Bob Dylan wird 70. Maik Brüggemeyer über den Song „Catfish“


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Am heutigen 24. Mai wird Bob Dylan 70 Jahre alt. Aus diesem Grunde eröffneten wir bereits gestern unsere ausführliche Dylan-Berichterstattung – frei nach dem Motto: „Unseren täglichen Dylan gib uns heute.“ Gleichzeitig präsentieren wir das große Gewinnspiel von legacy-club.de. Ab sofort gibt es somit täglich eine Prise Dylan: Wir lassen alte Weggefährten zu Wort kommen, zeigen exklusive Fotografien, fragen namhafte Musikerkollegen nach ihren liebsten Dylan-Songs, überlassen ausgewiesenen Dylan-Experten das Wort undsoweiterundsofort.

Bob Dylan lernte ich am Lagerfeuer kennen. Ich weiß, das klingt schon sehr nach Klischee. Aber da klampfte keiner „Blowin‘ In The Wind“ (oder wie es im ökumenischen Liederbuch oft hieß: „How Many Roads“) – da war glücklicherweise überhaupt keine Gitarre in Reichweite. Es war auf irgendeiner Wiese zwischen den Feldern und Wäldern meines Heimatkaffs. Wir – zehn halbwüchsige Jungs der katholischen Jungkolping-Gruppe „Bullenschreck“ (wie gesagt, es war auf dem Land) – saßen vor unseren Zelten am Lagerfeuer und lauschten unseren Gruppenleitern Manni und Thomas.

Thomas las unheimliche und natürlich „wahre“ Geschichten von wieder auferstandenen Toten, alten Friedhöfen und mysteriösen Anhaltern aus einem Band des Heyne- oder Knaur-Verlages vor, und Manni erzählte von einem Song, der ihn anscheinend nicht mehr losließ. „Catfish“ hieß der. Gesungen von Bob Dylan. Der Name sagte mir was, denn ich hatte mir schon einige seiner Platten und sogar eine Biografie aus der Pfarrbücherei ausgeliehen. Aber was Manni da erzählte, war wirklich packender als alles, was ich bis dahin gehört oder gelesen hatte. „Da ist dieser Gauner, Catfish heißt der. So ein kleines Frettchen in einem weißen Anzug. Cooler Typ. Und der schleicht so durch die Stadt. Er hat all diese Tricks drauf. Der stielt dir deine Uhr oder sogar deinen Mantel, ohne dass du es merkst. Und er dreht dir komische Sachen an. Drogen, Schmuck, Pelze. Seltsamer Typ, wie gesagt, keiner wird schlau aus ihm. Aber mit ein paar Worten kriegt der jede Frau rum. Und immer, wenn er um die Ecke kommt, raunen schon alle: ,Catfish is coming.'“ Naja, so ungefähr – nur besser, witziger, spannender. An das Wort „Frettchen“ erinnere ich mich jedenfalls noch ganz genau.

Ich hörte danach Platte um Platte – immer auf der Suche nach Catfish. Stattdessen fand ich geheimnisvolle Typen wie Handy Dandy und Joey, Frankie Lee und Judas Priest, einen Mann im langen schwarzen Mantel und betörende Frauen wie Ramona, Joanna und Isis. Alle schienen ihre eigene fesselnde Geschichte zu haben, die nicht so sehr in den Wörtern, sondern viel mehr in der Stimme des Sängers lag. Deshalb war ich dann viele Monate später, nachdem ich Bob Dylans „Bootleg Series“ in der Bücherei entdeckt hatte und endlich auf „Catfish“ gestoßen war, auch keineswegs enttäuscht, als ich bemerkte dass der Song nicht von einem kauzigen Kleinkriminellen handelt, sondern von Jim „Catfish“ Hunter, einem Pitcher der New York Yankees – „Catfish, million-dollar-man,/ Nobody can throw the ball like Catfish can.“

Manni hatte sich die ganze schöne Geschichte also ausgedacht. Aber für die Faszination, die Bob Dylan auf mich ausübt, hat er damals genau die richtigen Worte gefunden.

Unser Redakteur Maik Brüggemeyer wird übrigens heute Abend im Amerikahaus in München am Diskussions- und Filmabend „Rambler and Gambler – Bob Dylan zum 70. Geburtstag“ teilnehmen.