Bob Dylan verwirrt Fans mit fingierten Vintage-Briefen und Essays auf Patreon

Für schlappe 5 Dollar im Monat gibt es „ein lebendiges Archiv mit Vorträgen aus dem Grab, nie abgeschickten Briefen und Kurzgeschichten“ – kuratiert von Bob Dylan.

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In den letzten Jahren hat Bob Dylan das Internet auf bizarre und unerwartete Weise für sich entdeckt. Über seinen offiziellen Twitter-Account wünschte er einer rätselhaften Person namens „Mary Jo“ alles Gute zum Geburtstag – er plane, sie in Frankfurt zu treffen –, schwärmte vom Dooky Chase’s Restaurant in New Orleans und berichtete, wie er in einem Prager Fahrstuhl einem Spieler der Buffalo Sabres über den Weg gelaufen sei. Sein Instagram-Account dient kaum zur Musikpromotion, sondern ist ein buntes Sammelsurium aus alten Videoclips: Les Pauls Auftritt bei einem Van-Halen-Konzert 1988, ein James-Cagney-Monolog aus dem Film-noir „White Heat“ von 1949 oder Machine Gun Kelly beim Freestyle-Rap in einem Plattenladen anno 2016.

Doch irgendwie hat er den Absurditätsgrad am Wochenende noch einmal deutlich übertroffen: Er teilte einen Link zu einem offiziellen Bob-Dylan-Patreon-Account, der Fans für 5 Dollar im Monat „ein lebendiges Archiv mit Vorträgen aus dem Grab, nie abgeschickten Briefen und originalen Kurzgeschichten, kuratiert von Bob Dylan“ verspricht. Zum Auftakt gibt es einen „nie abgeschickten Brief“ zwischen Mark Twain und dem Stummfilmstar Rudolph Valentino, angeblich verfasst von einem gewissen „Herbert Foster“.

„Sehr geehrter Mr. Valentino“, heißt es darin. „Ich ergreife die Feder unter Umständen, die jeden Kalender in Verlegenheit bringen und jeden Bestatter in Verwirrung stürzen würden, denn man sagt mir, dass wir beide das ehrenhafte Geschäft des Sterbens bereits hinter uns gebracht haben. Doch wenn Briefe Ozeane überqueren können, mögen sie vielleicht auch jene geringere Grenze überwinden, die die Lebenden von den historisch Verhinderten trennt.“ (Anzumerken wäre, dass Valentino 14 Jahre alt war, als Twain 1910 starb.)

Kurzgeschichten und Audio-Essays

Dazu gibt es eine siebenseitige Kurzgeschichte mit dem Titel „Bull Rider“, angeblich von einem „Marty Lombard“ geschrieben. „Der Bus spuckte mich irgendwo hinter Amarillo aus, Staub zwischen den Zähnen und ein Himmel, der sich so weit erstreckte, dass er mich auszulachen schien“, beginnt sie. „Ich hatte eine Reisetasche, zwei Hemden, ein Taschenbuch von ‚The Sea Wolf‘ mit einem Rücken, der gebrochen war wie die Knöchel eines alten Mannes, und einen Hunger, den man nicht mit Essen stillt. Sie sagten, in der Stadt sei ein Rodeo … einer dieser flimmernden, halb unwirklichen Orte, an denen Männer hinfahren, um abgeworfen zu werden und das Herrlichkeit zu nennen.“

Auch Audio-Essays wie „Last Testament of Frank James“ und „Aaron Burr: On the Art of Survival“ sind dort zu finden – Wochen, nachdem Dylan Ausschnitte davon auf Instagram gepostet hatte. Das Audio zumindest scheint KI-generiert zu sein.

Unnötig zu sagen, dass wir einige Fragen haben: Was genau bedeutet „kuratiert von Bob Dylan“? Ist er sowohl Marty Lombard als auch Herbert Foster? Gibt es wirklich ein Publikum für einen knapp einstündigen Audio-Essay in der Stimme von Wild Bill Hickok? Wurde KI eingesetzt, um diese Texte zu schreiben? Wer sind seine Mitstreiter bei diesem Projekt? Warum verlinkt seine offizielle Website nicht darauf? Wird er jemals etwas posten, das auch nur im Entferntesten mit seiner eigentlichen Musik zu tun hat? Würde seine treue Fangemeinde nicht lieber monatlich für Konzert-Downloads und unveröffentlichte Studioaufnahmen zahlen – statt für diesen … esoterischen Content?

Dylans laufende US-Tour

Wir werden den Patreon-Account weiter im Auge behalten und schauen, ob wir die eine oder andere dieser Fragen beantworten können. Unterdessen ist Dylan sechs Shows in eine ausgedehnte US-Tournee gestartet. Die frühen Abende wurden von Tonproblemen überschattet, die mit der Platzierung seines Mikrofons zusammenhingen – inzwischen scheinen diese aber behoben zu sein. Das Set dreht sich nach wie vor um Songs aus Dylans 2020er-Album „Rough and Rowdy Ways“, doch es gab auch einige Überraschungen: den „Oh Mercy“-Track „Man in the Long Black Coat“ von 1989 und Eddie Cochrans Klassiker „Nervous Breakdown“ von 1958. Kein einziger Song im Set stammt aus der Zeit vor Dylans Motorradunfall 1966 – er spielt aber „All Along the Watchtower“.

Die Tournee geht am Montagabend im Genesee Theatre in Waukegan, Illinois weiter. In seiner Freizeit schnappt sich Dylan vielleicht seine Schreibmaschine, schlüpft in die Rolle von Marty Lombard und schenkt uns einen weiteren „nie abgeschickten Brief“ zwischen zwei historischen Figuren, die sich in Wirklichkeit nie begegnet sind.

Andy Greene schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil