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Warum wir Superhelden lieben


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Der Superheld war ein wenig früher dran als die politische Bewegung: Black Panther feierte sein Comic-Debüt im Juli 1966, die amerikanische Black Panther Party wurde im Oktober desselben Jahres gegründet. Die militante Gruppierung kämpfte für Selbstbestimmung der Schwarzen; der Schwarze Comic-Panther, auch bekannt als König T’Challa, für das fiktive Wakanda, deren Feinde das autonome afrikanische Land zerstören wollen.

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Zwar behauptete Black-Panther-Erfinder und Marvel-Comics-Chef Stan Lee, das auffallend ähnliche Raubkatzen-Logo seines Helden wäre nicht von dem der Panther-Vorgängerpartei Lowndes County Freedom Organization (LCFO) beeinflusst. Womöglich war diese Trademark-Ähnlichkeit den Aktivisten sowieso egal. Man kämpfte für dasselbe. Black Panther war der erste afrikanische Superheld. Er gab, wie kurz nach ihm die Gründer der Partei, den Unterprivilegierten eine Stimme: Ich bin hier, wir sind hier, wir kämpfen für uns und wir kämpfen für euch, wir haben Kräfte, die unsere Unterdrücker nicht erahnen könnten. Der Wakanda-König mit der übernatürlichen Stärke und Laufgeschwindigkeit steht für das Idealbild eines Menschen, der Gleichberechtigung ermöglicht. Und sein Land für eines, in dem Schwarze leben können, ohne kriminalisiert zu werden, wie es in der amerikanischen Gesellschaft an der Tagesordnung ist.

Der Film „Black Panther“ von 2018 nimmt eine Sonderstellung in der Marvel-Studios-Schmiede mit ihren bis dato 29 Leinwandwerken ein. Mehr als eine Milliarde Box-Office, das war für Marvel nichts Neues. Aber mehr als eine Milliarde Box-Office von einem Regisseur, Ryan Coogler, der Afro-Amerikaner ist, und mit neun der elf Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller, die Afro-Amerikaner sind – das war schon neu. Der erste Superhelden-Film, der weltweit das Schwarze Publikum millionenfach in die Kinos lockte.

Im besten Fall erfüllen Superhelden, wie Black Panther, zwei Aufgaben. Die erste besteht in der Repräsentation der Unterdrückten sowie deren Sichtbarmachung. Superhelden zeigen, dass vermeintlich Schwache über sich hinauswachsen können. Jeder, der eine Schmach erlebt, wünscht sich ein Comeback, stärker als je zuvor, oder? Drei Beispiele: Peter Parker ist der Schüler, den die anderen in die Mülltonne stopfen, der Junge, dessen Onkel von Räubern erschossen wird. Nach dem Biss der radioaktiv verstrahlten Spinne kann er wie das Insekt an Wänden hochkrabbeln und Spinnweben, die Gegner fesseln, aus den Handgelenken schießen. Er wird zum Spider-Man, der Kriminelle einbuchtet. Der Wissenschaftler Bruce Banner wurde als Kind von seinem Vater seelisch missbraucht; die daraus resultierende Abspaltung eines zweiten Ichs und die Abwehrhaltung gegenüber Traumatherapie erschuf den Hulk: ein wütender grüner Riese, der alles in Einzelteile zerlegen kann. Selina Kyle schließlich war, je nach Comic- oder Film-Erzählung, eine ausgebeutete Stewardess oder eine Sekretärin, die von ihrem Vorgesetzten ermordet wird. Sie wird zur Catwoman, die das Patriarchat bekämpft. Diese drei Menschen besiegen ihre Vergangenheit, auch wenn Bruce Banner seinen Hulk zunächst fürchtet, weil er ihn nicht kontrollieren kann.

All diese Superhelden, Spider-Man, Hulk, Catwoman, aber auch Kolleginnen und Kollegen wie Captain Marvel oder Batman, kämpfen für Wiedergutmachung nach einer Demütigung, sie kämpfen für sich und andere Schwache. Aber nicht nur für die Schwachen. Sie kämpfen auch für die Guten. Für den Fortbestand ziviler Ordnung. Das ist ihre zweite Aufgabe.

Wer sind die Guten? Wonder Woman und Captain America wurden während des Zweiten Weltkriegs erdacht. Patriotische Supersoldaten sollten den Glauben stärken, dass das Böse, hier der Nationalsozialismus, besiegt werden kann. Dass eine bessere Welt möglich wird, indem man anderen, bedrohten Völkern zu Hilfe eilt. Verschlungen wurden die Comics nicht allein von US-Kämpfern an der europäischen Frontlinie, sondern auch von deren Familien in der amerikanischen Heimat. Die Bilder mit ihren Sprechblasen machten Hoffnung auf eine unversehrte Rückkehr ihrer Lieben und befeuerten die Moral. Auch in heutigen Kriegen wird der Einsatz von Superhelden herbeigewünscht. Die Neue Zürcher Zeitung druckte ein Bild, das den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyi in einer Montage als Captain America zeigt. Russland drohte der „NZZ“ mit einer Klage – aber nicht, weil Selenskyi als Superheld zu sehen ist, sondern daneben ein Foto Putins mit Clownsnase. Der Superheld soll den Clown zurechtstutzen.

