Berlinale-Eklat: Alkhatib und das leere Protest-Ritual

Drohungen statt Dankesrede: Alkhatib verwandelte die Berlinale-Gala in ein Blaupausen-Spektakel. Warum das den Menschen in Gaza so gut wie nichts nützt – ein Kommentar.

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Was einmal als mutige politische Intervention gedacht war, wirkt inzwischen wie ein fest eingeübtes Ritual: Kaum steht bei der Berlinale eine Preisverleihung mit international besetzter Gala an, gehört die pro-palästinensische Wortmeldung offenbar zum festen Programm. Die Reden unterscheiden sich im Detail, nicht aber im Grundmuster: schwere Vorwürfe, moralische Anklagen, großer Applaus aus Teilen des Publikums – und ebenso verlässliche Empörung.

Alkhatib eskaliert

In diesem Jahr setzte der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib noch einen drauf. Er erschien zu seiner Dankesrede für die Berlinale-Ehrung mit Kufiya und Landesflagge und prophezeite, eines Tages werde es ein wunderbares Filmfestival in Gaza geben.

Dann folgte eine unverhohlene Drohung im Stil der irischen Terrororganisation IRA: „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.“ Gefolgt vom Ausruf: „Ein freies Palästina von jetzt bis ans Ende der Welt.“ Auch die Bundesregierung bekam ihr Fett weg – von wegen Unterstützung zum Völkermord.

Die politischen Reaktionen

Bundesumweltminister Carsten Schneider verließ daraufhin mit Schwefeldampf den Saal. Eine Geste, die Israels Botschafter Ron Prosor ebenso formelhaft als „moralische Klarheit“ lobte.

Auch Kulturstaatsminister Weimer empörte sich im Nachgang: „Es wurden Jury-Arbeiten und Preisverleihungen für politische Destruktion missbraucht und vielen Künstlerinnen und Künstlern ihr einmaliger Moment der Würdigung ihrer Arbeit genommen.“

Die Fronten sind vertraut wie verhärtet, die Rollen längst verteilt.

Wenn Ritual die Kunst ersetzt

Natürlich ist es legitim – ja notwendig –, politische Konflikte auch auf Kulturveranstaltungen zu thematisieren. Die Berlinale hat sich stets als politisches Festival verkauft. Doch wenn jede Dankesrede zur Bühne für immer gleiche Parolen wird, nutzt sich der Effekt ab. Wer pauschal von „Völkermord“ spricht und der Bundesregierung Komplizenschaft vorwirft, setzt auf präpotente Eskalation statt auf Differenzierung. Das erzeugt Schlagzeilen – aber kaum Erkenntnisgewinn.

Die Dramaturgie folgt inzwischen einem bekannten Ablauf: Tuch-schwenkende Folklore, Bekenntnisformel („Free Palestine“), Applaus und Buhrufe, anschließend politische Reaktionen. Was fehlt, ist die Bereitschaft zur Komplexität, die Festivalleiterin Tricia Tuttle und Jury-Präsident Wim Wenders in sehr unterschiedlichen Statements eingefordert haben.

Doch die moralische Selbstvergewisserung ist offenbar auch bei schlaueren Künstlern oberstes Gebot – selbst bei Tilda Swinton, die sich in dieser Causa mit der von Pink-Floyd-Dunkelmann massiv unterstützten Boykottgruppierung BDS gemein macht.

Mehr als Empörung aus dem warmen Filmstudio

Gerade weil der Krieg in Gaza ein reales, grausames Geschehen ist, verdient er mehr als Empörung aus dem warmen Filmstudio. Kunst kann Räume öffnen, Ambivalenzen zeigen, Widersprüche aushalten. Wenn sie jedoch zur vorhersehbaren Plattform für immer gleiche Anklagen wird, stumpfen Publikum und Politik als Adressaten ab.

Den gepeinigten Menschen in Gaza hilft das reichlich wenig. Trotz aller institutionalisierter oder echter Aufregung im Nachgang solcher Eklats gewinnt man den Eindruck, die Anliegen der From-The-River-To-The-Sea-Supporter haben im popkulturellen Segment längst an Kraft verloren.

Es klingt ein wenig pastoral, doch politische Kunst beginnt dort, wo das Ritual endet. Oder wie The Smiths einst bewusst doppeldeutig sangen: „That Joke Isn’t Funny Anymore“

Ralf Niemczyk schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.