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Berlinale-Tagebuch: Happy Birthday, lieber Teddy-Award  – 4 Filme, die man sehen sollte

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Berlinale-Tagebuch: Happy Birthday, lieber Teddy-Award  – 4 Filme, die man sehen sollte

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Niemand spricht gerne über Aids oder HIV – umso besser, dass es dieses Jahr mehrere Filme auf der Berlinale gibt, die das Thema aus der Betroffenheitsecke holen. Die Filme, die sich in diesem Jahr mit dieser Krankheit beschäftigen, legen weniger einen Fokus auf die Krankheitsgeschichte oder den Grund der Infektion als auf den Lebenswillen und die Kraft, die die einzelnen Personen daraus ziehen. Eine neue Entwicklung, die man im “großen” Kino bis jetzt nur sehr wenig gesehen hat. Der letzte Film, der im Mainstream Lorbeeren für diese Thematik bekommen hat, war “Dallas Buyers Club”, für den es 2013 mit dem Oscar die erste richtig große Auszeichnung gab. Vielleicht ist also an der Zeit sich für eine neue Diskussion um die Thematik zu öffnen und sich diese vier tollen Filme anzuschauen.

Strike A Pose – Ein Film über Madonnas Tänzer

“Strike A Pose” hat jetzt schon das Potential zum diesjährigen Publikumsliebling der Berlinale. Der Film ist eine Dokumentation über die Tänzer von Madonnas Blond Ambition Tour, der sich jetzt, 25 Jahre später, auf die Suche nach den Männern von damals begibt, um herauszufinden, welchen Einfluss Madonna auf ihr Leben hatte. Die Blond Ambition Tour in den neunziger Jahren wurde nach dem Tod von Keith Harring, einem Freund Madonnas, von ihr zur HIV-Aufklärungstour erklärt. Die Pop-Ikone nutzte diese Öffentlichkeit dazu, Safer Sex zu promoten, ohne zu wissen, dass zwei ihrer Tänzer zu diesem Zeitpunkt bereits wissentlich das Virus in sich trugen. Madonna veröffentlichte außerdem noch den Tour-Dokumentarfilm “Truth or Dare”, der durch den ersten schwulen Kuss im Fernsehen zum ikonischen Werk wurde und schließlich zum Bruch zwischen ihr und den Tänzern führte. In “Strike A Pose” setzen sich die Regisseure Ester Gould und Reijer Zwaan deshalb auch mit der Zwiespältigkeit auseinander, in der sich die Tänzer befinden. Im Konzept der Tour hat nicht choreographierte Indvidualität keinen Platz und der Fokus liegt immer auf dem Erfolg des großen Ganzen. Auch wenn es in “Strike A Pose” viele tolle Tanzszene zu sehen gibt ist dieser Film viel mehr als eine Ode an das “Vogueing”: er ist ein Appell, für sich einzustehen. Das wird besonders deutlich in einer Szene, in der wir Tänzer José bei einem Laufstegtraining sehen, bei dem er erklät: “Be proud, you know – because everyone is someone.” Eine schöne Botschaft, die die Krankheit am Ende vollkommen in den Hintergrund rücken lässt.

Hugo et Théo dan le meme Bateau – Durch die Pariser Nacht

Paris 05:59 ist eine Herausforderung. Am Anfang nimmt einen der Film direkt mit in eine Pariser Schwulenorgie, bei der man zu Berghain-Techno jede Menge Sex sieht. Dabei wird nichts ausgespart und man ist so direkt dabei in der Welt, in der sich Théo und Hugo, zwei junge Schwule, bewegen. Nachdem sie Sex mit verschiedenen anderen Leuten hatten, finden sie schließlich zueinander. Den nicht schwulen Kinobesucher bringen die ersten zehn Minuten sicherlich an die eigenen Grenzen, wer das aber aushält und sich vielleicht auch auf die von den Regisseuren Ducastel und Martineau inszenierte Ästhetik einlässt, wird belohnt. Nach dieser Szene geht es nämlich raus in die Pariser Nacht und die eigentliche Intimität zwischen Théo und Hugo beginnt sich zu entwickeln. Beim lockeren Smalltalk zwischen den beiden kommt allerdings plötzlich heraus, dass Théo im Eifer des Gefechts im Club kein Kondom benutzt hat, ohne zu wissen, dass Théo seit seinem ersten Mal HIV-positiv ist. So sitzen die beiden, wie die Übersetzung des französischen Titels lautet, plötzlich im selben Boot, ohne sich bewusst dafür entschieden zu haben. Von diesem Moment an nehmen uns die beiden Regisseure mit in eine Nacht, die von der gleichen Rhythmik wie „Before Sunrise“ oder “Before Sunset“ von Richard Linklater geprägt ist. Der Film lebt dabei besonders von der herausragenden schauspielerischen Leistung von Geoffrey Couët und François Nambot, die sich vielleicht verlieben wollen und die gleichzeitig Wut und Verlorenheit einer solchen Situation unfassbar glaubhaft darstellen. „Théo et Hugo dans le Meme Bateau“ ist ein Film, der zeigt, dass Sex nicht immer nur Sex ist und dass es am Ende nicht nur um die Menge der Körper, sondern um den Einen, der zu einem passt, geht. Um das vollständig zu verstehen, braucht es aber auch die lange Szene des Anfangs, denn erst dann kann man begreifen, in welcher Welt sich diese beiden Charaktere bewegen und wie wenig die massive Körperlichkeit am Ende vielleicht doch mit echter Nähe zu tun hat.