Siegertypen wie Captain America steht ein zynischer Anti-Held gegenüber, dessen Abenteuer wohl nur in diesem Jahrtausend erfolgreich verfilmt werden konnten: der fluchende, machohafte, auch mal für das Falsche einstehende Deadpool. Er bedient unsere Lust an Rausch und Exzess, seine Superkraft ist die der raschen Selbstheilung jeder noch so starken Wunde – sein Körper vergisst, und Deadpool muss nichts bereuen. Deadpool entstand natürlich 1991, dem Anbeginn der Ära der „Political Correctness“. Wenn man ihn lange genug bearbeitet, kämpft aber auch Deadpool für die Gerechtigkeit.

Manche Superhelden sind keine Aufsteiger, sondern von Geburt an privilegiert. Superman ist ein Außerirdischer, gegen den kein Mensch, der dessen einzige Schwäche (das Kristall Kryptonit) nicht kennt, gewachsen ist. Superman muss sich sogar klein machen, um als tapsiger Humanoid namens Clark Kent inkognito leben zu können. Thor wiederum ist ein prähistorischer nordischer Gott, der sich nicht bemüht unsere moderne Zivilisation zu verstehen. Kein Wunder, dass einige Superman- und Thor-Filme schwach sind. Die Charaktere sind übermächtig, nicht gebrochen, in den Stories geht es nicht um ihren Aufstieg, sondern um den Versuch der Bändigung ihrer Superkräfte. Sie sind da, wo wir nie hinkommen. Es ist eine Herausforderung, daraus spannende Stoffe zu machen.

Vielleicht ist deshalb Batman derjenige Superheld, der in vielen Rankings als beliebtester gewählt wird. Ihm fehlen übernatürliche Fähigkeiten. Er muss seinen Körper trainieren und seinen Erfindungen vertrauen – hoffen, dass das Batmobil anspringt. Selbst die Comic-Figur Batman steht für die Aufs und Abs des realen Lebens. Hinter dem geflügelten Rächer verbirgt sich Bruce Wayne, und der war von Geburt an ganz oben, dann, noch als Kind, plötzlich ganz unten. Als junger Erwachsener hat er versucht sich aufzurappeln, aber auch im höheren Alter befindet er sich derart im Griff seiner Depression, dass er als Getriebener noch so viele Schurken jagen kann – er wird niemals glücklich sein. Er wächst behütet auf, als Milliardärs-Sohn mit liebenden Eltern. Die werden bei einem Überfall erschossen, da ist er Zehn. Fortan bekämpft er Dämonen, innere (Selbstvorwürfe) wie äußere (Verbrecher). Aus diesem Grund berührt uns Christopher Nolans „The Dark Knight“ (2008), in dem der Batman eine Geistesverwandtschaft zum Antagonisten Joker befürchtet: auch der ein Außenseiter mit Wunsch nach Seelenfrieden. Batman ist eine Identifikationsfigur, weil er niemals aufgibt diesen Frieden zu finden, so schlecht es auch läuft.

Black Panther wird zum Symbol. Verkörpert von einem anderen Menschen, der nicht dessen Kostüm trägt, aber dessen Geisteshaltung verteidigt

Unser Ranking präsentiert die besten Superhelden-Filme, aber das Schöne ist, es könnte in wenigen Jahren schon ganz anders aussehen. Warum? Weil es stets in kurzen Abständen neue Schauspieler gibt, die denselben Superhelden verkörpern. Christopher Reeves Superman war ein Optimist, Henry Cavills Superman ein Grübler, der an der Verantwortung für unseren Planeten zu zerbrechen droht. Die Charaktere sind größer als ihre Darsteller; daher werden sie nie langweilig, gibt es keine Redundanzen, sobald jemand Neues die Rolle annimmt.

Mit „Wakanda Forever“ läuft im November die Fortsetzung von „Black Panther“ an. Hauptdarsteller Chadwick Boseman verstarb im Jahr 2020, mit 43 Jahren. Ist mit ihm auch der Schwarze Panther gestorben? Dass Boseman mittels visueller Effekte eine Wiederauferstehung feiert, haben die Filmproduzenten ausgeschlossen. Wir könnten eine Premiere im Superhelden-Genre erleben: Mit dem Rollentod König T’Challas stirbt Black Panther nicht. Black Panther wird zum Symbol. Verkörpert von einem anderen Menschen, der nicht dessen Kostüm trägt, aber dessen Geisteshaltung verteidigt: Autonomie und Freiheit für diejenigen, die Frieden lieben.