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Willanders WeltKolumne

Boris Pistorius ist die letzte Patrone der SPD

Was ist bloß aus der einst wackeren Arbeiterpartei geworden?

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Ich konnte 1972 nicht Willy wählen, aber den Barzel hätte ich nicht gewählt. Willy Brandts vertraut knarzig-zerquälter Tonfall begleitete mich durch die Jugend und darüber hinaus. Er blieb ja als Orakel und Gewissen der SPD und als Parteivorsitzender. Helmut Schmidt, der ihm 1974 als Kanzler folgte, war oft anderer Meinung. Und Herbert Wehner sowieso. Diese Troika war die gute alte Sozialdemokratie: Seite an Seite und zerstritten.

Erst der Wanderverein von 1994 war ähnlich drollig: Rudolf Scharping, Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine bildeten ein Triumvirat, und der Unwahrscheinlichste unter ihnen war der Kanzlerkandidat. Scharping gelang das Unmögliche: Er verlor gegen den schon nicht mehr so beliebten Helmut Kohl und fand sein privates Glück im Swimmingpool. Lafontaine hielt auf dem Parteitag 1995 eine Brandrede und wurde zum Parteivorsitzenden gewählt. Dann schmollte er und trat einer anderen Partei bei.

Seitdem dreht sich das Karussell der SPD-Vorsitzenden immer schneller: Gerhard Schröder, Franz Müntefering, Matthias Platzeck, Kurt Beck, Sigmar Gabriel, Martin Schulz, Andrea Nahles, dann das Tandem Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans und schließlich das Aufgebot Bärbel Bas und Lars Klingbeil. „Der beste Job nach Papst“, wie Altvater Müntefering es nannte, kann also auch von Duos besetzt sein. Nur geht das Amt schnell vorbei.

Machte Lars Klingbeil einen großen Fehler?

Die letzte gute Kampfrede der Sozialdemokratie hielt Kevin Kühnert, damals Juso-Vorsitzender, über rote Socken. Man kann das in einer Langzeitdokumentation der ARD sehen. Bärbel Bas wurde etwas pampig vor den jungen Genossen, als sie die Herren der Industrie geißelte, die sich über sie lustig machten oder jedenfalls lachten.

Lars Klingbeil verstand sich nicht gut mit Hubertus Heil, dem Sozialbären, der deshalb nicht mehr im Kabinett sitzt. Manche finden, dass Klingbeil einen Fehler gemacht hat, indem er keine Verwendung für den durchaus populären Arbeitsminister hatte.

Andererseits werde Heil „zu sehr mit dem Bürgergeld verbunden“, als hätte er es allein beschlossen und benannt. Die Analyse der notorischen „Gremien“ erbrachte nämlich, dass die SPD nicht mehr die Partei der Arbeiter ist. Das könnte daran liegen, dass es weniger Arbeiter gibt als 1922, aber die verbliebene Arbeiterschaft wählt lieber die AfD. Und die Bürgergeldempfänger wählen offenbar auch nicht enthusiastisch die SPD, denn sonst müsste sie mehr als 14 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen.

Nachdem Rheinland-Pfalz verloren ging, musste die Pfälzerin Katarina Barley bei Markus Lanz beinahe weinen, als sie den Niedergang ihrer Partei erklären sollte. Die Erklärung geht ungefähr so: Die „arbeitende Mitte“ fühlt sich nicht mehr zu Hause in der Sozialdemokratie. Das arbeitende Oben aber auch nicht. Und das arbeitende Unten ebenfalls nicht. Bald meutern sogar die Gewerkschaften.

Lieber keine personellen Konsequenzen

Nachdem Olaf Scholz die unbeliebte Ampel zu Ende brachte, wird nun der bremsende Einfluss der kleinen SPD in der Koalition kritisiert. Die mit der Erbschaftsteuer liebäugelt, ohne mit dieser Forderung bei Landtagswahlen und in den Umfragen reüssieren zu können. Lars Klingbeil kündigte nach den Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz personelle Konsequenzen an, will sie aber nicht ziehen, denn sie würden ihn und Bas betreffen. Der Kandidat Alexander Schweitzer reiste gar nicht erst nach Berlin.

Der legendär charismatische und von den Wählern hochgeschätzte Boris Pistorius, die letzte Patrone der Sozialdemokratie, wird aber nicht aus der Deckung kommen. Und die SPD sollte den Niedersachsen nicht verbrauchen. Er ist ihre einzige Chance dafür, dass die Sozialdemokraten in drei Jahren noch einmal einen Bundeskanzler stellen könnten. Falls er Wahlkampf gegen die eigene Partei führt.