
Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Renaissance des Akkordeons
Das Akkordeon wurde sehr zu Recht zum Instrument des Jahres gekürt, meint unser Kolumnist.
Folge 283
Es ist dringend an der Zeit, den Blick aufs Wesentliche zu richten und über das Instrument des Jahres zu sprechen.
2025 nahm auf Weisung des für die Vergabe zuständigen Landesmusikrats die menschliche Stimme diesen Platz ein. Ich wollte damals eigentlich einen Kolumnentext darüber schreiben, wie sehr ich es bedaure, dass in der populären Musik das Schiefsingen aus der Mode gekommen ist und somit Meisterwerke der erratischen Intonation wie Neil Youngs „Tonight’s The Night“ oder „In A Priest Driven Ambulance“ von den Flaming Lips heute undenkbar geworden sind.
Ich habe es dann aber einfach vergessen, wie so vieles. Das gilt es 2026 zu vermeiden, darum sei an dieser Stelle unter ungebremstem Konfettigewerfe das Instrument dieses Jahres bejubelt. Meine Damen und Herren: Das Akkordeon! Sie können auch Handklavier, Ziehorgel, Quetschebüggel (rheinisch) oder wie in Österreich Quetschn sagen. Merke: Ein Instrument ist immer nur so gut, wie es in Österreich heißt.
Ich habe ein denkbar gutes Verhältnis zum Akkordeon, mein Vater, ein Unterhaltungsmusiker, hatte es zu seinem Stamminstrument auserkoren und akkordeonisierte auch bei uns daheim fröhlich vor sich hin. Der Klang der
Quetschkommode ist somit Teil meiner existenziellen Matrix. Dankenswerterweise war das Programm meines Vaters nicht folkloristischer Art, er spielte bevorzugt Orchester-Evergreens wie „Red Roses For A Blue Lady“.
Vielleicht verdankt es sich dieser Prägung, dass ich relativ viele Platten herumstehen habe, auf denen dem Instrument eine tragende Rolle zukommt, darunter Werke von The Band, They Might Be Giants, Grace Jones, Los Lobos, Bob Dylan, Kofelgschroa oder Tom Waits. Sollte das Akkordeon im Zuge seiner Bejubelung in diesem Jahr einen Popularitätsschub erfahren und plötzlich allenthalben gequetscht, gezogen und der Balg bepumpt werden, so hätte das meinen Segen.
Und nun bitte die Bongo!
Was das Instrument des Jahres 2027 anbelangt, würde ich mich freuen, wenn die Wahl des Landesmusikrates auf die Bongo fiele. Da damit zu rechnen ist, dass mein Wunsch nicht gänzlich ungehört verhallt, möchte ich schon vorab Schauer meines Bongo-Wissens auf die geneigte Leserschar herabregnen lassen: Die paarweise verwendete Trommel stammt aus Kuba, die größere der beiden heißt Hembra (Weibchen), die kleinere Macho (Männchen), was allein schon für Begeisterung sorgen sollte.
Der letzte populäre Act, der das Instrument prominent einsetzte, war das Safri Duo, dessen Erfolg in den frühen Nullerjahren als Indiz dafür gewertet werden darf, dass die Zeiten schon immer seltsam waren. Deutlich erbaulichere Musik mit reichlich Hembra und Macho produzierten etwa Curtis Mayfield („Move On Up“, „Pusherman“), Santana oder die Rolling Stones („Sympathy For The Bongo“).
Prominente Bongospieler sind rar: Ray Cooper, der in „A Horse With No Name“ von America herumklopfte, erwarb sich später aufgrund seines expressiven Bühnengebarens als Tourmusiker für Gediegenheitsvirtuosen wie Sting, Phil Collins oder Eric Clapton den Namen „Mad Ray Cooper“. Michael Carabello wiederum, der in der frühen Santana-Inkarnation die Percussion-Tätigkeiten versah, ist das einzige Mitglied der Rock and Roll Hall of Fame, dessen Hauptinstrument die Bongos sind. Ein schändlicher Zustand, an dem wohl nur die Wahl zum Instrument des Jahres rütteln könnte.
Wer nun sagt: „Schön und gut, aber wo bekomme ich für mein Geld möglichst viel Bongo?“, dem sei empfohlen, den Tonträger „Bongolia“ der Incredible Bongo Band zu erstehen, ein wunderbares Album, um ein für alle Mal sein Verhältnis zu dem Instrument zu klären.
Sensible Gemüter seien gewarnt: Nach nur einmaligem Anhören rappelt der Kopf noch tagelang.