Uncle Howard – Eine Homage an das New York der 80er

Aaron Brookner setzt seinem Onkel Howard Brookner ein Denkmal, der in den 80er Jahren ein aufstrebender junger Filmregisseur war und zur schlimmsten Zeit der Aids-Epidemie in New York verstarb. Howard Brookner wurde mit einem Film über die Schriftstellerlegende William S. Bourroughs bekannt und arbeitete bis zu seinem Lebensende an zahlreichen Filmprojekten. Trotz dieser Tatsache schafft es sein Neffe, Aaron Brookner, “Uncle Howard” nicht zu einer traurigen Geschichte zu machen. Viel mehr geht es darum, sich auf die Suche nach dem Werk eines sehr talentierten jungen Mannes zu begeben, das überall auf der Welt in verschiedenen Archiven aufbewahrt wird. So wird der Film auch zu einer Art Selbstfindungsgeschichte über Aaron, der sich auf die Spur dieses Menschen macht, an den er nur gute Kindheitserinnerungen hat. Je näher Aaron dabei dem charismatischen Lebemann Howard kommt (es taucht beispielsweise plötzlich ein Videotagebuch auf), desto mehr findet der Film in seinen Rhythmus und wird so zum Portrait einer ganzen Generation von Künstlern. „Uncle Howard“ ist so auch eine Homage an all die Menschen, die die Aids Katastrophe nicht überlebt haben, wie Keith Haring, Freddie Mercury oder Robert Mapplethorpe (über den dieses Jahr auch ein Film im Programm ist). Der Film macht so auch deutlich, welche popkulturelle Bedeutung die Aids-Katastrophe für die Welt hatte, als sie einige der größten Talente einer ganzen Generation ausgelöscht hat. Trotzdem geht es in “Uncle Howard” auch darum, sein Leben seinem Talent zu widmen. Das wird besonders deutlich in einem Brief von Howard, den Aaron Brookner in seinem Film einbaut und dessen Kernaussage “Don’t be sad” ist. Ein Appell, der sich in fast allen Filmen um diese Thematik findet und deutlich macht, dass Howard als glücklicher Mensch verstorben ist, der mit seinem Werk und den Dingen, die er geschafft hat, sehr zufrieden war. “Uncle Howard” zwingt das Publikum so auf gute Art und Weise dazu, einen kurzen Check-up des eigenen Lebens zu machen und sich die Frage zu stellen, wie glücklich man eigentlich mit dem, was man tut, ist.

Who is gonna love me now? – Stellt die großen Fragen des Lebens

Diese Dokumentation, die eine der großen Überraschungen der diesjährigen Berlinale ist, folgt dem jüdischen Saar, der in London in einem der besten Schwulenchöre des Landes singt. Während des Filmes lernt man, dass Saar sich vor längerer Zeit mit HIV infiziert hat und sich in der gesamten Situation in London heimatlos fühlt, weil seine sehr konservative Familie immer noch in Israel in einem Kibbutz lebt und sich weigert, sich mit der Erkrankung und dem schwul sein von Saar zu beschäftigen. Die Regisseure Barak und Tomer Heymann, die bereits 2006 mit “Paper Dolls” den Teddy-Award und den Panorama-Publikumspreis gewonnen haben, folgen Saar bei dem Versuch, seiner Familie wieder näher zu kommen. Dabei wird unfassbar deutlich, dass in jedem tragischen Lebensmoment auch immer das Potential für Komik steckt, wenn man sie sehen möchte. “Who is gonna love me now?” bringt einen zum Lachen und Weinen und nimmt mit in die Welt des schwulen Männerchors und des israelischen Kibbutz – zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch in der Person Saar vereint werden. Ein schöner Film, in dem es auch darum geht, seinen Platz in der Welt zu finden.

 

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