Berlinale-Chefin nach Eklat vor dem Rauswurf – und jetzt?
Ein Foto mit Palästina-Fahne wurde ihr zum Verhängnis: Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle steht vor dem Aus – und die Nachfolgediskussion hat bereits begonnen.
Nach dem „Reden-Flaggen-und-Kufyia“-Eklat zum Ende der Berlinale 2026 hat sich Chefin Tricia Tuttle offenbar endgültig ins Aus geschossen.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer als oberster Etat-Geber hat für den morgigen Donnerstag (26. März) nach Informationen von „Bild“ und dpa eine außerordentliche Sitzung der zuständigen Gremien einberufen. Offiziell geht es um die „Ausrichtung der Berlinale“. Inoffiziell wohl um die Ausrichtung der Ausgangstür.
Politische Eskalation
Hintergrund ist ein seit Sonntagabend (23. Februar) kursierendes Foto: Tuttle posiert dort mit der Crew des Films „Chronicles from the Siege“ – inklusive Palästina-Fahne und Palästinenser-Tüchern als Deko.
Spätestens seit der Film offiziell ausgezeichnet wurde und Regisseur Abdallah Alkhatib seine Bühne für eine wütende Abrechnung mit Israel und Deutschland nutzte, lagen die Nerven blank. Aus Kino-Feuilleton war eine Regierungssache geworden.
Die Berlinale, so der Vorwurf, sei von Aktivisten zur Tribunal-Bühne gegen Israel umfunktioniert worden. Und Weimer, Kumpel von Kanzler Friedrich Merz, hatte schon bei Amtsantritt klargemacht, dass er kulturpolitisch einen anderen Film drehen will als Vorgängerin Claudia Roth. Gleich am ersten Tag setzte er demonstrative Zeichen – unter anderem mit einem Treffen mit Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Neustart oder nur neues Türschild?
Tuttle und Weimer sollen sich laut Berichten bereits einig sein, dass es SO nicht weitergehen könne. Ein „Neustart“ wird gefordert.
In Berlin heißt das erfahrungsgemäß: neuer Name am Türschild, während die Debatten im Foyer mit gleicher Lautstärke weitergeführt werden. Offenbar hat die 56-jährige Amerikanerin die bundesrepublikanischen Befindlichkeiten im Israel-Palästina-Krieg unterschätzt. An Filmbiz-Insider-Biertischen heißt es zudem, sie wäre ohnehin vom deutschen Polit-Klüngel schwer genervt – und besonders von der Bräsigkeit der Berliner Kommunalpolitik gegenüber ihrem Festival.
So wirkt dieses naive Foto-Posing mit der Alkhatib-Crew wie eine Selbstversenkung. In der anglo-amerikanischen Filmszene dürfte die gut vernetzte Tuttle schnell wieder einen Job bekommen. Kurz nach der Demissions-Meldung von „Bild“ haben internationale Fachmedien wie der Newsletter von „Screen Daily“ die Causa sofort aufgenommen und eingeordnet.
Die Berlinale wollte „irgendwie“ Haltung zeigen – und zeigt nun vor allem, wie dünn der Grat zwischen Kunstfreiheit und politischer Bühne geworden ist. Während auf dem roten Teppich gern Weltpolitik gespielt wird, erinnert der großgewachsene Mann mit Büro im Kanzleramt daran, wer am Ende die Eintrittskarten bezahlt.
Nachfolgediskussion hat schon begonnen
Bereits wird – wenn auch vorschnell – über Nachfolger diskutiert. Als heißer Kandidat gilt Filmwissenschaftler Christian Jungen vom Filmfestival Zürich, der offenbar schon in der letzten Auswahlrunde war, aus der schließlich Tricia Tuttle als Siegerin hervorging. Für kaum zwei Jahre.
Tempi Passati. So schnell kann es in aufgeheizten Zeiten gehen – zumal in der hoch subventionierten Filmbranche, wo stets ein Politiker mit eigener Agenda am Tisch sitzt.
Was das für die Berlinale selbst bedeutet, ist noch nicht abzusehen. Das ohnehin taumelnde Festival wäre gut beraten, die anstehende Personalie schnell zu erledigen, um keine große Leerstelle entstehen zu lassen. Auch und gerade bei jährlichen Filmfestivals gilt: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.