Bret Easton Ellis: „Musik hat mich imprägniert wie sonst nichts“

Bret Easton Ellis ist einer der umstrittensten Autoren Amerikas. Ein Interview zu seinem aktuellen Serienmörder-Roman „The Shards“.

Mit 21 veröffentlichte er seinen Debütroman Unter Null“ (1985), in dem Teenager Abgestumpftheit als Lebensgefühl zelebrieren; für „American Psycho“ (1991) erhielt Bret Easton Ellis, weil er Sexualmorde drastisch schilderte, selbst Morddrohungen; in „Weiß“ (2019) stellte er sich als verzweifelten alten weißen Mann dar. In seinem neuen Roman „The Shards“ (Kiepenheuer & Witsch) blickt der inzwischen 60-Jährige semifiktional auf eine Jugend im San Fernando Valley zurück, die von einem Serienmörder erschüttert wird.

Ihre Romane „Less than Zero“ und „Imperial Bedrooms“ sind nach Songs von Elvis Costello benannt. „The Shards“ ist ein Erinnerungsroman. Hätte er – um bei Costello zu bleiben – nicht auch „Painted from Memory“ heißen können?

Oder „All this Useless Beauty“ und „Beyond Belief“. Nein, „Everyday I Write The Book“, das wär’s gewesen! In den letzten 20 Jahren habe ich ganze drei geschafft. Fast hätte ich mich für „This Year’s Model“ entschieden, denn ich schreibe über die schönsten Menschen, die auf meinem College waren. „Brutal Youth“ wäre aber genauso klasse gewesen.

„Oliver’s Army“ wohl nicht, es sei denn, Sie hätten die Geschichte, in Anspielung auf eine Romanfigur, „Mallory’s Army“ genannt …

Stimmt!

Das Jahr 1981, schreiben Sie, war Teil der guten Achtzigerjahre. Wie Achtziger, die Siebziger waren. Pop war cool statt bombastisch, es gab noch keine Schulterpolster oder Vokuhilas. Nach meiner Theorie begannen die schlechten Achtziger nach „Live Aid“ von 1985: Popstars wurden dekadenter.

Dem stimme ich im Grunde zu. Die besten Jahre waren 1981, 1982 und 1983. Ab 1984 gab es jedoch schon richtig schlechte Mode im Pop. MTV wurde zur Macht, diktierte die Trends der Modewelt und jemand wie Cyndi Lauper wurde ein Star. „Girls Just wanna have fun“ ist nicht das, was die Girls, die ich kannte, als Fun verstanden. Die Jahre bis 1983 dagegen waren sehr retro, es gab Throwbacks bis in die 1950er-Jahre, die Anzüge, die Petticoats. Die B 52’s, Devo. Aber womöglich haben Sie mit dem Jahr 1985 als Trennlinie Recht. Ab dann gab es schließlich die John-Hughes-Filme. „Sixteen Candles“ ist zwar von 1984, aber da sah Molly Ringwald noch anders aus als im „Breakfast Club“ nur ein Jahr später. Rockmusik jedenfalls wurde sehr klebrig. Und für Mode und Kino gilt: In 1985 everything went to hell.

Und in jenem Jahr erschien ihr Debüt, „Unter Null“. Sie selbst wurden zum Popstar – in einem schwachen Musikjahr. Auch der Nachfolger „Einfach unwiderstehlich“ wurde in einem als uncool geltenden Musikjahr publiziert, 1987. Stört Sie das?

Ja, aber ich schrieb „Unter Null“ 1982 und 1983, als die Achtziger noch hip waren. Außerdem: 1985 gab es auch gute Musik.

Welche?

The Replacements, „Tim“. Und welche fällt Ihnen ein?

„Around the World in a Day“ von Prince.

Die war ja wohl eher okay.

„Steve McQueen“ von Prefab Sprout?

Joah, wurde aber in den USA nicht gehört. New Order müssen 1985 doch etwas herausgebracht haben – und das war sicher großartig. In jenem Jahr war ich 21, und Musik hat mich imprägniert wie sonst nichts, und wie keine Musik es in späteren Jahren stärker tun könnte. Ich kaufte mehr Platten, als jeder, den ich kannte, und das immerhin hielt bis Mitte 30 an.

Finden Sie es gut, dass „The Shards“ wie schon „American Psycho“ nicht als Schauergeschichte, sondern Allegorie auf den Lebensstil der Ultrareichen verstanden wird, als Zeitgeist-Persiflage statt Horror? Warum müssen Horrorgeschichten zwanghaft als intellektueller Kommentar, als „elevated“, als Spiegel Ihrer Zeit betrachtet werden?

Solche Bücher und Filme gibt es noch, aber es gibt sie immer weniger. Heute muss jeder Mörder einen Background erhalten, damit wir seine Motivation erfahren. Den weißen Hai von 1975 jedenfalls hat keiner nach seiner schweren Kindheit gefragt. Aktuell gibt es die sehr erfolgreichen „Terrifier“-Filme mit dem Monsterclown – die sind ohne Sinn und Verstand, und das ist gut so. Der Clown kommt aus dem Nichts, redet nicht, tötet wahllos, auf abscheuliche Weise, und findet das lustig. Das sind die Siebzigerjahre-Filme mit den Effekten von heute. Ich mag keine Horrorkomödien. Und der „Terrifier“ ist mehr Horror als Komödie.

Brett Easton Ellis 1992

Und was halten Sie nun vom heutigen Horror-Kino?

Die Streifen der immens populären Blumhouse-Produktionsfirma oder Sachen wie „Smile“ oder der dumme Puppenfilm „M3GAN“: Die sollen uns doch alle nur beruhigen. Vergleichen Sie das mal mit Bob Clarks wunderschönem Slasher-Film „Black Christmas“. Mein Lebensgefährte ist gerade mal 36, der Film ist von 1974, er sah ihn unlängst zum ersten Mal und war geflasht. Der Killer darin ist brillant konzipiert – weil jedwede Konzeption fehlt. Er hat keinerlei Bezug zu den Schulmädchen oder ihrem Campus. Der Typ ist einfach nur ein Psycho, der in ihr Haus einbricht. Dasselbe gilt für das „Texas Chainsaw Massacre“ aus demselben Jahr. Verrückte auf einer verlassenen Farm, unschuldige Menschen landen zufällig dort.

 „American Psycho“ gilt als ihr bedeutendster Roman, aber Ihnen schlug nach Erscheinen des Buchs 1991 so viel Hass entgegen wie keinem anderen Autor in jenem Jahrzehnt: Sie seien ein Sexist und Gewaltfantast. Beruhigt es Sie nicht, dass Rezensenten Ihnen mittlerweile attestieren, Sie seien subversiv vorgegangen und hätten vielmehr eine Groteske geschrieben?

Ehrlich, ich denke über so etwas überhaupt nicht nach. Ich schreibe nach Gefühl. Und ich scanne Besprechungen meiner Werke nicht danach, ob jemand meine Gefühle richtig gedeutet hat. Ich schreibe meine Gefühle auf. Wenn es mir gut geht, mit dem, was ich schreibe, schreibe ich weiter. Patrick Bateman, der „American Psycho“, weiß nicht, ob das, was er tut, die Wirklichkeit ist oder Fantasy. In meiner ersten Fassung jedenfalls war er noch kein Serienmörder. Dann wurde er zum Serienmörder. Ich bin Stephen-King-Fan, aber mich reizte der Gedanke, Batemans Morde so drastisch wie möglich zu Papier zu bringen, ohne Formulierungen zu verwenden, die so wirken, als wäre alles nur in Großbuchstaben formuliert. Außerdem reizte mich die Wiederholung, auch als feine Abgrenzung zur Monotonie. In meinem Roman kommt alles in Wellen. Die Beschreibungen der Modemarken, die Morde, Batemans Plattenbesprechungen. Das Buch war 1989 fertig, aber dann wollte der Verlag es nicht herausbringen. Es war frustrierend. Als es 1991 schließlich auf den Markt kam, war ich komplett, wirklich komplett mit dem Thema „American Psycho“ durch. Und musste dann erst all die Entrüstung ertragen. Entrüstung über ein Projekt also, das viele Jahre meines Lebens in Anspruch nahm, viele mehr, als ich wollte. Alle Leute stellten Fragen. Und ich hatte zu den wenigsten eine Antwort.

„Ich wurde nicht vergewaltigt, aber ich musste lernen, dass der Traum, mein Drehbuch an ein Filmstudio zu verkaufen, nicht klappen würde“

Der junge Bret in „The Shards“ will unbedingt sein erstes Drehbuch verkaufen, wird vom Produzenten, dem Vater seiner Freundin, immer wieder vertröstet – und dann von ihm vergewaltigt. Welche Aspekte daraus entstammen Ihrem Leben?

Diese Szene wollte ich immer schon schreiben. Sie fand 1981 statt – mit dem Unterschied, dass ich nicht vergewaltigt wurde. Aber ich war 17 und hatte ein Drehbuch, das ich unbedingt verfilmt sehen wollte. In „Unter Null“ gibt es die Szene, in der der junge Julian Sex hat mit einem Geschäftsmann, einvernehmlich. So etwas habe ich also schon in meinem ersten Roman eingebracht. Aber in „Unter Null“ wollte ich mich als Charakter namens Bret nicht sehen. Also, es gab Sex für mich im Jahr 1981, und die Begegnung mit einem Mann an jenem Nachmittag veränderte mich. Ich war kein Teenager mehr, ich wurde zum Mann. Ich hatte etwas gelernt. Wie gesagt, ich wurde nicht vergewaltigt, aber ich musste lernen, dass der Traum, mein Drehbuch an ein Filmstudio zu verkaufen, nicht klappen würde. Aus dem Typen, der mir Hoffnungen machte, würde nichts rauszuholen sein.

Bret Easton Ellis 1987

In den Zehnerjahren scheiterten Sie mit Ihren Versuchen, als Drehbuchautor in Hollywood Fuß zu fassen. Sie schrieben die Scripts für drei Filme, die floppten.

Aber nicht deshalb habe ich die Szene mit dem jungen Bret in „The Shards“ aufgenommen. Sie ist keine Allegorie auf meine letzten zehn Jahren in Hollywood. Keine der Szenen im Roman ist eine Allegorie. Es ging mir auch nicht um #MeToo. Es ging um meine Jugend, und Jugendjahre eignen sich nicht für Allegorien. Ich wollte über die Kinos schreiben, in die ich 1981 ging, die Filme, die im Fernsehen liefen. Die endlosen Schlangen vor den Kinos, weil man Tickets nicht online hätte kaufen können. Und die unheimlichen Gestalten, die man in den dunklen Sälen sieht. Ich wollte über meine Freundin schreiben. Die eigentlich nicht meine Freundin war, schließlich bin ich schwul. Ich habe 40 Jahre gewartet, um über all das zu schreiben.

In Ihrem Roman gibt es die Teufelssekte „Riders of the Afterlife“, und die frühen 1980er-Jahre bildeten den Höhepunkt der südkalifornischen „Satanic Panic“. Überall schienen Sektenmitglieder zu lauern.

Es geht noch besser. Ich hörte unlängst, dass es den Begriff „Serienmörder“ 1981 noch gar nicht gab.

1981 galt auf der anderen Seite Amerikas, für New York, als „Most Violent Year“ mit der bis dato am höchsten Zahl registrierter Gewaltstraftaten. Wie war das Los Angeles jener Zeit?

Alles, was ich weiß, und darüber sprach ich auch mit Quentin Tarantino, ist: Wir Jungs hatten mächtig Angst vor Leuten wie Charles Manson und seiner Family. Die haben mich und meine Freunde bis in unsere Träume verfolgt. Ich hörte von jungen Kerlen, die verschwanden. Sie schlossen sich einem Kult an. Ich hörte von Leuten, die auf die Suche nach ihnen gingen, um sie aus den Fängen dieser Kulte zu befreien. Dann gab es da noch die Hillside Stranglers. Zwei Typen, die sich als Polizisten ausgaben, Frauen in ihren Van zogen, sie entführten, sie folterten, vergewaltigten, töteten, all das auf Band aufnahmen und ihre Leichen dann in den Hollywood Hills ablegten, nackt und mit schrecklich abgewinkelten Extremitäten. Von 1977 bis 1979 war das. Mich persönlich machte auch betroffen, dass es Mörder gab, die es auf Schwule abgesehen hatten. So etwas landete nicht immer in den Medien. Das war die Welt, in der ich lebte. Serienmörder waren überall. Und sie waren nicht zu kriegen. Es gab keine Kameraüberwachung an öffentlichen Plätzen. Keine Mobiltelefone. Keine DNA-Tests. Wer es also drauf anlegte, kam mit einer Menge Verbrechen davon. Es war möglich, eine langjährige Existenz als Serienmörder zu führen.

Nun sind Serienmörder wieder schwer angesagt, siehe „Dahmer“ auf Netflix. Haben Sie daran gedacht, „The Shards“ als Miniserie anzubieten?

