„Karma’s a Bitch“: Boy George darüber, warum Culture Club ihren größten Hit mit KI neu eingespielt haben

Mehr als 40 Jahre nach „Karma Chameleon“ erklärt Boy George, dass es beim Rerecord um Kontrolle, Verhandlungsmacht und eine gerechtere Vergütung für Legacy-Artists geht.

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Mehr als 40 Jahre nach der Originalveröffentlichung haben Boy George und Culture Club ihren Charterfolg „Karma Chameleon“ neu eingespielt – mit KI, die die Stimmcharakteristik der Originalaufnahme von 1983 nachbildet. Neben digitalen Formaten erscheint die Single auch auf Vinyl in Rot, Gold und Grün, den im Song erwähnten Farben, mit neu gestaltetem Cover. Das Rerecord markiert den Start von Artist Included, einem Musiktechnologie-Unternehmen, das von Boy Georges Manager Paul Kemsley und dem Unterhaltungsanwalt und Filmproduzenten Jeremy Rosen mitgegründet wurde. Boy George fungiert als Creative Director.

Auf die Frage, warum er den Song neu aufgenommen hat, hat Boy George eine schlichte Antwort: „Kontrolle!“, sagt er dem ROLLING STONE. „Mitbestimmen, wohin er geht. ‚Karma Chameleon‘ ist eine Geheimwaffe. Ein Song, bei dem man das Publikum hungern lässt, weil es ihn unbedingt hören will – live war es immer ein echtes Vergnügen, ihn zu singen. Aber was er kommerziell bedeutet: Das ist, als hätte man etwas unglaublich Mächtiges mit dem eigenen Namen drauf, und man hat keinerlei Mitsprache darüber, wohin es geht.“

Der Anstoß für das Rerecord kam durch eine kommerzielle Sync-Lizenz für „Karma Chameleon“ mit Richard Branson für Virgin Voyages. Culture Club hatten 1982 bei Bransons Virgin Records unterschrieben, und Boy George hat seitdem eine enge Beziehung zum Unternehmer gepflegt. Laut Kemsley zahlte Branson für den Deal rund vier Millionen Dollar – zwei Millionen davon gingen an die Inhaber der Master-Rechte –, während Boy George lediglich eine Auftrittsgage erhielt, da er die Masters seines größten Songs nie besessen hat.

„Karma’s a bitch“, stellt Boy George fest. „Als wir diesen Song schrieben, dachten wir nicht 40 Jahre voraus. Wir dachten nicht an Langlebigkeit. Dieser Song ist wegen des Zeitgeists seiner Entstehung im kollektiven Gedächtnis geblieben. Er ist Teil des Lebens vieler Menschen geworden. Ihn jetzt in gewissem Maße wieder unter Kontrolle zu haben, ist sehr aufregend.“

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Die neue Version klingt wärmer und liegt im Mix etwas tiefer als das Original, bleibt diesem aber so treu, dass sie wie ein Remaster wirkt. Produziert wurde das Rerecord von JJ Blair und Culture-Club-Gitarrist Roy Hay, mit zusätzlicher Produktion durch den ursprünglichen Produzenten des Songs, Steve Levine. Vor der Session wurde die KI mit archivierten Demos trainiert, die Levine über Jahrzehnte aufbewahrt und für dieses Projekt lizenziert hatte. Die Instrumentierung wurde von Hay, Culture-Club-Bassist Mikey Craig und Session-Musikern neu eingespielt. Nur der Gesang ist KI-gestützt.

Kneipensänger seiner selbst

„Als ich ins Studio ging, um es aufzunehmen, war ich wie ein Kneipensänger, der sich selbst imitiert“, sagt Boy George. „Man hört, wo man die Dinge platziert [singt die erste Zeile von ‚Karma Chameleon‘]. Man hört, wo man die Stimme einsetzt: in der Nase, im Hals oder in der Brust. Was man mit 22 instinktiv macht, macht man mit 40 oder 65 nicht mehr. Da ist diese abgehackte Art zu singen, die man vergisst, wenn man den Song jahrelang live spielt. Es klang sehr europäisch und jugendlich. Ich habe ihn über die Jahre in eine viel bluesigere Richtung geführt, die Noten in die Länge gezogen. Es geht um die Nuancen. Wenn man etwas 40 Jahre lang live singt, verändert es seine Form. Es ist interessant, zur Originalaufnahme zurückzukehren und dieses Gefühl wieder einzufangen.“

Dem Original stimmlich nahezukommen ist für die meisten Musiker, deren Stimmen sich mit der Zeit verändern, eine echte Hürde. Artist Included brauchte 18 Monate, um die KI in den Griff zu bekommen. In der ersten Version klang Boy George wie „Pinky and Perky, zwei Schweinchen auf Helium in einem Zeichentrickfilm“, sagt Kemsley – eine Anspielung auf eine Kindersendung, in der die titelgebenden Figuren in hohen, schnellen Stimmen singen. Mittlerweile ist die Technologie ausgereift, und der Plan ist, den gesamten Back-Katalog von Culture Club und Boy George neu einzuspielen. Kemsley schätzt, das dauere zwei Wochen – also so lange, wie Boy George braucht, um jeden Song zu singen.

