American Football: Die Dunkelheit nach der Nostalgie
Scheidungen, Weltkrisen und die Schwere des Älterwerdens: Die Emo-Legenden von American Football verlassen auf „LP4“ die vertraute Melancholie und betreten dunkleres Terrain. Was ist da ins Rutschen geraten?
Da hängen keine dunklen Wolken über Chicago an diesem Mittwochmorgen. Eigentlich hängen dort überhaupt keine Wolken. Der Himmel ist auffällig blau, Mike Kinsella trägt ein buntes, offenes Hemd und eine Sonnenbrille und wirkt deutlich entspannter, als man es nach einem Album voller Dunkelheit erwarten würde. 21 Grad soll es heute werden, erzählt er, am Abend spielen die Chicago Cubs, sein geliebtes Baseball-Team, Karten hat er schon. Das Leben kann ja auch ganz schön sein. „Auch das ist die Welt“, sagt Kinsella.
Ja, auch das ist die Welt. Wenn man das letzte Album seiner Band American Football hört, dann lernt man allerdings eine ganz andere Seite dieser Welt kennen. Eine sehr düstere, eine sehr schwere Seite. So voller dunkler Wolken, dass sie kaum noch zu erkennen, geschweige denn zu ertragen ist. „Ich mag schwere Musik“, sagt Kinsella, der sich für die Songs verantwortlich zeichnet. „Schwer ist gut. Schwere Musik bringt einen dazu, mehr nachzudenken, Dinge zu hinterfragen oder sich stärker damit zu beschäftigen.“
Und dennoch: Schwere Musik. Das fühlt sich wie eine Untertreibung angesichts der Themen an, die verhandelt werden. Depression. Suizidgedanken. Scham. Schmerz. Dunkelheit. Mit der „LP4“ (im American-Football-Universum werden die Alben bloß durchnummeriert statt benannt) hat die wichtigste Band des Midwestern Emo nicht viel weniger als eine große, dunkle Auslöschungsphantasie vorgelegt. Eingebettet in einen spielerischen, oftmals leichten Sound von fast greifbarer Schönheit, der nur kurz darüber hinwegtäuscht, was Kinsella in seinen Lyrics da von seinem tiefsten Inneren offenbart. „I lost everything in the dark“, resigniert er etwa in „Bad Moons“, bevor er in genau dieser Dunkelheit seine Selbstvernichtungsphantasien ausbreitet.
Eine neue Dunkelheit kehrt ein
„I held my breath in the dark / I welcomed death in the dark / I slit my wrists in the dark.“ Zwar endet der Song mit einer Zeile, die leise Hoffnung signalisiert, „I didn’t exist in the dark, until I found you in the dark“, doch was er da wirklich in der Dunkelheit gefunden hat, bleibt offen. In „Nothing Left To Fear“, dem letzten Song auf der Platte, betritt ein Künstler die Bühne und kündigt dem Publikum seinen letzten Trick an. Die Selbstauslöschung. „I’ve nothing left to fear / Now, for my next trick, you can watch me disappear.“ Und dazwischen? Liegen nur Leere, Einsamkeit und Schwere.
Die Dunkelheit ist ein neuer Aspekt im Kosmos von American Football. Eine Band, für deren Sound man bislang wohl andere Begriffe gefunden hätte. Nostalgie. Sehnsucht. Melancholie. Ihre Songs erzählten nicht von den großen Einschlägen des Lebens, nicht von dramatischen Abstürzen oder endgültigen Brüchen, sondern von den feinen Rissen dazwischen. Von jener schwer greifbaren Melancholie, die entsteht, wenn einem plötzlich bewusst wird, dass selbst die schönsten Augenblicke bereits damit begonnen haben, Vergangenheit zu werden.
Als sich American Football Ende der 1990er-Jahre formierte, saßen ihre Mitglieder noch gemeinsam in Seminarräumen und Studentenwohnungen, irgendwo zwischen College-Alltag, Proberaum und der diffusen Ahnung, dass dieses Kapitel ohnehin bald enden würde. Kurz nach den Aufnahmen zerfiel die Gruppe praktisch schon wieder. „LP1“, wie das Debüt später beinahe ehrfürchtig genannt werden sollte, war nie als Auftakt einer großen Karriere gedacht. Eher wie eine letzte Momentaufnahme eines Lebensgefühls, konserviert in Songs, kurz bevor alles auseinanderdriftete.
Das Album erschien und ging unter. Zunächst. Doch während die Band längst verschwunden war, begann das Internet Jahre später damit, dieses Album wie ein vergessenes Relikt wieder freizulegen. Aus einer kleinen Emo-Platte wurde nach und nach ein digitales Kultobjekt, aus einigen melancholischen Songs über Unsicherheit, Nähe und Orientierungslosigkeit eine gesamte Bildsprache der Nostalgie. „LP1“ wurde zum Soundtrack eines emotionalen Dazwischenzustands, den plötzlich eine ganze Generation für sich entdeckte.
