So war 2012

Der Jahresrückblick: Gotteslästerung ist der neue Punk

Blasphemische Äußerungen mischen Internet und Politik auf. Die Religion kehrt zurück – und die Zensur.
Foto:
Max Streltsov/Saltimages/laif
Meinungsfreiheitshype: Pussy Riot im Gerichtssaal

Der Vatikan verklagte die "Titanic" für ihr Cover mit dem Pinkelpapst. Die pakistanische Polizei steckte ein 14-jähriges Kind ins Gefängnis, weil es angeblich Koranseiten verbrannt hatte. Eine noch komischere katholische Organisation zeigte den Regisseur Ulrich Seidl an, weil in einer Szene seines neuen Films eine Frau mit einem Kreuz masturbiert.

Irgendwie war 2012 das Jahr der Blasphemie, und neben diesen eher analogen Fällen gab es auch eine echte 2.0-Stufe: das YouTube-Laienspielvideo über den Propheten Mohammed zum Beispiel, ausreichend Google-optimiert, um im Frühherbst Straßenschlachten auszulösen. Und natürlich den berühmten Pussy-Riot-Auftritt in der Moskauer Kathedrale. Dessen Mitschnitt man als russisch-orthodoxer Rentner auch erst mal umständlich finden und anklicken musste, um sich von ihm die religiösen Gefühle verletzen zu lassen.

Sogar in Deutschland stünden ja bis zu drei Jahre Haft auf Gotteslästerung, betonten viele, die irgendwann zu Recht genervt waren vom Pussy-Hype – was dann fast schon wieder so klang, als wollten sie die Ankläger in Schutz nehmen. Das war sowieso das Seltsamste an diesem Blasphemie-Jahr: Es wurde nicht etwa von einem klaren Aufschrei für die Meinungsfreiheit begleitet. Im Gegenteil. CSU-Politiker schlugen sogar eine Verschärfung der Gesetze vor, und das US-Präsidialamt fragte äußerst suggestiv bei Google an, ob dieses Mohammed-Video nicht vielleicht gegen irgendwelche Statuten verstoße und gelöscht werden müsse.

Musste es nicht. 2012 haben wir gelernt, dass Blasphemie keineswegs – so wie GEMA-notierte Musik – gegen YouTube-Nutzungsbedingungen verstößt (zumindest nicht generell). Auch das eben in Russ-

land erlassene Verbot des Pussy-Riot-Videos wird sich nicht durchsetzen lassen. Zwar verschwinden auf Facebook oder im iTunes-Store täglich immer noch größere Mengen unbedeckter Brustwarzen, aber was religiöse Zwangsmoral angeht, erscheinen die verschrieenen Internetkonzerne momentan freigeistiger und konsequenter als die Politik.

Was vielleicht ja daran liegt, dass Google und Apple strikt monotheistische Systeme sind. Dass es neben ihnen einen anderen Gott geben könnte, gegen den sich lästern lässt – das würden sie niemals glauben.



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