DJ Snake: Durchstarten im Hangar H4
Zum Release seines neuen Albums „Nomad“ zog der Franzose auf dem Pariser Airport Le Bourget alle Sound-Register
Noch bevor der erste Beat durch den riesigen Hangar wummert, liegen Kerosin, Aufbruch und Vorfreude in der Luft. Am Donnerstagabend (06.11.) verwandelt der französ-algerische Produzent DJ Snake den Hangar H4 des Pariser Flughafens Le Bourget in ein Klangterminal der Superlative. Anlass: die Veröffentlichung seines dritten Studioalbums.
In Deutschland ist Snake ein Thema für Clubkultur-Insider. Doch ansonsten hat sich der als William Sami Étienne Grigahcine im Pariser Vorort Ermont geborene 40-Jährige von den grauen Straßenzügen des Banlieue an die Spitze der globalen Clubkultur gespielt. Der Sohn algerischer Einwanderer wuchs zwischen französischer Hip-Hop-Kultur und arabischen Rhythmen auf. Was damals auf den Straßen seiner Heimatstadt begann, hallt heute auf exotischen Bühnen in aller Welt wider: Coachella, Stade de France, die Spitze des Eiffelturms.
Sein Durchbruch kam 2013 mit „Turn Down for What“ – einem der Songs, die den Trap-Sound in den Mainstream katapultierten. Spätestens mit „Lean On“ (2015, mit Major Lazer & MØ) wurde Snake zum globalen Star. Auf Carte Blanche (2019) verband er lateinamerikanische Beats und poppige Hooks in Megahits wie „Taki Taki“ und „Loco Contigo“ – Songs, die Sommer definierten und Playlists dominierten.
Ein Flugfeld als Bühne
Für die aktuelle Premiere hat sich Snake das Motiv des Reisens vorgenommen. „The journey begins at the airport“, sagt er im Pressetext – und meint das wörtlich. Das Flugfeld von Le Bourget, einst Landeplatz für Charles Lindbergh nach dessen historischem Atlantikflug, wird heute zum Startpunkt einer musikalischen Expedition.
Gegen halb neun verdunkelt sich der Hangar. Auf einer riesigen Projektionswand flimmert eine flirrende Wüstenlandschaft – ein Verweis auf das Nomadenmotiv, das sich durch das gesamte Album zieht. Snake betritt die Bühne, gehüllt in Licht, Nebel und einen Beat, der so tief rollt, dass selbst die Flugzeuge draußen vibrieren könnten.
Die Show ist mehr als ein Set – sie ist ein Statement. „Nomad“ besteht aus 17 Tracks, die kulturelle und musikalische Grenzen mühelos überschreiten. Lateinamerikanische Rhythmen treffen auf arabische Skalen, Afrobeats auf US-Trap. Unter den Gästen des Albums: renommierte Namen wie J Balvin, Stray Kids, Future, Travis Scott und das malische Duo Amadou & Mariam.
Der Sound eines Lebens
Der Sound erinnert an die Reise seines eigenen Lebens: von den Clubs im 19. Arrondissement über internationale Festivalbühnen bis hierher – in eine Technik-Kathedrale voller Licht und Bass. Snake zelebriert das, was er ist – ein musikalischer Wanderer, der seine Identität nie vergisst, aber sie ständig neu zusammensetzt.
Das Publikum – Produzenten, Prominente, Edel-Kids mit goldenen Einladungen – tanzt sich durch Kontinente. Zwischen Stroboskop und Nebelmaschine verschmilzt alles zu einer pulsierenden Masse. Die Beats sind global, aber die Emotion bleibt persönlich: Stolz, Wehmut, Energie.
Der Vorstadtjunge, der Beats im Schlafzimmer produzierte, hat sich zum Architekten eines Sounds entwickelt, der zwischen Miami und Marrakesch, Seoul und Paris zu Hause ist. Seine Hangar-4-Party ist nicht einfach ein Konzert, sondern ein Manifest: Musik als Bewegung, Identität als Reise, Heimat als Rhythmus.
Nomad – Musik als Bewegung
Fünf Jahre, 300 Demos, 17 Songs: Mit „Nomad“ liefert DJ Snake ein persönliches Statement – ein globaler Roadtrip zwischen Festival-Eskalation und stillen Momenten der Sehnsucht. Nach den Multi-Platin-Erfolgen Encore und Carte Blanche erweitert er sein Klanguniversum um neue Horizonte: Trap trifft auf Afrobeat, K-Pop auf arabische Skalen, Dancehall auf nordafrikanische Straßenmusik. Ganz schön viel auf einmal.
Zwischen all den Stilen schlägt „Patience“ das emotionale Herz des Albums: eine Neuinterpretation von Amadou & Marians „Sabali“, die Migration, Trennung und Liebe als universale Themen verhandelt. Snake lässt Raum – nicht für Pathos, sondern für Gefühl. Daneben glänzen J Balvin mit dem 90s-Reggaeton-Throwback „Noventa“, Future & Travis Scott auf dem monströsen Club-Brecher „Tsunami“ und Bipolar Sunshine mit der euphorischen Single „Paradise“.
„Nomad“ ist ein Album über Bewegung – geografisch, emotional, spirituell. Snake bleibt Grenzgänger zwischen Mainstream und Underground, Hitmaschine und Soundarchitekt. In seinem kontrollierten Chaos liegt dann doch erstaunlich viel Seele.