Birgit Fuß fragt sich durch: Wie nutzen wir unsere Zeit sinnvoll?


von
Birgit Fuß
Birgit Fuß

Es ist Christi Himmelfahrt – dieser Tag, an dem viele Männer feiern, dass Jesus endlich zu seinem Vater durfte, indem sie Massen an Bier trinken –, als ich mal wieder das Album „I“ von Kid Kopphausen höre. Nils Koppruch und Gisbert zu Knyphausen hatten sich dafür mit einigen Freunden zusammengetan, im Sommer 2012 erschien das Debüt, und die Freude war groß. Dreizehn Lieder, in denen die beiden Songschreiber ihr Bestes zusammenwarfen, was dann doch noch mal was ganz anderes ergab.

Dann starb Nils Koppruch im Oktober 2012. Er war noch keine 47, aber den Quatsch, dass es viel zu früh war, spare ich mir hier, denn es ist ja niemals spät genug, wenn jemand geht, den wir hier noch so dringend gebraucht hätten. An all die Leute, auf die das zutrifft, denke ich an diesem seltsamen Feiertag. An die, die auf der Erde so sehr fehlen, auch wenn sie vielleicht nicht gleich zum Himmel emporgehoben wurden wie Christus. Alle hinterlassen Lücken, die nicht aufzufüllen sind, und Herzen, die vor Sehnsucht platzen möchten. Und mit Glück hinterlassen sie auch viel Liebe und große Dankbarkeit.

Es gibt ein Lied auf dem Kid-Kopphausen-­Debüt, das ich in den vergangenen zehn Jahren oft mitgesungen habe – wenn ich die Zeilen gerade mit jeder Faser fühlen konnte und erst recht, wenn es nicht so war. „Das Leichteste der Welt“ ist ein so wahrhaftiges Stück, dass ich gerade bedauere, dass ich es Ihnen nicht einfach sehr laut vorspielen kann. Es ist so lebensbejahend, dass es auch dunkle Momente ein bisschen heller macht. (In den allerdunkelsten hilft leider sogar Musik nicht immer, da muss man sich nichts vormachen. Aber vielleicht hilft einem, dass sie den Funken Hoffnung eingepflanzt hat, der einen durchhalten lässt.)

Jetzt geht mein Leben richtig los!

„Das Leichteste der Welt“ handelt von einer Art Wiedererweckung. Da fühlt sich ein Mensch endlich lebendig, er lernt alles von Neuem und genießt das: „Meine Hoffnung, meine Schuld/ Meine Leidenschaft, mein Feuer/ Meine Wut und meine Ungeduld/ Mein Nein und mein Vielleicht/ Und mein unbedingtes Ja/ Oh ja, ich will, oh ja, ich will.“ Sich wundern, die Welt mit neuen Augen sehen, mit offenen Armen annehmen – wenn das Klischees sein sollen, mir doch egal, solange es stimmt. Ich wünsche allen Leuten, dass sie mindestens einmal so einen Moment erleben, so ein Triumphgefühl: Jetzt geht mein Leben richtig los!

Das sind meine ewigen Lieblingszeilen: „Jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt/ Und man fummelt am Geschenkpapier rum und kriegt es nur mühsam wieder ab.“ Und wie dann von den Menschen die Rede ist, die lieben und lieben und lieben können, als wär’s das Leichteste der Welt. „Ich will einer von ihnen sein, oh ja, ich will, oh ja, ich will.“

Unsere Zeit hier ist viel zu kurz (s. o.), nutzen wir sie für das Wesentliche – auch wenn das wegen Arbeit, Ehrgeiz oder anderer Ablenkungen bisweilen eben doch schwer ist. „Wenn der Mensch mal sein Leben zusammenrechnet, dann zählen eigentlich nur Liebe, Güte und Hingabe“, hat ein kluger Mann gesagt. Danach kommt noch eine Strophe, die von der Macht der Musik erzählt, und das Lied wird dabei immer drängender, und mein Herz schlägt jedes Mal automatisch ein bisschen schneller, und es endet so: „Never mind the darkness, baby/ You will be saved by rock’n’ roll!“ Was sonst.