laune – auch wenn es nicht sein muss. Aber Herbert ist diesbezüglich natürlich der einsame König. Insofern bin ich vielleicht eher der Hofnarr.
Auf Tourneen verbringt man viel Zeit mit Warten, da ist Humor natürlich hilfreich. Zumal die meisten Backstagebereiche nicht so glamourös sind, wie man sich das früher vielleicht vorgestellt hat …
Alfred Kritzer: Doch, bei uns schon.
Norbert Hamm: Ich war mal bei anderen Kollegen hinter der Bühne, da ist es bei uns aber fünf Sterne dagegen.
Wie sehr Rock’n’Roll seid oder wart ihr eigentlich?
Norbert Hamm: Auch dünnes Eis!
Alfred Kritzer: Früher ein bisschen mehr als jetzt.
Norbert Hamm: Wir haben schöne Erinnerungen an manche Städte.
Armin Rühl: Nobby, Alfred und ich spielen sogar schon 50 Jahre gemeinsam, da kommt einiges zusammen.
Gibt es Grönemeyer-Lieder, bei denen ihr wisst, was sie für Herbert bedeuten und aus was für einer Lebenssituation sie entsprungen sind, die aber für euch individuell wiederum etwas ganz anderes bedeuten?
Stephan Zobeley: Ja, natürlich, das gibt es ganz oft. Für uns gilt, was für alle gilt: Jeder hat seinen eigenen Zugang zu Herberts Texten. Bei manchen Songs weine ich, bei manchen Armin … Das gehört dazu.
Norbert Hamm: Herbert beobachtet die Leute und guckt, was bei denen so los ist. „Was soll das“ betrifft eigentlich unseren damaligen Tourbegleiter. Oder „Flugzeuge im Bauch“, oft liegen den Songs Geschichten zugrunde, die in unserem näheren Umfeld passiert sind.
Spielen diese Gefühle, die ihr jeweils habt, auch eine Rolle, wenn ihr die Songs auf der Bühne spielt?
Jakob Hansonis: Nicht immer, aber manchmal. Es kommt auf die Tagesform an.
Norbert Hamm: Bei mir ist es extrem bei „Dort und hier“, weil mich das jedes Mal wieder an die Situation erinnert, als seine Frau gestorben ist. Das ist für mich einer der berührendsten Songs überhaupt. Ich kämpfe manchmal immer noch mit den Tränen, wenn ich auf der Bühne stehe.
Jakob Hansonis: Stimmt, bei „Der Weg“, „Dort und hier“ und ähnlichen Songs kommt jedes Mal wieder was hoch, auch bei mir.
Alfred Kritzer: Ich muss mich bei „Der Weg“ zum Glück sehr auf meinen Part konzentrieren, das lenkt ab.
„Es würde nicht so gut aussehen, wenn wir da alle heulend auf der Bühne stünden.“
Das ist der Punkt: Im Gegensatz zum Publikum müsst ihr gleichzeitig auch funktionieren …
Norbert Hamm: Es würde nicht so gut aussehen, wenn wir da alle heulend auf der Bühne stünden.
Jakob Hansonis: Bei vielen Songs ist es aber auch so, dass das Publikum einen trägt. Wenn die Leute mitsingen und alle im Saal dasselbe empfinden, kann man sich da einfach hineinfallen lassen und genießen.
Herbert hat das oft erzählt, deshalb weiß man es natürlich: Er neigt dazu, neue Songideen zunächst in einem Kauderwelsch-Englisch zu singen, die Texte kommen erst später. In welchem Zustand hört ihr neue Songs im Allgemeinen?
Jakob Hansonis: Genau so, wie du gerade beschrieben hast: mit Fantasietexten.
Norbert Hamm: Wir haben sogenannte Bananendemos. „Ich dreh mich um dich“ hieß anfangs „Move All The Faders“, „Männer“ „I Wanna Be Your Delay“, „Kinder an die Macht“ „I Was Born In L.A.“ und „Was soll das“ „It’s A War“.
Armin Rühl: Wir haben mal so eine Roxy-Music-mäßige Ballade aufgenommen und uns dabei richtig reingehängt, um dieses Feeling hinzubekommen, „Lächeln“. Er hat dann einen politischen Text über Helmut Kohl dazu geschrieben. Ich dachte: „Mann, wir haben da unseren ganzen Soul reingelegt, und jetzt machst du einen politischen Text.“ Habe ich zuerst nicht verstanden, aber solche Brüche sind typisch für Herbert, das macht seinen Stil aus. Es wäre einfach zu offensichtlich gewesen, eine Liebesballade aus dem Song zu machen.
Herbert Grönemeyer ist generell ein politischer Künstler. Wie wichtig ist es, dass ihr immer hinter den Aussagen der Songs stehen könnt, sprecht ihr über so was?
Stephan Zobeley: Herbert ist ja ziemlich allgemein, es geht bei ihm eher um ein grundsätzliches humanistisches Bewusstsein und den Kampf für das Gute, eine bessere Welt, weniger um konkrete politische Verortungen im Sinne von links oder rechts. Da sind wir natürlich alle d’accord.
Norbert Hamm: Wir sind alle auf derselben politischen Straße unterwegs. Bei uns gibt es keinen, der irgendwie rumhadert oder komischen Parolen teilt.
„Bei uns gibt es keinen, der irgendwie rumhadert oder komische Parolen teilt“
Wie haltet ihr die Banddynamik gesund, was tut ihr aktiv dafür, dass ihr auch nach so langer Zeit noch gut miteinander klarkommt?
Jakob Hansonis: Mit jeder neuen Platte und jeder neuen Tournee kommen neue Herausforderungen für uns. Jeder Einzelne ist einfach so ein toller Musiker, das hält die Sache lebendig und es macht einfach immer noch riesigen Spaß, den Kollegen zuzuhören, wie sie sich einbringen.
