Ticketwucher im Bundestag: Wie Bots und Viagogo Fans abzocken

Bots kaufen Tickets leer, Viagogo vertickt sie zum Dreifachen: Beim „Parliament of Pop“ wird klar, warum Deutschland beim Ticketwucher hinterherhinkt.

ROLLING STONE Badge
Empfehlungen der Redaktion

Die Runde ist durchaus illuster. Neben Fachpolitikern quer durch das Parteienspektrum jenseits der AfD sitzen „Kiki“ Ressler, legendärer Tour-Manager von Die Toten Hosen, Christopher Annen von der Kölner Band AnnenMayKantereit, Musikerin Cosey Müller und Bookerin Henrietta Bauer von der 360-Grad-Agentur Bretford.

Im Rahmen der Debattenreihe „Parliament of Pop“ diskutiert die bunte Runde in einem der runden Sitzungssäle des Paul-Löbe-Hauses, die man aus den „Tagesthemen“ kennt.

Für rund zwei Stunden geht es um ein Thema, das Millionen Konzertfans betrifft: den ausufernden Zweitmarkt für Konzerttickets. Hosen-Tourchef Ressler bringt es kurz und bündig auf den Punkt: „Schwarzmarkt“.

Bots, Preisexplosion und Plattformregulierung

In kurzen Impulsvorträgen, flankiert von Parliament-Initiator Manfred Tari („Pop 100“), geht es um Bots, explodierende Preise, Plattformregulierung und die Frage, warum Deutschland beim Schutz der Fans vor überhöhten Preisen hinter anderen Ländern zurückliegt. Gastgeber der Veranstaltung sind die SPD-Bundestagsabgeordneten Dr. Johannes Fechner und Martin Rabanus.

Der Hintergrund ist wohlbekannt und laut Süddeutsche-Zeitung-Autorin Johanna Bernklau schon seit Jahren auf der Agenda: Immer häufiger landen Konzerttickets kurz nach dem offiziellen Verkaufsstart auf Zweitmarkt-Plattformen wie Viagogo – zu Preisen, die teilweise mehr als das Dreifache des ursprünglichen Werts betragen. Dazu kommen gefälschte Tickets oder sogenannte Leerverkäufe, bei denen Eintrittskarten angeboten werden, die noch gar nicht existieren.

Offener Brief mit prominenter Unterstützung

Mit einem offenen Brief an die Bundesregierung hatten zahlreiche Musiker, Veranstalter und Verbände eine Regulierung gefordert. Zu den prominentesten Unterstützern gehören Die Toten Hosen, Die Ärzte, AnnenMayKantereit, Nina Chuba, K.I.Z, Kraftklub, Purple Schulz und Deichkind. Befürwortung kommt auch vom Musikerverband Pro Musik, in dem Christopher Annen aktiv ist, wenn seine Kölschrock-Band Pause macht.

Die Forderungen sind konkret: eine gesetzliche Preisobergrenze für den Weiterverkauf von Tickets, strengere Regeln gegen automatisierte Kaufprogramme („Bots“) sowie mehr Transparenz auf Verkaufsplattformen. Käufer sollen nachvollziehen können, wer Tickets verkauft und wie hoch der ursprüngliche Preis war.

Politische Trägheit als Dauerzustand

An diesem Abend wird deutlich, warum viele dieser Forderungen trotz breiter Unterstützung seit Jahren kaum politische Konsequenzen nach sich ziehen. Während Künstler und Branchenvertreter von konkreten Missständen berichten, bewegt sich die politische Debatte in bekannten Bahnen: Zuständigkeitsfragen, europarechtliche Erwägungen, Prüfaufträge und der Hinweis auf komplexe Marktmechanismen überlagern jede engagierte Diskussion. Der ehemalige Bundestags-Kulturpolitiker Eckhart Gundel (Die Grünen) muss sich fast schon entschuldigen, dass in der letzten Legislatur zwar an diesem Thema gearbeitet wurde – konkret geändert hat sich jedoch nichts.

Das „Parliament of Pop“ wirkt daher wie ein exemplarisches Lehrstück deutscher Politik: Ein offensichtliches Problem wird von nahezu allen Beteiligten anerkannt, internationale Beispiele liegen längst vor, der öffentliche Druck wächst – und trotzdem bleibt unklar, ob und wann tatsächlich reguliert wird. Im Kopf hört man den Song „Waiting For The Train That Never Comes“ von Madness.

Deutschland im internationalen Rückstand

Gerade der Vergleich mit anderen Ländern macht politische Trägheit sichtbar. Die anwesenden Fachpolitiker verweisen darauf, dass diverse Zuständigkeiten – darunter Verbraucherschutz und juristische Ausschüsse – mit Nachdruck eingebunden werden müssen, bevor eine Gesetzgebung auch nur in Reichweite rückt. In Frankreich und den USA existieren bereits Regeln gegen Ticketwucher und automatisierte Massenkäufe.

Hierzulande sind die von Ressler vorgestellten „Sozial-Tickets“ immerhin eine konkrete Privatinitiative, um günstigen Zugang für weniger betuchte Musikfans zu ermöglichen. Für Bands der Arena- und Stadionliga fällt es leichter, zumindest einen kleinen Teil der immensen Gagen in den Dienst einer höheren Sache zu stellen. Bei Harry Styles und Konsorten ist von diesem Solidaritätsgeist bislang nichts angekommen.

Fazit: Der lange Weg zur Regulierung

Am Ende eines durchaus inspirierenden Abends bleibt vor allem ein Eindruck: Die Kulturbranche hat ihr Anliegen bis in den Bundestag getragen. Ob daraus politische Konsequenzen entstehen, dürfte jedoch noch einige Zeit dauern – wenn überhaupt, dann in einer nächsten Legislatur.

Ralf Niemczyk schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.