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Teilnehmende BeobachtungKolumne

Kevin Kühnert: Kopfhörer in Bus und Bahn für alle

In öffentlichen Verkehrsmitteln prallen lautstark Welten aufeinander. Ein Vorschlag zur Beruhigung

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Der Walkman hat die Musik mobil gemacht. Das Handy hat das Telefonat mobil gemacht. Der Gameboy hat das Entertainment mobil gemacht. Das Smartphone hat all das virtuos zusammengeführt – ist aber leider mit einem Lautsprecher ausgestattet worden.

Seitdem ist ein öffentliches Verkehrsmittel nicht mehr nur eine Mittel zur gemeinsamen Fortbewegung. Es ist heute auch eine Bühne, auf der private Welten miteinander Capoeira tanzen, während andere zur Arbeit fahren. Musik, Videos, Telefonate – all das ringt ungefiltert miteinander um die akustische Hoheit in unseren fahrenden Boxen aus Glas und Metall.

Der Lautsprecher ist dabei längst mehr als ein technisches Feature. Er wird vielmehr zur soziale Herausforderung, für die unsere Gesellschaft bis heute scheinbar keine funktionierende Etikette finden konnte. Einige der passioniertesten Autofahrer in meinem Berliner Umfeld lehnen schon deshalb die Nutzung des ÖPNV für ihren Arbeitsweg ab, weil sie die Geräuschkulisse in S- und U-Bahn für unzumutbar halten. Aber geht es hier wirklich zuvorderst um eine Frage des Benehmens?

Schnell werden Schuldige gesucht und vermeintlich auch gefunden: die Jugend, andere Kulturen und überhaupt der Verfall von allerlei Werten. Doch all diese Erklärungen bleiben an der Oberfläche.

Wer wenig Raum hat, lebt öffentlich

Bei genauerem Hinsehen wird ein Muster ziemlich deutlich erkennbar, das wir auch aus anderen Debatten kennen. Von Corona-Schutzmaßnahmen über das Verbot öffentlichen Alkoholkonsums bis hin zu nächtlichen Platzverweisen gilt: Die Nutzung öffentlicher Räume ist für viele unserer Mitmenschen nicht eine Option unter vielen, sondern eine soziale Notwendigkeit. Manchmal ist es sogar eine ohne Alternative. Wer keine großen Wohnungen, keinen Garten, kein Auto, kein Homeoffice und mitunter nicht mal ein eigenes Zimmer hat, der lebt sein Leben öffentlicher – und damit oft auch hörbarer.

Gleichzeitig funktioniert Rücksichtnahme in unserer Gesellschaft als Statusmarker. Leise sein gilt als kultiviert. Sind die Lauten also einfach unkultivierte Prollos, die sich nicht zusammenreißen können? Unter den neuen Noise-Cancelling-Kopfhörern im Wert von 200 Euro kann man sich solchem Kulturpessimismus ja weitgehend ungestört hingeben. Dabei sollte man dann nur nicht vergessen, dass nicht alle den Tag auf dem Gravel Bike oder beim Power Yoga ausklingen lassen werden, um ihre Lebenskrisen zu bewältigen.

Mir geht es nicht darum, den sozialen Status zur Jokerkarte für jedes noch so rücksichtslose Verhalten zu machen. Notorische Egoisten gibt es in jeder Bevölkerungsgruppe, auch unter Ärmeren. Aber uns sollten die tiefer liegenden Auslöser von Problemen interessieren, wenn wir uns nach passenden Lösungen umsehen.

Clash of Weltbilder

Ein Blick in die Sozialforschung gibt dabei die Richtung vor. Menschen, die sich kaum zugehörig fühlen, verhalten sich häufiger normabweichend. Nicht so sehr aus Provokation, sondern weil sie die sozialen Kosten – zum Beispiel mein Augenrollen in der U-Bahn – nicht fürchten oder sie erst gar nicht kalkulieren können. Wer die ungeschriebenen Benimmregeln hingegen kennt, der kann sicher durch den öffentlichen Raum manövrieren. Auch deshalb gilt meine größere Verärgerung dem obligatorischen Schlipsträger im ICE, der alle Mitfahrer eine halbe Stunde lang lautstark an der Besprechung seiner Quartalszahlen teilhaben lässt. Denn Mr. Wichtig verletzt die Etikette, obwohl sie ihm definitiv vertraut ist.

Bus und Bahn sind so längst zum Bühnenbild für Erzählungen aller Art geworden. Eine einzige Busfahrt taugt heute regelmäßig als Beleg für ein ganzes (politisches) Weltbild. Und eine Bahnfahrt eines anderen als Beleg für das genaue Gegenteil. Diese anekdotische Evidenz ist fürchterlich ermüdend und taugt mir, einem exzessiven Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel, rein gar nichts. Ich strebe kein utopisches und kein dystopisches Fahrerlebnis an, sondern einfach ein bisschen mehr Ruhe.

Und weil erfahrungsgemäß weder erzieherische Lautsprecherdurchsagen, noch aufgeklebte Piktogramme eine gesellschaftliche Fehlentwicklung umkehren, möchte ich mich mit einem ganz pragmatischen Vorschlag beteiligen: Mit jedem Abo-Ticket wird künftig die jährliche Ausgabe eines Kopfhörerpaares verbunden. In der Masse sind die einfachsten Exemplare heute Centartikel, das fällt bei mittlerweile 63 Euro pro Monat für das Deutschlandticket nicht weiter ins Gewicht. Und wenn es die Gemüter beruhigt, dann können wir meinetwegen auch die Beförderungsbedingungen samt Bußgeldkatalog beilegen.

Wer nun einwendet, Billigkopfhörer könnte sich auch jeder selbst kaufen, hat recht. Aber angesichts der Lebenszeit, die ich in öffentlichen Verkehrsmitteln verbringe, habe ich in Bus und Bahn einfach lieber meine Ruhe, als lediglich recht.

Kevin Kühnert schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.