Des Bauches Stimme

Songs aus Männersicht" hat sich Tori Amos für ihr neues Album zu eigen gemacht - und gemerkt, dass es gar nicht so leicht ist, Eminem zu covern

Zwölf Stunden hat Tori Arnos täglich gestillt. Zum ersten Mal wurde sie im vergangenen Jahr Mutter – und war selbst erstaunt darüber, wie anstrengend das ist: „Mein Baby lag einfach immer an meiner Brust, weil ich nicht wollte, dass es nach ein paar Minuten wieder schreit. Also habe ich viel nachgedacht – und manchmal einhändig Klavier gespielt. Danach kommt dir die Studioarbeit sehr leicht vor.“

Für ihr neues Album „Strange Little Girls“ nahm sie sich Lieder von verschiedenen Männern vor. Die Auswahl traf sie allerdings nicht allein: „Ich habe einen think tank von männlichen Freunden, mit denen ich mich austausche, diskutiere und streite.“ Ob das Ergebnis den Songschreibern gefallen wird, ist Tori ziemlich egal: „Ich bin nicht hier, um einen Popularitätswettbewerb zu gewinnen. Ich kann nicht daraufbauen, dass die Autoren begeistert sind oder auch nur darüber nachdenken, was ich damit aussagen wollte. Das wäre ein angenehmes Nebenprodukt, darf aber nicht das Ziel sein. Ich muss einfach machen, was mir mein Bauch sagt.“ Der Bauch wählte folgende Songs aus:

„¿97 BONNIE & CLYDE“ ist so krass, weil Gewalt einfach als Tatsache dargestellt wird, als ganz normaler Alltag. Eminem ist allerdings nicht der Einzige in Amerika, der Frauen herabsetzt und den weißen Mann als Nonplusultra der Schöpfung sieht. Er ist nur derjenige, bei dem es gerade am offensichtlichsten ist, weil er sich selbst zur Karikatur macht „HAPPINESS IS A WARM GUN“ ist ein ganz anderer Song über Waffen. Dieses Gefühl, wenn du gerade abgedrückt hast – für mich fast unvorstellbar -, aber ich habe versucht, mich da hineinzuversetzen. Wenn du Songs anderer singst, ist das, als würdest du ein fremdes Kind austragen – viel schwerer.

„RATTLESNAKES“ von Lloyd Cole ist mein liebster Song, weil man sich in den als Frau leicht hineinarbeiten kann.

„I’M NOT IN LOVE“ von lOcc ist auch eine klassische Geschichte um Macht: Du liebst mich nicht, also liebe ich dich auch nicht Das können Frauen wie Männer, aber es hat immer etwas Tragisches. Mich persönlich interessieren solche power games nicht mehr, ich bin darüber weg. Früher habe ich gerne meine Trümpfe ausgespielt, aber heute will ich, dass eine Beziehung etwas anderes ist als ein Machtkampf. „HEART OF GOLD“vonNeil bung ist das genaue Gegenstück dazu.

„RAINING BLOOD“ von Slayer schlug mir ein Freund vor. Mir war gar nicht aufgefallen, dass Metal unterrepräsentiert war. Es dauerte lange, bis ich zu dem Lied einen Ansatzpunkt gefunden hatte. Hier

geht es um Macht, und Frauen haben viel Macht, weil sie gebären können. Man glaubt es kaum, aber fast alle meiner » Freunde sind neidisch auf diese Fähigkeit.

„REAL MEN“ von Joe Jackson gefiel mir vor allem wegen dieser Zeile: „Don’t call me a fäggot unless you’re a friend.“ Man darf ja nicht vergessen, dass es nicht nur Frauen sind, die leiden. Männer müssen sich damit abfinden, dass sie den Erwartungen nie gerecht werden: Sie sollen stark sein, aber sensibel, ihre Frau nicht einschränken, aber bewunderswert sein und so weiter.

„I DON’T LIKE MONDAYS“ war Bob Geldofs Kommentar zur Schießerei an einer Schule, 1979. Ein Freund wies mich daraufhin, dass der Song nun doch traurigerweise wieder so aktuell ist wie nie. Die Waffendiskussion in Amerika macht mich so krank. Da bringen sich Kinder um, und die Eltern tun so, als seien sie nicht schuld.

„TIME“ war nicht mein Lieblings-Tom-Waits-Song, aber ein Freund hat ihn sich gewünscht. Er hatte gerade einen sehr lieben Menschen verloren, und ich konnte seine Trauer gut verstehen. Wenn man Mutter wird, bekommt Sterblichkeit einen ganz anderen Stellenwert. Plötzlich ist dir dein Leben viel mehr wert. Früher habe ich Sachen gemacht, die ich heute nicht mehr wagen würde – in Brasilien habe ich ein paar Penner angebrüllt, weil sie irgendwelche abfälligen Kommentare abgegeben hatten. Heute hätte ich Angst, dass einer ein Messer zieht und mein Tochter Halbwaisin wird. Man wird feiger, aber ein Kind großzuziehen, ist schon mutig genug.

„NEW AGE“ von Lou Reed war meine Gelegenheit, auch mal sexy und anzüglich zu sein – ein Kontrapunkt zu den anderen Liedern. Als Mutter bekommt man ein anderes Gefühl für sich selbst, eine andere Art von Sinnlichkeit Aber sinnlich bleibt man.

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