„Inzwischen scheint alles immer dunkler und dunkler zu werden“
Als die Band 2014 wieder zusammenfand, wirkte das deshalb weniger wie ein normales Comeback als wie die Rückkehr eines Mythos, der zwischenzeitlich längst größer geworden war als die Menschen, die ihn ursprünglich erschaffen hatten. „In diesem Alter – mit Anfang zwanzig – ist deine Welt eben nur so groß wie deine bisherigen Erfahrungen“, sagte Kinsella heute. „Damals bestand das Leben daraus, mit Freunden herumzuhängen oder ein oder zwei Beziehungen erlebt zu haben. Heute ist alles viel größer geworden.“ Das Leben. Aber auch das Leiden daran.
Mit der „LP2“ schrieben sie ein weiteres, klassisches American-Football-Album, das den Spirit der frühen Tage weiterführte. Erst mit „LP3“ aus dem Jahr 2019 lösten sich American Football endgültig von ihrer eigenen Vergangenheit. Der Sound öffnete sich hörbar, wurde weiter, atmosphärischer, stellenweise beinahe shoegazehaft. Die filigranen Gitarrenlinien blieben zwar erhalten, wirkten nun aber weniger wie ein Ausdruck jugendlicher Unsicherheit als wie der Nachhall gelebter Erfahrung. Gleichzeitig verschoben sich auch die Themen. Kinsella sang jetzt über Scheidung, Alkohol, psychische Krisen und das Älterwerden. Und jetzt die „LP4“. Irgendetwas ist da ins Rutschen geraten.
Es sei viel passiert. Eine globale Pandemie, Scheidungen innerhalb der Band. Auch American Football selbst haben sich erneut getrennt und doch wieder zusammengefunden. „Aber es war nie eine bewusste Entscheidung, plötzlich ein dunkleres Album machen zu wollen“, zuckt Kinsella mit den Schultern. Das war wohl plötzlich einfach da. Vielleicht liegt das daran, dass nicht nur die eigene Welt komplexer geworden ist. Sondern auch die Welt, die Kinsella umgibt.
„Inzwischen scheint alles immer dunkler und dunkler zu werden. An manchen Tagen wache ich auf und bin komplett von meinen eigenen Gefühlen eingenommen. An anderen Tagen fühle ich stärker mit dem Zustand der ganzen Welt oder mit dem, was andere Menschen durchmachen. Beides ist schwierig“, gesteht Kinsella, der in seinen Songs einen Ausdruck für dieses Leid gefunden hat. Einen Ausdruck, den die Band möglichst echt halten will. Vielleicht hängt genau damit auch zusammen, warum American Football bis heute eine seltsame Form von Nähe erzeugt. Ihre Songs wirkten nie wie perfekte Konstruktionen. Sie klangen oft eher wie Gedanken, die noch nicht vollständig sortiert waren.
Die Erlösung weicht der Akzeptanz
Und vielleicht liegt genau darin ihre Stärke. „Gerade im künstlerischen Bereich sind die Dinge interessant, die nur du selbst erschaffen kannst“, merkt Schlagzeuger Steve Lamos an, der neben der Band noch als Professor für Writing and Rhetoric an der University of Colorado arbeitet und sich intensiv mit dem Einfluss von KI beschäftigt. „Die seltsamen Eigenheiten. Die merkwürdigen Dinge. Die Erfahrungen, die nur du gemacht hast. Genau das macht Menschen interessant. Nimm die Künstliche Intelligenz“, sagt er. „Die erzeugt am Ende oft die durchschnittlichste und langweiligste Version von etwas. Sie bewegt sich immer zur Mitte. Und die Mitte ist verdammt langweilig.“ Vielleicht ist das auch ein Grund, warum „LP4“ wie das radikalste Album wirkt, das die Band bisher gemacht hat. Nicht, weil es lauter geworden wäre, sondern weil es sich erlaubt, widersprüchlich zu sein. Schwer und gleichzeitig verspielt, dunkel und doch auch voller Wärme.
„Wir wollten die Musik klanglich spielerischer gestalten, damit ein Kontrast zu den schweren Themen entsteht“, sagt Kinsella. „Ich hoffe einfach, dass alles weniger eindimensional wirkt. Dass es auch ein bisschen verwirrender oder komplizierter ist. So wie das Leben eben auch.“ Zwischen den Zeilen von „LP4“ lauern Dunkelheit, Selbstauflösung und Endlichkeit. Vor einem sitzt an diesem Mittwochmorgen allerdings eine Band, die über den Wert von Nostalgie, die Zukunft ihrer Kinder und die Musik von Van Halen spricht. Das Album mag sich einer Erlösung verweigern, „aber ich brauche diese Erlösung gar nicht“, sagt Gitarrist Steve Holmes. „Ich akzeptiere, wer ich bin. Das hat fast etwas Religiöses. Ich glaube, dass durch das ganze Album hindurch Licht in der Dunkelheit steckt.“
Über Chicago hängen an diesem Mittwochmorgen noch immer keine Wolken. Der Abend werde fantastisch, sagt Kinsella schließlich mit Blick auf das anstehende Baseball-Spiel. „So düster manches auch ist – am Ende versuchen trotzdem alle einfach nur, ihr Leben zu leben. Und ich glaube, das steckt auch in der Musik.“ Auch das ist die Welt. Ja, vielleicht ist genau das die Welt.