Baumgart ist alles andere als ein „Loser“
Der nächste Clueso? Zwischen Pop, Electro und HipHop baut sich Baumgart seine eigene Nische
„Scheißegal ob Berlin oder Iserlohn/ Nirgendwo fühl ich mich angekommen“, singt Baumgart in „Der schlimmste Ort ist in mir drin“. Egal wo man ist, immer nimmt man sich selbst mit. Das kann der 22-Jährige gut: universelle Gefühle in Reime verpacken, bei denen man sofort zustimmend nicken möchte.
Aufgewachsen ist er in Dortmund, momentan wohnt er in Hamburg. Vor allem aber lebt er für seine Musik.
Mit Musik hat der Dortmunder früh angefangen
Das ging schon ganz früh los: In der zweiten Klasse entdeckte er den Kinderchor, und während andere lieber aufs Fußballfeld wollten, schrieb er mit vierzehn „erste kleine Lieder“, deren Texte er jetzt natürlich nicht mehr so gut findet. Er lacht verlegen. Unter seinem Käppi hat Baumgart ein offenes, freundliches Gesicht, das zu seiner Musik passt. Er mischt Singer-Songwriter-Electropop mit ein bisschen HipHop und singt auf sehr direkte Weise von dem, was er erlebt. Das war bisher schon eine Menge.
2018, mit dreizehn, nahm er bei „The Voice Kids“ teil, damals als Pepe. Er scheiterte in der Battle-Round an „Weinst du“ von Echt. Wahrscheinlich gut, so werkelte er an seinen eigenen Songs weiter. Zwischendurch hatte er ein Projekt namens Felipe, jetzt nennt er sich nur noch Baumgart – nicht um sich von der Vergangenheit abzugrenzen, sondern weil ihm der Naturbezug in seinem Nachnamen gefällt.
Baumgart nennt seine Musik eine „Wundertüte“
Als Jugendlicher hat Baumgart viel Deutschrap gehört, Sido und so, und dann das Singen ein bisschen vernachlässigt. Eine Freundin brachte ihn auf den richtigen Weg zurück: „Ich habe mir da was vorgemacht, dass ich so ein cooler Straßenrapper bin … Aber das bin ich halt nicht!“ Wenn HipHop, dann eher die Clueso-Schule – dessen Fähigkeit, Sprechgesang mit mitreißenden Melodien zu verbinden, hört man bei Baumgart auch. Auf Instagram steht unter seinem Namen „Mache Musik und soooo“ – er legt sich ungern fest. „Meine Musik hat schon Einflüsse vom Indie-Pop, manches vom Rock, es gibt Balladen, die Strophen sind oft sehr rappig – es ist alles dabei. Ich denke nicht in Genres, sondern in Geschichten. Kommt immer darauf an, was in meinem Leben passiert. Das ist eine bunte Wundertüte!“ Dazu passt, dass sein allerliebster Sänger Freddie Mercury ist.
„Wenn ich ausgelacht wurde, dachte ich immer: Euch beweise ich es! Ätsch!“
Durch die unverstellte Art, in der Baumgart seine Texte schreibt, kommt er nicht nur seinen Hörer:innen sehr nahe, sondern hat sogar schon in der direkten Umgebung Veränderungen erlebt. „Turm“ handelt von der Entfremdung von den Eltern und der Sprachlosigkeit zwischen den Generationen. Er hat die Familie enger zusammengebracht, plötzlich reden sie miteinander. Solche Lieder schickt er vor der Veröffentlichung erst mal den „Betroffenen“, bisher hat niemand ein Veto eingelegt. Man kann hoffen, dass sich auch die Leute angesprochen gefühlt haben, die er in „Loser“ beschreibt. Vom Kindergarten bis zur siebten Klasse wurde Baumgart ständig gehänselt, einfach nur weil er andere Interessen hatte.
„Dass man gemobbt wird, weil man singt oder sonst irgendwie nicht ganz der Norm entspricht – das wurde damals nicht so thematisiert. Es hieß: Kiddies sind halt fies! Aber mir hing das sehr lange nach, deshalb fand ich es wichtig, den Song zu schreiben – auch für Leute, die das jetzt erfahren. Ein bisschen Hoffnung geben. Und denen, die mobben, sagen: Das ist idiotisch! Und den Lehrern und Eltern sagen, dass sie hingucken sollen.“ Er hat sich nicht demotivieren lassen – und mit der Musik ein Ventil, um alles zu verarbeiten und sich abzulenken: „Als ich noch im Edeka gearbeitet habe und auch dort wegen der Musik ausgelacht wurde, dachte ich immer: Euch beweise ich es! Ich ziehe mein Ding durch! Jetzt spiele ich schon Supports und bringe Singles raus, also … Ätschi!“
Seine erste EP wird in diesem Jahr erscheinen. Ideen für neue Songs hat er permanent – und keine Angst vor großen Träumen. Seine Studienpläne hat er verworfen. Er will den Moment genießen, hundertprozentig für die Musik da sein, alles andere macht ihn unglücklich. Wer Baumgart eine Weile zuhört, seinen Liedern oder seinen Ausführungen darüber, bekommt das Gefühl, dass diese Welt vielleicht doch noch zu retten ist. Weil Baumgart sicher nicht der einzige 22-Jährige ist, der so bedacht und mitfühlend ist. Er kann es nur besser ausdrücken als viele andere. Der bisher berührendste Beweis ist „Lotti“, das er seiner kleinen Schwester mit Downsyndrom gewidmet hat. Es ist das Gegenteil eines Jammer-Stücks – es feiert die Besonderheit des Mädchens, ohne die Herausforderungen auszuklammern. „Das einzig Unnormale ist das Strahlen in deinem Gesicht“, singt er.
Einen Plan B hat Baumgart nicht, er setzt voll auf Musik
Logisch, dass Baumgart, wenn er sich doch einen Plan B überlegen müsste, an soziale Arbeit denkt, für Menschen mit Behinderungen. Er hat ein Freiwilliges Soziales Jahr an einer Förderschule gemacht und wird sich bestimmt weitere Projekte mit den Leuten dort überlegen – weil es so viel Spaß macht: „Bei Inklu-Partys war immer mehr Stimmung als im Techno-Schuppen“, sagt er. Musik mit Haltung, Leben mit Gemeinschaftssinn: Um Baumgart wird man sich keine Sorgen machen müssen, er ist überhaupt kein „Loser“. Wo er in zehn Jahren sein wird, weiß niemand, aber eine Wunschvorstellung hat er: „Auf einer Festival-Mainstage um 20 Uhr wäre schon cool!”