20 Jahre „L’etat Et Moi“ von Blumfeld: Eine Platte mit der man leben kann, ja muss


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Besagter Distelmeyer, damals Sänger der Band „Die Bienenjäger“, sang: “Das Leben auf dem Lande/ Ist nicht einfach, sondern schwer/ Es gibt nur wenig nette Leute/ Und man langweilt sich sehr/ Darum denke ich oft an die großen Städte dieser Welt/ Weil ich glaube, dass es mir dort besser gefällt”.

Die Reise geht ins Niemandsland zwischen Münster und Osnabrück, in das Haus der (meiner) Geschichte, in mein Jugendzimmer. An den Wänden hingen die Beatles, The Clash, The Smiths und Elvis Costello. Popmusik war größtenteils britisch, Popmusik war größtenteils gestern (klar, es gab noch Pulp und Pavement). Im Bücherregal standen Hesse, Kafka, Camus und Fauser.

Um eine deutsche Musikszene wusste ich nur vom Hörensagen. Von dem ersten Album der Hamburger Band Blumfeld, “Ich-Maschine”, hatte ich gelesen, aber nichts verstanden. Von Sprech- und Spielsituationen war die Rede. Im so genannten Oberstufenraum liefen Fury in the Slaughterhouse oder – mit ein bisschen Glück – Faith No More. Eines Tages – ich werd’ ihn nie vergessen – hörte ich spät nachts im Radio “Verstärker” von Blumfeld, die Zeilen “Wenn es nicht Liebe ist, wird es die Bombe, beziehungsweise Kiste sein“ und denke “If it’s not love, then it’s the bomb, the bomb, the bomb that will bring us together“. Das waren The Smiths, “Ask me“. Pop im Sinne von Morissey, The Clash. Kein Wunder, dass diese Band wenig später als Pavement-Support durch die Welt tourte. Eine Musik, die auch ohne Theoretisierung funktionierte, ja: elektrisierte. Dazu eine Sprache, die so unglaublich klang, dass man kaum glauben konnte, dass es tatsächlich Deutsch war. Am nächsten Tag kaufte ich bei “Marktkauf”, einen richtigen Plattenladen gab’s bei uns nicht, “L’Etat Et Moi”.

Der Staat und ich? Oder doch eher: Der Zustand und ich? Innen oder außen? Oder gar beides? Kriegszustand jedenfalls. Captain Benjamin Willard aus Coppolas “Apocalypse Now” liegt verschwitzt und betrunken auf dem Bett, das Summen des Deckenventilators und die Hubschrauber-Rotoren verschmelzen, Gitarren mischen sich dazwischen, und man hört Jochen Distelmeyer, einen “Kriegsberichterstatter, der sich selbst verflucht: “Überall sind Menschen auf den Straßen/ Kenne ich nicht, gehöre nicht dazu.” Was folgt, ist eine Suche. Nach was? Wenn es nicht so esoterisch klingen würde, könnte man sagen “nach sich selbst”. Identitätärä! Doch muss diese Suche scheitern, wenn der Protagonist merkt, dass er nicht durch sich selbst, sondern durch ein Außen, durch Verweise definiert wird, die immer wieder von seiner Inneren ablenken. Ein Wesen zwischen nichts und allem.

Dieser Zustand ist tanzbar. Eine Platte mit der man leben kann, ja muss. Und je länger man dies tut, desto mehr Referenzen entdeckt man in diesen Textgespinsten: “Ein Auge sieht den Himmel offen / der verspricht uns etwas Blaues“, das ist quasi Schillers “Glocke”. Oder “Es hat uns niemand gefragt / Wir hatten noch kein Gesicht / Ob wir leben wollten oder lieber nicht“, das ist Friedrich Holländer. “Dann mach ich mir nen Schlitz ins Kleid und find es wunderbar“ das ist Ingrid Steeger. Auch Paul Celan, Bob Dylan, Neil Young, Johnny Cash, die Lassie Singers und Cpt. Kirk tauchen auf, um nur einige zu nennen.

Blaise Pascal schrieb, das Problem des Menschen sei, dass er nicht allein in den eigenen vier Wänden glücklich werden könne, da er dort mit der Angst, die eigene innere Leere zu erfahren, konfrontiert werde. Daher geht Distelmeyer raus, “und draußen geht es dann zu jemand völlig anderem hin.” Doch, wie er schon auf einer frühren Single sang, “Lieber alleine allein/ Als gemeinsam einsam sein.” Aufgeben steht aber nicht zu Debatte, immer wieder oszilliert das Subjekt zwischen innen und außen, zwischen eigener Geschichte, Politik, Innerlichkeit und Rock’n’Roll. “Offen gesagt haben wir vor/ Weiterzumachen als Gescheiterte bisher/ In Sachen Selbstverwirklichung.”

Schaut man sich das Textblatt von “L’Etat Et Moi” an, fällt auf, dass das Ich allmählich zu Gunsten des Dus verschwindet. “Jedes Bild ist wie ein Messer ein Gebrauchsgegenstand/ Und lesen meint hier denken mit anderem Verstand/ Indem man liest und was begreift/ Sich und den Andern, sucht und findet (das ist Arbeit)/ Das Gefundene mitteilt und verbindet (das ist Technik)/ Gemeinsam eine Welt erfindet (vielleicht Liebe)” Die Liebe also als Lösung? Als Flucht vor der inneren Leere, als selbst bestimmtes Paralleluniversum? Nein. “Als der Strom weg war/ Bliebst Du bei mir/ Und sagtest nichts mehr/ Als wärst Du in mir/ Eingesogen/ Vom Angelpunkt verschlungen/ Als hätt’ ich mir die Haut vom Körper abgezogen/ Nichts außer mir/ Und in Gedanken ging ich zu Dir/ Und sagte, bitte hilf mir/ Vergiss die Lieder, die ich spiel/ Die hatten nie etwas zu tun mit Dir/ Die sind so hohl wie ich/ Und darauf Du:/ Und davon handeln wir.” Dann doch noch das Liebeslied. Der Titel: “You Make Me”. Natürlich englisch, natürlich nur ein Verweis. Am Ende wissen wir, die Suche wird niemals zu Ende sein, es gibt kein Entkommen, nur Ablenkung.

Ach ja, der Eingangs erwähnte Song der Bienenjäger geht übrigens wie folgt weiter: “Große Städte, flaches Land/ Überall kannst du traurig/ Überall kannst du fröhlich sein”. Mehr Licht.

Big Cat, 1994

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