Birgit Fuß fragt sicht durch: Warum wird Ann Wilson unterschätzt?


von
Birgit Fuß
Birgit Fuß

Gute Leute müssen mit Lob für andere nicht geizen, Bruce Dickinson weiß das. Der Iron-Maiden-Sänger erklärte kürzlich in einer Radiosendung, wer seine Lieblingssängerin ist: Ann Wilson von Heart. Und warum? „Sie hat die erstaunlichste Stimme. Eine schöne Folk-Sängerin, eine fantastische Metal-Sängerin mit einer tollen scharfen Kante, makellose Technik. Ehrlich gesagt: Wir sind alle unwürdig.“ So weit müssen wir ja nicht gehen, aber etliche pflichteten Dickinson gleich bei. Warum also hat es Ann Wilson nie so richtig in den Kanon der größten Rocksängerinnen geschafft?

Dass ihre Band Heart nur zwei, drei große Hits hatte, kann nicht der Grund sein – so viele bekanntere Lieder gibt es von Janis Joplin oder Joan Jett ja auch nicht. Auf ihrem Debüt als Heart, „Dream boat Annie“ (1975), waren die Schwestern Ann und Nancy Wilson und ihre drei Kollegen noch relativ zahm, auf „Little Queen“ (1977 ) zeigten sie dann Zähne – und ihre Fähigkeit, mitreißende Rocksongs zu schreiben. Mit „Barracuda“ wüteten sie gegen ihr damaliges Label, das mit einer erfundenen Inzestgeschichte Aufmerksamkeit erregen wollte. „And if the real thing don’t do the trick/ You better make up something quick“, ätzte Ann. Weltweit erfolgreich wurden Heart mit Hochglanz-Hardrock und so unwiderstehlichen Liedern wie „If Looks Could Kill“ und „What About Love?“, doch nur die Hälfte von „Heart“ (1985) hatten sie selbst geschrieben.

Die Stärke der Band war nicht das Songwriting, sondern Anns Stimme – und die hat sie mit 72 immer noch. Als Chris Cornell 2013 Heart in die Rock and Roll Hall of Fame einführte, nannte er sie seine „hometown heroes“. Und er sagte etwas so Erstaunliches wie Wahrhaftiges über die älteren Kollegen aus Seattle: „Irgendwie war uns nie bewusst, dass Ann und Nancy Wilson Frauen sind – die authentisch in einer Welt existierten, die von Männern dominiert wurde.“ Er verzog das Gesicht ob der eigenen Dummerhaftigkeit und fuhr fort: „Sie haben einfach die sexistischen Barrieren eingerissen mit ihrer reinen, mutigen Rock’n’Roll-Power.“ Trotz der „einzigartigen Synergie dieser Schwesternschaft“ stellte er immer wieder Ann heraus, diese „Naturgewalt“. Sie selbst sah es so: „Ich hatte das falsche Geschlecht, das falsche Aussehen, die falsche DNA, die falsche Heimatstadt, um eine erfolgreiche Musikkarriere zu starten. Aber sind die schönsten Momente in der Musik nicht oft die, in denen es darum geht, was falsch ist? Ich bekam die Chance zu singen, und ich ergriff sie. Ich halte das nicht für selbstverständlich, sondern bin sehr dankbar.“

Nun sind wir schon im letzten Abschnitt dieses Textes angekommen und noch kein Wort zu Anns Gewicht! „Wuchtbrumme“ nannte man sie früher, als so was noch gesagt wurde und sogar ein Kompliment war. Doch auf Fotos wurde ihre Fülle kaschiert oder die dünne, blonde Nancy in den Vordergrund gerückt. Ann nahm Diätpillen und bekam Panikattacken, sie kokste und trank. Seit 13 Jahren ist sie nun trocken und rennt keinem Ideal mehr hinterher, doch der Stachel bleibt. Sie entsprach nie der Norm, sie steht immer etwas außerhalb. Auf ihrem aktuellen Album „Fierce Bliss“ singt sie in „Greed“: „I am feasting/ I am fasting/ Satisfaction/ Never, never lasting.“ Vielleicht haben Bruce Dickinsons Worte wenigstens ein bisschen Genugtuung gebracht.