Altona, Anatolien, Apulien – alles geht

Der deutsch-türkische Regisseur FATIH AKIN ("Kurz und schmerzlos") erzählt mit "Solino" von einer italienischen Einwandererfamilie

Altona, zwischen dem Amüsierdistrikt St. Pauli, Hafen und der Villengegend von Blankenese gelegen, war einst Hamburgs Arbeiterviertel. Heute leben hier viele Türken, Alternative, Studienräte, PDS-Protestwähler, brotlose Intellektuelle, und es siedeln sich in den Fabrik-Lofts ständig neue Medienfirmen an. In Altona wurde Fatih Akin 1973 geboren, wohnt er „einen Steinwurf vom Kinderkrankenhaus entfernt“ noch immer. Hier hat er sein Regiedebüt „Kurz und schmerzlos“ gedreht über drei Jugendfreunde- ein Türke, ein Serbe, ein Grieche, deren Loyalität zwischen Kriminalität, Liebe und Zukunftsperspektiven zerrieben wird. Hier begann auch sein romantisch-komödiantischer Roadmovie „Im Juli“ mit Moritz Bleibtreu, den es über den Balkan bis nach Istanbul verschlägt. Und zum Interview trifft man ihn natürlich in einem Altonaer HoteL Er brauche dieses Umfeld, die Freunde und Familie, und eigentlic habe er schlicht noch nie darüber nachgedacht, weshalb er woanders hin ziehen solle.

Akin, ein eher korpulenter Kerl mit dennoch geschmeidiger Virilität und leiser Stimme, koppelt seine Leidenschaft fürs Kino mit den Erfahrungen aus der eigenen Welt Er könne sich schwer vorstellen, „einen Film mit Benno Fürmann als Bankangestellter zu machen, das hat nichts mit mir zu tun“. Als sozial bewussten Migrantenregisseur begreift er sich indes gar nicht. Die „politischen Dimensionen“ bei „Kurz und schmerzlos“ hätten hinterher Journalisten hineingedeutet. „Ich wollte einfach nur einen Gangsterfilm drehen und habe dafür Erlebnisse meiner Kumpels verarbeitet“, sagt Akin, der „Scorsese und die Jungs“ als Vorbilder nennt und damals wohl an „Mean Streets“ gedacht hatte. Er sieht dabei die Genres, „nur dass ich eben türkische Schauspielern besetze“. Auch für sein Image hält er es noch jetzt für wichtig und richtig, mit „Im Juli“ einen völlig anderen, leichten Film gedreht zu haben.

Akin steckte 2000 noch mitten in der Produktion, als ihm sein Produzent Ralph Schwingel das Drehbuch zu „Solino“ von der Hamburger Autorin Rudi Toma gab. Die Geschichte handelt von einer italienischen Einwanderfamilie, die Anfang der Sechziger die erste Pizzeria Deutschlands eröffnet. Sie beginnt in dem Dorf Solino, führt nach Duisburg und durch drei Jahrzehnte, während er die Rivalität zwischen den beiden ungleichen Brüdern immer mehr in den Mittelpunkt rückt. Obwohl Schwingel lediglich Akins Meinung über den Stoff hören wollte und er seine Stories sonst selbst schreibt, „habe ich mich in das Script verliebt wie in ein Mädchen mit einem hübschen Kleid und beim Lesen fürchterlich geheult“. Die Bedenken, dass er nichts von Italienern verstehe, zerstreute er spitzfindig mit der Ansicht: „Ob aus Apulien oder Anatolien, da ist ja kein Unterschied.“

Tatsächlich weist die Filmsaga, die Toma nach Erinnerungen von den Eltern ihres Mannes verfasst hat, prägnante Parallelen zu der Familienbiografie Akins auf. In „Solino“ ist es vor allem die Mutter, die sich mit dem tristen Ruhrpott und der deutschen Sprache schwer tut. Todkrank kehrt sie schließlich in die Heimat zurück. Auch Akins Mutter litt in der Fremde. „In der Türkei war sie Lehrerin, hier musste sie als Putzfrau und Packerin arbeiten. Sie fühlte sich der eigenen Identität beraubt und erst nach 13 Jahren langsam wohl, als der Hamburger Senat türkische Lehrkräfte suchte.“ Und die Begeisterung des jüngsten „Solino“-Sohnes Gigi für den Film, die der Inhaber eines Fotoladens weckt und ein italienischer Regisseur fördert, kann Akin natürlich verstehen. Als Bub sah er „Bruce Lee auf Super-8, vier Rollen“, dann alles aus der Videothek eines Cousins, bis er mit 16 einzelne Regisseure, Scorsese und Coppola, für sich entdeckte.

Für „Solino“ hat er sich ausgiebig mit dem Neorealismus befasst, Fellini, Visconti, de Sica, also „die Vorbilder meiner Vorbilder studiert“. Akin wollte „keinen Postkarten-Kitsch“ zeigen, und da sich „viele Ortschaften in Italien kaum verändert haben“, sind ihm dort Bilder von purer, anmutiger, kraftvoller Schönheit gelungen. Die Szenen wurden konsequent auf Italienisch gedreht. Zum einen wegen der großartigen Darsteller der Eltern, Antonella Attili („Cinema Paradiso“) und dem Theatermimen Gigi Savoia aus Neapel. Für Akin aber vermittelt „Sprache auch Identität“. Weil „einige aber keine Eier haben“, schimpft er, erhalten die meisten Kopien statt Untertitel doch eine Synchronisation. Erwähnenswert ist auf jeden Fall Barnaby Metschurat als sanfter Gigi, während Publikumsliebling Moritz Bleibtreu als neidischer, krimineller älterer Bruder Giancarlo seine erste eher unsympathische Rolle meistert. Und Fatih Akin plant nach diesem zehn Millionen Mark teuren Epos eine Trilogie aus „Milieustudie, Vampirfilm und Döner- statt-Italo-Western“. Ob in Altona, Apulien, Anatolien, alles geht.

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