Alles, was ich Ihnen dazu sagen könnte, wäre off the record. Sie dürften also nichts dazu schreiben. Was ich offiziell sagen kann, ist, dass es einen derartigen Plan gibt. „The Shards“ is being optioned. Aber Sie wissen ja, bei Deals geht es darum, dass sehr viele Parteien mit ihrem Part of the deal einverstanden sein müssen, bevor etwas in Bewegung gerät.

Sie schreiben detailliert über Ihre Freunde vom College. Es wirkt so, als würden Sie diese ehemaligen Freunde gerne lieben, aber sie sind einfach nicht liebenswert.

Doch, ich wollte mein Buch aus der Perspektive eines Menschen schreiben, der zurückblickt und erkennt, wie sehr er seine alten Freunde geliebt hat. Und wie viel sie mir heute noch bedeuten. Ich war 57, als ich mit dem Schreiben begann, und ich wollte memorieren, wie viel Sex ich damals hatte. Und wie wenig Sex ich jetzt habe. Wie mein jugendlicher Körper war. Wie viele Dinge ich bereue. Und wie viele Dinge es gibt, die ich nicht getan habe – was ich noch mehr bereue. Am Ende des Romans denkt Bret daran, dass er die Geschichte wegen Matt Kellner aufschrieb, den er liebte. Nicht wegen des Serienmörders, der als „The Trawler“ sein Unwesen trieb. Es geht also um Liebe.

Als 17-Jähriger performen Sie recht ordentlich. Im Showdown der „Shards“ liefern Sie sich in einer Action-Szene, bei der sie von Balkon zu Balkon hüpfen, einen knallharten Messerkampf. Sie werden zum Action-Star.

Und auf eine filmische Umsetzung wäre ich sehr gespannt, dafür braucht es den richtigen Regisseur. Das Finale ist mir aber auch deshalb wichtig, weil es im Hochhausblock stattfindet, in dem 1982 mein Vater lebte. Im 28. Stockwerk der Century Towers von Los Angeles. Der Fight zwischen Bret und Robert Mallory, das wurde mir früh bei der Konzeption des Romans klar, sollte im Apartment meines Vaters stattfinden.

Außerdem verwenden Sie diesmal sehr häufig das Wort „narrative“ anstelle von „truth“, und auch hierzulande gibt es die inflationäre Verwendung des Begriffs „Narrativ“. Die Story ist wichtiger geworden als die Fakten. Dazu wimmelt es im Roman von „Geheimnissen“ und einer „Secret History“. Ist das eine Anspielung auf den weltberühmten Roman Ihrer einstigen Campus-Kollegin Donna Tartt?

Als Phrase existierte „The Secret History“ schon lange vor Donna. Die Formulierung umschreibt Verschwörungserzählungen, wie sie zum Beispiel zum Vietnamkrieg kursierten. Donnas „The Secret History“ hieß in der Erstfassung außerdem „The God Of Illusion“. Von daher, nein, das sollte keine Anspielung auf sie sein, außerdem schreibe ich: „it’s secret history“, nicht „it’s THE secret history“. Es geht hier um Terry Schaefers Gedanken, die Frage, warum der junge Bret, von dem er weiß, dass er schwul ist, mit seiner Tochter ausgeht. Das Wort „Narrativ“ wiederum spielt auch deshalb eine Rolle, weil ich das Buch mit 57 Jahren schrieb, mit sehr großem Abstand zu den Ereignissen. Mit 21, 31, 41 oder 51 wäre das nicht gegangen. Dafür aber hätte ich „Unter Null“ heute nicht mehr schreiben können. Vor meinem Buch „Lunar Park“ habe ich auch nie über Schriftsteller, oder besser: einen Schriftsteller namens Bret geschrieben. Mit „The Shards“ hat das Buch gemein, dass ein Autor in seine Vergangenheit blickt. So entsteht das Narrativ. Die gesamte Handlung von „The Shards“ spielt sich innerhalb von elf Tagen ab – „American Psycho“ zum Beispiel deckt einen Zeitraum von drei Jahren ab. Dabei passiert in „American Psycho“ nicht mal viel. Bateman ist unglücklich und lässt das an seinen Mitmenschen aus.

„Auch Bret aus „The Shards“ mordet. Aber im Gegensatz zu Bateman begeht er nur einen einzigen Mord“

Sehen Sie Ähnlichkeiten zwischen Patrick Bateman und Bret Easton Ellis?

