Beastie-Boys-Mitglied Mike D präsentiert neues Material bei seltener Soloshow

Der Rapper und Rocker stand mit einer Band auf der Bühne, in der auch seine Söhne spielten.

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„We were just kids/freaking out“ sang Beastie-Boys-Mitglied Mike D Donnerstaghabend vor rund 150 Menschen in der cash-only Gay-Dive-Bar The Plaza Nightclub & Dance Hall in Los Angeles. Die Zeile fiel gegen Ende seiner ersten von vier seltenen, intimen Soloauftritten – seine Stimme so stark in Hall getränkt, dass die Vocals kaum zu verstehen waren –, und wirkte wie ein passender Kommentar zur Lage. Mike D spielte zwar überwiegend neues Material von einem kommenden Album, ließ aber den unverwechselbaren Sound seiner alten Band als Atmosphäre durchscheinen, weniger als explizite Hommage.

Bekanntlich haben sich die Beastie Boys nie aufgelöst. Das Trio, das Ende der Achtziger mit Rock-meets-Rap-Hits wie „No Sleep ‚Til Brooklyn“ berühmt wurde und später mit samplelastigen Alben wie „Paul’s Boutique“ und dem Kitsch-Collage-Klassiker „Hello Nasty“ zu einer der einflussreichsten Bands der Welt avancierte, hörte schlicht auf zu spielen und aufzunehmen – nach dem Tod von Bandmitglied Adam „MCA“ Yauch im Jahr 2012. Öffentliche Auftritte der verbliebenen Mitglieder Mike D und Ad Rock waren seitdem äußerst rar: ein paar Festival-DJ-Sets von Mike D in den späten 2010ern, ein paar weitere Überraschungsauftritte. Dieser Show gingen zwei unangekündigte Gastauftritte in den vergangenen Wochen mit der Band seiner Kinder, Very Nice Person, voraus; die Tickets für diesen Abend kamen einen Tag vorher in den Verkauf und waren erwartungsgemäß sofort ausverkauft.

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Der erstaunlich nicht überfüllte kleine Club – ein Ort, der so weit unter dem Radar liegt, dass selbst Einheimische nichts von seiner Existenz wussten – war auch nicht voller Hollywood-Promis oder Musikbrancheninsidern. Schon in der ersten Minute war klar: Das hier waren vor allem ungeduldig wartende Gen-Xer, die einen ihrer Helden nach Jahren endlich wiedersehen wollten. Begleitet von 5D – einer Band aus fünf Musikern, die dem 60-jährigen Headliner sichtlich um die dreißig oder mehr Jahre jünger sind – und mit der Punk-Energie, die einst den Durchbruch seiner Band befeuerte, legte Mike D mit dem neuen Track „What We Got“ los: schräger, gitarrengetriebener DJ-Groove, dazu ein Trainingsanzug mit seinem Namen über der linken Brust – die anderen Bandmitglieder im gleichen Look, nur mit „5D“ statt seines Namens.

Neues Material, alte Energie

Mike Ds Vocals waren leider für nahezu das gesamte Set gefiltert und verzerrt – das rief das Feeling von „Check Your Head“ wach, frustrierte aber jene im Publikum, die hätten hören wollen, ob Ds charakteristisches Wortspiel den Zahn der Zeit übersteht. „Make It Stop“, der zweite Song des Abends, war ein spritziger Ausflug mit Zeilen wie „take a name/take a number/fool yourself/fool each other“ und einer schwindelerregenden Oktav-Synth-Linie, die in einen 808-Beat zerfiel, bevor ein dichtes, Moog-getränktes Outro folgte.

Danach eine aufgedrehte, hochenergetische Version von „Looking Down the Barrel of a Gun“ – einem der nur zwei Beastie-Boys-Songs des Abends –, mit einem Gitarrensolo, das den Verdacht nährt, der 5D-Gitarrist habe irgendwann Unterricht bei Mike Ds Kumpel Tom Morello genommen.

„Crypto Anthem“ folgte mit einem nackenschüttelnden Gitarren-Riff, das an die Breeders‘ „Cannonball“ erinnerte, dazu Münzwurf-Samples à la Pink Floyds „Money“. Danach „True Colors“, ein eingängiger Ein-Akkord-Song, gefolgt von „I Don’t Care“, einem federnden Acoustic-Swamp-Slow-Jam. „Secrets“ und „It’s Time“ schlossen sich an: Ersteres lebte von gewaltigen Dynamikwechseln und der Zeile „I say what you say“, Letzteres von einem tief surrenden Conga-Groove mit schrägen Rhythmusverschiebungen, die an die stärksten Beasties-Momente erinnerten.

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„Switch Up“ wurde kurz vor Showbeginn als Single veröffentlicht und stach deutlich heraus: Der Song wurde von Mike Ds Söhnen und 5D-Mitgliedern Skyler und Davis Diamond produziert und klingt eher nach Prodigy-artigem Elektro-Rock als nach einem klassischen Rap-Rock-Kracher. Mike D kündigte ihn als „großen Moment“ an, bevor er in die anspruchsvollen rhythmischen Dance-Vibes des Tracks eintauchte – eine Beschreibung, die zutrifft: Schließlich ist seit über einem Jahrzehnt kein neuer Song eines Beastie Boy erschienen, und das hier fühlt sich weniger wie eine Rückkehr zur alten Form an als vielmehr wie ein kompletter Neuansatz.

Emotionales Finale mit Beasties-Klassiker

Die Show endete mit „Thank You“, der bereits erwähnten halldurchtränkten Ballade, gefolgt vom Finale in Gestalt des zweiten Beasties-Songs des Abends: dem Klassiker „So What’cha Want“, bei dem Mike D die Reime übernahm, die einst zwischen den Bandmitgliedern hin und her geflogen waren. Statt einer melancholischen Angelegenheit war das ein leidenschaftlicher Weckruf – Bandmitglieder spielten ihre Instrumente hinter dem Kopf, Mike D hielt das Mikrofon ins Publikum für ein Call-and-Response.

Es ist schade, dass seine alte Band so tragisch endete, aber es ist offensichtlich ein Grund zum Feiern, dass er wieder draußen ist und tut, was er liebt – auf eine Weise, die sich organisch familiär anfühlt und mit derselben Energie aufgeladen ist, die sein Publikum und das der Beasties immer wie eine große Familie hat wirken lassen. Eine Familie, die nach so langer Zeit mehr als bereit ist, sich wieder zu versammeln.

Am Sonntag tritt Mike D im Sid the Cat Auditorium in Pasadena auf, danach folgen zwei Shows im Xanadu Roller Arts in Brooklyn am 22. und 23. Mai.

Jeff Miller schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil