Birgit Fuß fragt sich durch: Warum werden Mundart-Musiker nicht genug gewürdigt?


von
Birgit Fuß
Birgit Fuß

Dialekte sind was Feines, darauf können sich Kölner und Bayern, Hessen und Nordfriesen, sogar Schwaben und Sachsen einigen. Es wird nur problematisch, wenn man innerhalb Deutschlands den Standort wechselt. Als ich nach Hamburg umzog, wurde ich in den ersten paar Wochen häufiger sofort gefragt, wo ich herkomme, als in den acht Monaten, in denen ich davor in London gelebt hatte. Ich würde gern behaupten, dass ich keinen heavy German accent habe, aber daran lag es nicht – es gab in London einfach so viele Nationalitäten, dass es niemanden interessierte.

In Hamburg dagegen wurde ich viel zurechtgewiesen, also lernte ich, dass der Samstag Sonnabend heißt, das Wort „fei“ gar nicht existiert und Sätze auf Hochdeutsch plötzlich viel länger sind, weil „zusammen“ zwei Silben mehr hat als „zam“. Eine Art Entschleunigung. Auch verstand in Norddeutschland kaum jemand, was an Austropop so toll sein soll – von Falco und manchem Scherz-Hit von Rainhard Fendrich oder der EAV mal abgesehen. In den vergangenen Jahren hat sich das durch Wanda, Bilderbuch und so weiter etwas geändert, aber ich befürchte, ein gewisses Gefälle gibt es immer noch. Und das ist schade, denn eine der besten österreichischen Bands wird nördlich der Donau niemals richtig geschätzt.

Bitte bleiben Sie bei mir, wenn ich kurz ein Loblied auf STS singe, die Beschäftigung mit ihren Songs lohnt sich. Die Hymne auf den „Großvater“, die Erinnerung an die vermutlich durch Suizid gestorbene Freundin in „I hab di leben g’sehn“, das ziemlich männliche Entschuldigungsliebeslied „Mach die Aug’n zu“: Die Bandbreite ist groß, die Alben „Überdosis G’fühl“ (1984) und „Grenzenlos“ (1985) sind durchgehend großartig. Das Trio Gert Steinbäcker, Schiffkowitz und Günter Timischl wechselte so mühelos zwischen Sozialkritik und Romantik, wie es nur Hippies können.

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass neben dem Aussteigertraum „Irgendwann bleib i dann dort“ ausgerechnet „Fürstenfeld“ zum Hit wurde, der noch heute auf jedem Oktoberfest kaputtgespielt wird. Das war ja kein heimeliges Volkslied. Im Gegenteil, hier ging es um ein allzu naives Landei, das in der Großstadt nicht zurechtkommt. Und die Großstadt war nur Wien, nicht New York. Stumpfsinn und Borniertheit waren immer die Feinde von STS. Sie stemmten sich gegen Nationalismus („Das neue Vaterland“), Selbstgefälligkeit („Sie wissen all’s besser“) und Nostalgie („Guate alte Zeit“), bloß nichts gefallen lassen von den Spießern und Kleingeistern! In „I bin aus Öster- reich“ zählt Schiffkowitz all die Länder auf, aus denen seine Ahnen kommen, und wundert sich: „Immer wieder der selbe alte Kas’/ Blut und Boden, Volk und Rass’/ Reinrassig sein is wieder was wert/ Ja, samma vielleicht Hund’, oder bin i a Pferd?“ Sein „special blend“ sieht anders aus: „I bin die Wilde Sorte, da werd’n Braune bleich/
I bin aus Österreich.“

Die rührendsten STS-Stücke stammen aber doch von Steinbäcker – darunter das fast grobe Liebeslied „Zeig mir dein’ Himmel“ und „Kalt und kälter“, eine weitere Hymne gegen die Gleichgültigkeit, die man mit zunehmendem Alter abwehren muss: „I mecht lach’n, tanz’n, sing’n und röhr’n/ Angst und Schmerzen soll’n mi wieder würg’n/ Und die Liebe mecht i bis in die Zehenspitzen spüren.“ Er singt „Zechensbitz’n“, das klingt natürlich viel schöner.