Auch Bret aus „The Shards“ mordet. Aber im Gegensatz zu Bateman begeht er nur einen einzigen Mord. Und zwar einen Mord, zu dem er sich nicht bekennen will. Vielleicht sogar nicht mal Schuldgefühle hat. Er bekennt sich dazu, einen Schubs gemacht haben, berichtet später der Polizei sogar, dass nicht er angriff, sondern attackiert wurde. Stolz zeigt er seine Wunden vor. Noch nicht mal auf den letzten Seiten des Berichts gibt er seine Tat zu. Wäre der Drehbuchautor von „Imperial Bedrooms“ der Mörder gewesen, er hätte es zugegeben. Aber Bret? Nein. Und das liegt auch am Alter. Ich bin in einem Alter, in dem ich die Vergangenheit romantisiere. Bret will von allem berichten. Von jeder Straße, die er langfährt, jedem Shopping-Center, das er besucht, jeder Galerie. Und doch hat er nicht den Mut, irgendwo auf den 700 Seiten zuzugeben, dass er jemanden umgebracht hat.

In keinem Ihrer Romane kommen Smartphones vor. Entweder, weil die Geschichten in einer anderen Zeit geschrieben wurden, oder weil sie in der Vergangenheit spielen.

Ja, genau! Gut so. Stellen Sie sich mal vor, ich baue Handys in meine Geschichten ein. Die Bücher wären dann keine 100 Seiten lang.

Und nur deshalb gibt es so viel Einsamkeit unter all Ihren Figuren, oder? Niemand ist erreichbar, und in „The Shards“ kommen Eltern kaum vor, sie sind stets auf Geschäftsreisen.

Das hat Tarantino auch zu mir gesagt. Und er sagte: Nie wieder will ich einen Film drehen, in dem Mobiltelefon zu sehen sind. Die ruinieren alles. Jeder simst dem anderen, wie es ihm gerade geht, und der andere ruft sofort zurück, damit die Sache geklärt wird. Tarantino sagte auch, dass er „The Shards“ genau deshalb liebt – weil es darin keine Handys gibt. Nicht, dass ich mir zum Ziel setzen würde, nur noch No-Mobile-Phone-Romane zu schreiben. Tarantino und ich connecten außerdem ganz gut, weil auch er über seine Jugend, oder eher Kindheit berichtete, in „Once upon a Time … in Hollywood“. Paul Thomas Anderson drehte „Licorice Pizza“ über seine Vergangenheit im San Fernando Valley, Alfonso Cuarón erzählte in „Roma“ von Mexiko-Stadt. Ihnen allen und mir geht es darum, die eigene Rolle innerhalb dieser Zeit herauszuarbeiten, aber auch nach Hinweisen zu suchen, wie man wurde, was man ist. Natürlich auch, um die Vergangenheit zu romantisieren. Dass ich ohne Mobiltelefon auch für meine Eltern nicht erreichbar war? Kein Problem. Zu keiner Zeit fühlte ich mich vernachlässigt, nur weil sie mich über viele Tage nicht telefonisch erreichen konnten.

Tarantino-Podcast:

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War das in Ihrem Umfeld genauso?

Meinen Freunden ging es mit ihren Eltern gleich. Deshalb hatte ich viel Zeit, mit meinen Freunden abzuhängen und dauernd ins Kino zu gehen. Wir durften in einer Welt leben, die Eltern für Eltern machten. Es war eine Erwachsenenwelt. Das war keine Teenagerwelt, geschweige denn eine für Kids. Deshalb wollten wir alle so schnell, wie es nur geht, erwachsen werden. Meine Eltern behandelten mich wie eine echte Person. Und was ich für Filme im Kino sah! Die Konzerte, die ich besuchte! Mal abgesehen davon, dass Kinderfilme sowieso nicht in den Kinos gezeigt wurden, und es gab auch noch keine 24-Stunden-Kinderkanäle. Heute ist das Umgekehrte der Fall: Erwachsene verkleiden sich wie Kids, um auf Comic Conventions zu gehen.

„Der erwachsene Film? Der geistreiche, anspruchsvolle Film? Keine Chance mehr auf der Leinwand.“

Im Podcast mit Quentin Tarantino sprachen Sie auch vom Untergang des Kinos. Nach Ihrer beider Einschätzung dauerte das Jahrhundert des Kinos exakt 100 Jahre. Von 1920 bis 2020.

