„Schlechte Nachbarn“ (wie etwa AfD-Wähler): Die Toten Hosen liefern ihren wütendsten Song seit Jahren

Kein Abschiedsgruß, sondern ein Frontalangriff: Mit „Schlechte Nachbarn“ rechnen Die Toten Hosen und Campino knallhart mit dem Alltags-Rechtsruck ab. Jetzt lesen.

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Es gibt Bands, die werden im Alter milder und versöhnlicher. Mit komplexen Songs und edlen Produktionen will man das einmal erreichte Erfolgslevel konservieren. Und dann gibt es Die Toten Hosen. Kurz vor ihrem letzten regulären Studioalbum schlagen sie noch einmal genau dort zu, wo sie immer am stärksten waren: mit Wut, Tempo und Haltung.

Frontalangriff statt Abschiedsgruß

Die eben erschienene Single „Schlechte Nachbarn“ ist kein nostalgischer Abschiedsgruß, sondern ein Frontalangriff. Zwei Minuten und ein paar Sekunden deutscher Punkrock, konsequent nach vorne geprügelt, hektisch, laut und unangenehm aktuell. Schon der Auftakt macht klar, dass die Düsseldorfer, die zum Teil in Berlin wohnen, keine Lust auf „Würde“ im gesetzten Sinne haben.

Kuddel zählt ein schroffes „eins, zwei, drei, vier“ ein. Plötzlich ist da wieder der gute, alte Vibe der Ratinger Straße.

Musikalisch kompromisslos

Musikalisch erinnert „Schlechte Nachbarn“ an „Urknall“, den rasenden Opener von „Ballast der Republik“. Schlagzeuger Vom Ritchie treibt das Stück voran, die Gitarren stehen unter Dauerstrom, gegen Ende setzt Kuddel zu einem Solo an, das weniger Virtuosität als Dringlichkeit transportiert.

Die eigentliche Schärfe liegt im Text

Campino beschreibt eine deutsche Reihenhaussiedlung, in der sich der Rechtsruck längst in den Alltag eingeschlichen hat. Die AfD sponsert die Hüpfburg beim Sommerfest, der Nachbarssohn sei „nicht rechts“, hebt aber nach ein paar Schnäpsen den Arm. Der Refrain – „Kein Platz für dich und mich / Denn wir sind schlechte Nachbarn“ – funktioniert dabei nicht als ironische Pointe, sondern als Kampfansage. Die Hosen machen keine Analyse, sie ziehen eine Grenze.

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Ein cooler Move im Herbst ihrer Karriere. Sie bleiben konkret. „Schlechte Nachbarn“ nennt zwar keine Namen außer der AfD, doch der Song beschreibt präzise jene Normalisierung rechter Denkweisen, die sich durch Vereinsheime, Gartenzäune und Familienfeiern zieht. Die Band bleibt damit der alten Punk-Logik treu: Haltung muss nicht subtil sein, wenn die Realität es auch nicht ist.

Campino mit vollem Körpereinsatz

Der Videoclip setzt auf maximale Direktheit. Campino performt und dirigiert den Song mit vollem Körpereinsatz. Er treibt Rhythmus und Spannung voran, als wolle er den Druck des Songs sichtbar machen. Dass ein Sänger über Sechzig noch immer aussieht, als würde er jeden Moment über die Bühnenkante springen, gehört längst zur Mythologie der Los Pantelones Muertos, wie sie in Argentinien gerufen werden.

Album und Bonusalbum am 29. Mai

„Schlechte Nachbarn“ ist nach „Die Show muss weitergehen“ der zweite Outtake des Albums „Trink aus, wir müssen gehen!“, das am 29. Mai erscheint.

Parallel erscheint mit „Alles muss raus!“ ein Bonusalbum, auf dem die Hosen 25 Songs von allerlei Weggefährten und Vorbildern covern. Campino singt darauf unter anderem Duette mit so unterschiedlichen Künstlern wie Bettina Wegner oder Blixa Bargeld.

„Schlechte Nachbarn“ zeigt, dass sie selbst am möglichen Ende ihrer Studio-Karriere lieber anecken als versöhnen wollen. Vielleicht ist das ihr bestes Werkzeug gegen das unweigerliche Altern. Trotz Millionen auf der hohen Kante eine krachige Weigerung, gediegen und moderat daherzukommen.

Ralf Niemczyk schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.