Alfred Kritzer: Ich denke, wir haben über die Jahre gelernt, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Norbert Hamm: Für mich hängt das unbedingt auch mit Herberts Voraussicht und Führungsqualität zusammen. Der könnte auch einen Ozeandampfer dirigieren oder Firmenchef sein. Er hat eine unfassbare Gabe, Sachen vorauszusehen und darauf zu achten, wie man alles zusammenhält.
Stephan Zobeley: Er kann den Laden zusammenhalten und hat dazu diese unfassbar positive Kraft. Wenn einer von uns mal durchhängt, strebt Herbert immer nach vorne, da kann man sich zur Not auch mal dranhängen.
Grönemeyer als Chef? „Der großzügigste, den man sich wünschen kann“
Was für ein Chef ist Herbert Grönemeyer denn genau?
Stephan Zobeley: Der großzügigste, den man sich wünschen kann.
Alfred Kritzer: Er ist jedenfalls durch und durch Chef und in allen Belangen gut. Als Komponist und als Sänger sowieso, aber er hat Entscheidungen im Lauf unserer Karriere getroffen, die richtungsweisend waren und sich als richtig erwiesen haben. Das war im ersten Moment nicht immer ersichtlich, aber später schon. Dadurch hat man Vertrauen.
Armin Rühl: Ich habe in 40 Jahren noch nicht gehört, dass er mal laut geworden ist, selbst wenn er im Recht gewesen wäre. Wenn wir uns in der Band mal kabbeln, deeskaliert er. „Jungs, ganz ruhig“, sagt er dann, „geht mal raus, raucht eine Kippe oder geht runter zum Italiener, trinkt einen Kaffee und kommt dann wieder.“
Jakob Hansonis: Er weiß eben genau, was er will, und ist auch deshalb nach all den Jahren immer noch genau da, wo er jetzt steht.
Norbert Hamm: Ein gleichzeitig lieber und strenger Chef, im Arbeitsprozess sehr genau, da ist er auch mal bestimmt. Aber grundsätzlich lässt er Leine und gibt uns viel Raum.
Wie groß ist der Unterschied zwischen dem öffentlichen Herbert Grönemeyer und dem Freund und Mitmusiker, den ihr seit über 40 Jahren kennt?
Jakob Hansonis: Dazu will ich nichts sagen, das gehört uns.
Alfred Kritzer: Die öffentliche Wahrnehmung und unsere ist ziemlich deckungsgleich. Es ist ein Powerpaket …
Armin Rühl: Herbert ist authentisch auf der Bühne, er führt da nicht irgendeinen Kasper auf. Das ist er.
Norbert Hamm: Wenn es irgendwo brennt oder sonst was ist, egal was, kann man Herbert jederzeit anrufen oder er ruft dich an. Er ist immer für einen da.
„Wir sind wie eine Fünfpersonen-Ehe.“
Gibt es innerhalb dieser Gruppe unausgesprochene Regeln? Wie geht ihr untereinander mit Verletzlichkeiten um, wie muss man sich das vorstellen?
Armin Rühl: Wir sind wie eine Fünfpersonen-Ehe.
Norbert Hamm: Auch sehr empfindlich streckenweise …
Armin Rühl: Aber wir bügeln das aus. Auch mit Rücksichtnahme. Oder indem man sich auch mal leicht kopfschüttelnd umdreht. Das ist halt so. Nach 40 Jahren – was willst du da machen? Wenn ich 40 Jahre lang verheiratet wäre, würde ich auch bei manchen Sachen denken: Okay, so ist er halt.
Alfred Kritzer: Das hat sich als erfolgreich herausgestellt.
Als ihr Anfang der Achtziger mit Herbert Grönemeyer begonnen habt, was habt ihr da gedacht, wie lange das gehen könnte?
Jakob Hansonis: Gar nichts, absolut nichts. Das konnte ja keiner wissen.
Armin Rühl: Herbert hat schon öfter ohne jegliche Ironie gesagt: „Das Beste kommt noch.“ Da habe ich mich gefragt, ob ich gepennt habe die letzten 40 Jahre. Aber so langsam kapiere ich, was er damit meint. Man genießt es heute anders. Wenn du jung bist, ist es geil, das Stadion auf Schalke auszuverkaufen und Rekorde aneinanderzureihen. Aber jetzt sind wir 70 und machen immer noch den Job. Da ist man einfach nur noch demütig und dankbar.
Alfred Kritzer: Das Beste überhaupt ist genau jetzt, die Gegenwart, diese letzte Tour, die wir gemacht haben, „mittendrin – akustisch“.
Norbert Hamm: 20 Leute um einen herum, dazu Streicher und Bläser, das haben wir noch nie gehabt. Das ist super aufregend, nicht nur musikalisch, auch personell. Was da für eine Dynamik plötzlich entsteht, ist der Wahnsinn.
Jakob Hansonis: Es macht einfach unglaubliche Freude, es ist ein Genuss, das immer noch Abend für Abend erleben zu dürfen.
Überlegt ihr euch manchmal, wie lange ihr das noch machen könnt mit den vielen Tourneen und Albumaufnahmen?
Norbert Hamm: Beim Blick auf mein Geburtsdatum im Personalausweis kommen schon manchmal Zweifel, aber was willst du machen?
Armin Rühl: Ich war letztens auf einem Klassentreffen. Ich bin jetzt 69, und dann haben die Leute gefragt: „Musst du noch arbeiten oder bist du schon in Rente?“ „Ich bin Musiker“, habe ich da geantwortet, „ich will so lange spielen, wie ich kann.“ In dieser Band habe ich überhaupt nie den Gedanken, dass es jemals aufhören könnte.