Er sagte das, und ich stimme ihm zu 100 Prozent zu. Zwar wird es noch immer Marvel-Filme geben, sicher auch einen weiteren „Top Gun“ und „Mission: Impossible“. Also Blockbuster, die viel Geld reinholen. Aber der erwachsene Film? Der geistreiche, anspruchsvolle Film? Keine Chance mehr auf der Leinwand. Steven Spielbergs hochgelobte „Fabelmans“ – wo lief der noch, und wie viel hat der eingespielt? Hat doch nur Geld verloren. Todd Fields „Tár“, der beste Film des Jahres 2022? Vollflop. 40 Millionen Dollar Verlust. Da wird doch bei der Produktion schon kalkuliert oder vielmehr gehofft, dass solche Filme ihr Geld im Streaming wieder reinholen. Die Magie des Kinofilms ist verschwunden. Nach exakt 100 Jahren ist der Kinofilm nicht mehr das Herzstück der Kultur, nicht mehr jenes Medium, das als größtes und wichtigstes gilt.

In „Weiß“ sowie „The Shards“ schreiben Sie voller Leidenschaft über Paul Schraders „Ein Mann für gewisse Stunden“ (Originaltitel: „American Gigolo“). In der Liste Ihrer Lieblingsfilme jedoch ist er nicht vertreten.

Quentin arbeitet an einem neuen Buch, quasi einer Fortsetzung seiner „Cinema Speculation“, also seiner Filmbetrachtungen. Er bat mich um eine Liste meiner zehn Lieblingsstreifen von 1968 bis 1979. Da fiel mir auf, dass sich meine Listen immer verändern. Doch obwohl ich „American Gigolo“ etliche Male gesehen habe, denke ich nicht, dass er in meiner Top Ten einen Platz verdient hätte. Er ist kein großer Film. Er hat viele Mängel. Viele schlechte Dialoge. Paul Schrader stimmt mit mir darin überein. Er sagte: „Er ist nicht großartig. Er ist mein einziger Hit.“ Stimmt ja auch. Danach kam keiner mehr.

Das Team hinter „The Canyons“: Produzent Braxton Pope, Regisseur Paul Schrader, Bret Easton Ellis 2013

Moment, was ist mit demjenigen, in dem Ethan Hawke den Priester spielt?

Nein. Kein Hit. Box Office: drei Millionen.

„The Card Counter“?

Kein Hit. Kein Hit. „Affliction“? Auch kein Hit. Ich weiß das alles, ich arbeitete schließlich mit ihm zusammen, für den Film „The Canyons“, den ich schrieb. Nur „American Gigolo“, sein drittes Werk, erschienen 1980, war ein Hit. Die Produktion war hart für ihn. Travolta stieg erst kurz zuvor aus dem Projekt aus, dann kam Gere. Und ins Kino kam der Film erst ein Jahr nach Drehschluss. Aber Schrader sagte, dass er viel gelernt habe: über Dekor, über Kostüme, und wie man eine Kamera bewegt. Zuvor, sagte er, stand sie bei ihm immer still, sie war noch nicht Teil der Filmfigur, die sie begleiten soll. So wurde er erst zum Filmemacher, erkannte sich selbst als Regisseur an. Unlängst tauschten wir uns per Mail zu „American Gigolo“ aus. Ich bin der festen Überzeugung, dass Julian Kaye, also Gere, doch der Mörder ist. Und die ganze Zeit über sucht er nach einem Alibi. Paul sagte: „Dieser Theorie werde ich nicht zustimmen, aber ich werde sie auch nicht ablehnen.“

Nun geraten Sie aber doch ins Schwärmen. Sie mögen also besonders Filme, die nicht verkopft sind?

Ach, ich kann diesen Film immer wieder ansehen. Weil er so schön ist. Weil er moralisch ambig ist. Und weil Julian keine Hintergrundgeschichte hat. Und das, was er erzählt, ist eine Lüge. Alles über seine Biografie ist eine Lüge. Den einen erzählt er das, den anderen das. Es gibt eine schreckliche, schreckliche neue „American Gigolo“-TV-Serie, die im Jetzt spielt. Julian saß 30 Jahre im Knast. Und es wird natürlich erklärt, warum er zu dem wurde, der er ist. Er wurde missbraucht als Kind! Klar! Und deshalb liebe ich den originalen „American Gigolo“ so sehr. Er erklärt nichts. Es geht nur um Ästhetik, um Style. Die Gedanken zu Liebe und Sex sind abstrakt. Das ist das, was ich brauche. Außerdem ist meine homoerotische Sehnsucht nach Richard Gere genau in jenen Moment entstanden, als ich ihn zum ersten Mal in dieser Rolle sah.

Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst am 30. August 2023.

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