Melanie Martinez heizt die Hölle ein auf ihrem dystopischen neuen Album
Auf ihrem fünften Album „Hades“ erschafft die Weltenbauerin einen vielschichtigen, aber unübersichtlichen KI-Untergrund, der die Dunkelheit unserer Zeit spiegelt.
Melanie Martinez hat die Dunkelheit von Anfang an bewohnt. Auf den ersten Blick wirkte es vielleicht nicht so – schließlich lockte ihr Debüt von 2015, „Cry Baby“, mit zuckerwattefarbenen Artworks und knallbunten Pop-Hooks. Doch auf diesem überraschenden Erstling – damals war Martinez vor allem als schüchterne, aber einfallsreiche Favoritin bei „The Voice“ bekannt – baute sie eine trostlose, bissige Welt aus Familiengeheimnissen und dem Verlust der Unschuld. Alles verpackte sie in eine pastellfarbene, kindliche Ästhetik und erschuf die Figur eines kleinen Mädchens namens Cry Baby, um gespenstische Geschichten von suburbaner Melancholie, häuslicher Gewalt, Tablettenmissbrauch, Entführungen und dauerhaftem Trauma zu erzählen.
„Cry Baby“ zog weitere Projekte und einen Film nach sich, jede Veröffentlichung so kreativ wie die letzte – bis Martinez in die üppigen Waldphantasien von „Portals“ abbog, ihrem hervorragenden Album aus dem Jahr 2023. „Portals“ wagte enorme klangliche Risiken, von der scharfkantigen Produktion auf Highlights wie „Void“ und „Evil“, und sah Martinez außerdem in aufwendigen Spezialprothesen, mit denen sie sich in den Videos und auf der zugehörigen Tour in eine vierauäugige Feennymphe verwandelte. All das zeugte von Martinez als produktiver Visionärin mit schier unerschöpflicher Vorstellungskraft – und ließ ihre Fans gespannt zurück, welches Universum sie als Nächstes aus dem Boden stampfen würde.
Aber da die Welt gerade zur Hölle fährt – warum nicht gleich nach „Hades“?
Dystopie im Zeichen der KI
Genau dort treffen wir Martinez auf ihrem neuen Album, einem ausufernden Kompendium aus 18 Songs, das sich kopfüber in die bedrängendsten Themen unserer Zeit stürzt – und locker das Schwergewichtigste in Martinez‘ Katalog ist. An jeder Ecke lauert eine Krise, und existenzielle Angst schleicht sich bereits in den ersten barocken Sekunden des Openers „Garbage“ ein. Ein gespenstisches Streichorchester verspricht Trost, während Schüsse im Hintergrund an die Nerven zerren – ein Verweis auf die ständige Gewalt und die Kriege, die überall um uns herum explodieren. Martinez legt hier den Grundstein für eine komplexe, technokratische Dystopie, in deren Mittelpunkt eine neue Figur steht, die sie Circle getauft hat.
Ein Hörbuch, das das Album begleitet, erzählt die ganze Geschichte: Circle flieht aus einer Kommune, um ein von KI gesteuertes, trostloses Popstar-Dasein in einer reichtumsfixierten Wüstenlandschaft zu führen. Religiöse Heuchelei und Gehirnwäsche stecken in der schaukelnden Unheimlichkeit von „Is This a Cult?“, Rassismus und Frauenfeindlichkeit in „White Boy Has a Gun“, Cybermobbing und Körperdysmorphie in „Chatroom“. Die Geschichte selbst ist nicht besonders stringent; der Plot ist oft schwer nachzuverfolgen, mit verwickelten Momenten über eine ausgedehnte Laufzeit hinweg. Aber was sollte man auch erwarten, wenn die meisten von uns selbst nicht mehr wissen, wo oben und unten ist? Der eigentliche Reiz liegt darin, wie Martinez für jeden Song einen neuen Zugang findet, ohne sich zu wiederholen. Sie spielt mit Melodien und Songstrukturen, schraubt ihre Stimme auf Songs wie „The Vatican“ in die Höhe und hangelt sich durch „Grudges“ im Sprechgesang. Die zweite Albumhälfte verliert etwas an Schwung, dennoch gelingen ihr auf unerwartete Weise einige verdammt gute Pop-Tracks.
Was Martinez auszeichnet, ist ein unerschöpflicher Vorrat an Ideen – und selbst in den schwächeren Momenten des Albums blitzt Weitblick auf, wenn sie ihre Gedanken über Technologie und das digitale Zeitalter entfaltet. Das ist umso erfrischender angesichts der Häufigkeit, mit der Künstlerinnen und Künstler heutzutage die Kreativität dem Algorithmus opfern. Das Ende der Geschichte mündet in einen Appell für menschliche Vorstellungskraft und Schöpferkraft: „So guard the parts that make you whole before the world takes you“ – so lautet die letzte Zeile des Hörbuchs. Egal welche Apokalypse wir gerade durchleben: Martinez wird als Weltenbauerin überleben, die noch etwas zu sagen hat.