Birgit Fuß fragt sich durch: „Darf Brett Dennen 2021 noch ein Hippie sein?“


von
Birgit Fuß
Birgit Fuß

Als ich Brett Dennen 2008, zu seinem dritten Album, „Hope For The Hopeless“, zum ersten Mal wahrnahm, war er 29 und sah aus wie ein putziger Kobold – oder wie ein Teenager, der an der Highschool ständig in den Spind gesperrt wird, weil die Mitschüler seine knallroten Haare, die übergroße Brille und die Sommersprossen nicht mögen. Es stellte sich allerdings heraus, dass Dennen gar keine solchen Probleme hatte: Er wurde lange zu Hause beschult, erlebte wenig Restriktionen, und später hat er sich entschieden, nichts aus seinem Soziologie- und Philosophie-Studium zu machen – oder jedenfalls kein  klassischer Lehrer zu werden. Er wählte ein unabhängigeres Leben. Auf all seinen Alben ist dieser free spirit, das Suchen nach der größtmöglichen Freiheit und einem Leben jenseits konventioneller Zwänge zu spüren, am schönsten allerdings auf „Hope For The  Hopeless“.

Der Albumtitel stammt aus dem Song „Heaven“, in dem Dennen singt: „Heaven ain’t got no prisons/ No government, no business/ No banks or politicians/ No armies and no police.“ Imagine! Die sehnsüchtige, auch etwas quengelige Stimme suggeriert, dass es nicht leicht wird, aber möglich müsste es doch sein:„Is there a home for the homeless/ Is there hope für the hopeless?“ Und wär’s vielleicht sogar denkbar, dass das nicht erst im Himmel stattfindet, sondern wir es hier auf der Erde hinkriegen?Wie beruhigend, dass es sie 2021 noch gibt: Leute, die „Hippie“ nicht für ein Schimpfwort halten.

Dennen in der Tradition von Neil Young

Natürlich steht Dennen in der Tradition von Neil Young, hat bei Cat Stevens und Paul Simon genau  hingehört – und zimmert sich doch ein eigenes kalifornisches Folkpop-Paradies zurecht. Sein Wunsch, sagt Brett Dennen, sei schon immer gewesen, „Liebe, Hoffnung und Inspiration“ zu verbreiten, damit die Welt ein bisschen besser wird. Natürlich kann man das belächeln. Die meisten, die das tun, sehen allerdings nicht so glücklich aus wie Brett Dennen. Dessen positive Einstellung zieht sich nicht nur durch die Musik, sondern durch alle Aspekte seines Lebens, Engagement für diverse Umweltschutzorganisationen inklusive. Da auch er einen Lebensunterhalt verdienen muss, hat er sich nach angenehmen Möglichkeiten dafür umgesehen.

Unter dennengoods.com vertreibt Dennen seine Kunst, das Motto lautet „Live Well. Do Good“. Er malt bunte, fröhliche Bilder: Sonnen und Kakteen, Jerry Garcia und Willie Nelson. „Be the one who loves you the most“ steht auf  einem seiner Plakate. Und er ist unter die Weinbauern gegangen, stellt (gemeinsam mit professionellen  Winzern) kalifornische osés her. Die jüngste Sorte heißt „Vacationer“, weil sie wie ein Kurzurlaub schmecken soll. So viel Geschäftssinn kommt Ihnen nicht hippiemäßig genug vor?

Vielleicht ist es ja das wahre Ausleben der Ideale von Freiheit, Liebe, Frieden, Naturverbundenheit und alldem: sich eine Welt zu schaffen, in der das Arbeiten Freude macht und es keine Ausbeutung gibt. Wo jemand einfach nur das tut, was er liebt, und gleichzeitig keine Angst vor der nächsten Krankenhausrechnung haben muss. Musik, Bilder, Wein: Klar ist das auch Konsum, doch es sind die schönsten Güter der Welt. Und  diese Welt wird tatsächlich  immer ein bisschen besser, wenn ich  „Hope For The Hopeless“ höre.