„Ich war ein Skeptiker“, gibt Boy George zu. „Ich dachte: ‚Das wird nie funktionieren.‘ Aber ich mag diese Version [von ‚Karma Chameleon‘] tatsächlich lieber. Für mich als die Person, die ihn ursprünglich gesungen hat und ihn noch einmal gesungen hat, ist das Schöne an dieser Version: Sie hat den Klang dieser Zeit, aber die Wärme, die Reife und die Integrität von allem, was ich in meinem Leben gelernt habe.“

Jahrzehnte ohne Masters

Kemsley, der Boy George seit 2014 managt, beschreibt das Projekt als Versuch, die seit Langem unausgewogene Wirtschaft der Musikindustrie neu auszutarieren. „Diese Platte macht seit fast 45 Jahren Millionen von Dollar – aber nicht für George“, sagt Kemsley. „Das Ganze erscheint zutiefst ungerecht. Man unterschreibt sein Leben mit 22 weg, wartet dann 35 Jahre auf die Rechterückgabe, bekommt aber immer noch keine Einnahmen aus den Master-Aufnahmen. Im Laufe der Jahre versuchen Bands, ihre Masters zurückzubekommen, und es gelingt ihnen nie, weil die Major-Labels behaupten, es handele sich um sogenannte Work-for-hire.“

Zum besseren Verständnis: Ein Plattenlabel besitzt oder kontrolliert häufig die Master-Rechte an einer Aufnahme – ein Vertragspunkt, der beim Signing des Künstlers festgelegt wird. Das betrifft die Aufnahme selbst; Text und Komposition sind ein völlig eigenständiges Recht, das als Publishing bezeichnet wird und im Gegensatz dazu an der Komposition hängt – und damit den Song durch jede neue Einspielung begleitet. Rerecords schaffen daher einen neuen Master und können dem Publishing zugutekommen, indem sie den Künstler neu ins Gespräch bringen und das Interesse am zugrunde liegenden Werk neu entfachen.

Bei Rerecords sind viele Künstler für einen bestimmten Zeitraum vertraglich daran gehindert, eine neue, originalgetreue Version zu veröffentlichen. Langjährige Künstler berufen sich mitunter auf Section 203 des US Copyright Act, um ihre Masters nach 35 Jahren zurückzufordern. Erfolg haben sie damit selten, da Plattenfirmen die Masters häufig als Work-for-hire einordnen.

Der Künstler bekommt den Löwenanteil

Bei Artist Included ist die Struktur so gestaltet, dass der Künstler den Löwenanteil der Einnahmen erhält. „Die Industrie, in der ich tätig war, existiert nicht mehr“, stellt Boy George fest. „Von Künstlern wie mir wird erwartet, dass wir trotzdem weiter nach diesem Modell arbeiten. Das habe ich seit Jahren nicht mehr getan. Ich habe immer gesagt, ich bin der Einzige, dem klar ist, dass die Achtziger vorbei sind. Man will den Geist dieses Moments in gewissem Maße bewahren, aber man zieht weiter. KI ist nicht mehr wegzudenken – diese Möglichkeiten offen zu diskutieren ist aufregend. Und dem Spiel einen Schritt voraus zu sein, wie Menschen sie nutzen, ist für mich ebenfalls ziemlich aufregend.“

Angesichts der unschönen Trennung von Culture Clubs ehemaligem Schlagzeuger Jon Moss, die in einem kostspieligen Vergleich endete, haben Rerecords ihrer Songs auch den praktischen Vorteil, dass seine Zustimmung zur Nutzung der Original-Masters nicht mehr erforderlich ist – obwohl alle vier Bandmitglieder als Songwriter kreditiert sind.

„Er bekommt trotzdem etwas davon“, stellt Boy George klar. „Jon ist Teil dessen, was wir [damals als Band] gemacht haben.“ Kemsley betont jedoch schnell, dass Moss kein Teil dessen ist, was sie jetzt mit den Rerecords tun, und keinen Anteil daran beanspruchen kann. Die Band wird mehr Publishing-Einnahmen sehen, und als kreditierter Songwriter wird Moss weiterhin Publishing-Erlöse erhalten – an den neuen Master-Einnahmen ist er jedoch nicht beteiligt.

„Do You Really Want to Hurt Me“ als Nächstes

Der nächste Song in der Warteschlange ist ein weiterer Culture-Club-Klassiker: „Do You Really Want to Hurt Me“. Die KI von Artist Included ist dafür bereit, da Boy Georges Stimme bereits für das Training gespeichert wurde. Das Unternehmen befindet sich außerdem in Gesprächen mit Verlagen und anderen Künstlern, hauptsächlich aus den Achtzigern und Neunzigern – Namen werden jedoch noch nicht genannt. Kemsley sagt, die Gespräche seien kein schwieriger Verkauf gewesen.

„Die Menschen werden auf das reagieren, was sie sehen und hören“, sagt Boy George. „Es ist viel wirkungsvoller, wenn sie es veröffentlicht sehen und erleben, was passieren kann.“

Kemsley weist darauf hin, dass Boy George einen Tag vor der Veröffentlichung des neuen „Karma Chameleon“ 65 wird – das Rentenalter in Großbritannien. „Wir gehen nicht in Rente“, stellt Kemsley klar. „Ganz im Gegenteil. Wir gehen zurück zum Anfang und machen alles noch einmal. Wir werden die Art und Weise verändern, wie Einnahmen zum Künstler fließen. Und wir werden dabei richtig Spaß haben.“

Lily Moayeri schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil

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