Britney feiert Geburtstag – Joachim Hentschel gratuliert


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Leider habe ich Britney Spears nie selbst getroffen, aber Ende der 90er-Jahre kannte ich zwei Mädchen, die so tanzen konnten wie sie. Zwei aus Franken stammende Studentinnen, beide Ende 20, die kurz vor Ende des Jahrtausends – alles ging damals zu Ende – auf Tübinger Wohnheimpartys oft die Choreografie aus Britney Spears’ seinerzeit aktuellem Video „Sometimes“ aufführten.

Das Original spielte am Strand von Malibu, die Imitation war weniger sonnig (Studentenfeste sehen in echt ja nie so blaulichtig-rauschend aus wie im Kino) – und natürlich taten die zwei Nachtänzerinnen immer so, als wäre sie dabei besoffen und ironisch, denn ironisch waren Ende der Neunziger ja jede Milchtüte und jeder Minigolfschläger. Die Wirklichkeit sah natürlich ganz anders aus: Britney Spears, die damals 16 oder 17 war, gab ihnen die wahnsinnige Freiheit. Die wahnsinnige Freiheit, nochmal klein zu sein, sich selbst in die Barbie-Puppe zu verwandeln, für die man schon mit zehn Jahren zu alt war. Britney Spears war der erste echte Vollzeit-Berufsteenager der Popgeschichte. Und wir alle nahmen ihre Dienste gern in Anspruch, ob wir’s zugeben wollen oder nicht.

Lang ist das alles her, lange. Britney, das Ex-Disney-Girl, hat durch die Jahre immer wieder die eigenen, psycho-biologischen Lebensphasen, in denen sie sich gerade befand, in Videos und auf Fotos nachgespielt. So extrem verstärkt und überzeichnet, dass sie dabei immer wieder zum Sinnbild werden konnte: zum Schulmädchen mit hochgeknoteter Bluse, zur Lolita auf dem Fahrrad, zur Millenniums-Astronautin im roten Gummianzug, zur sexuell erweckten Gerade-nicht-mehr-Jungfrau mit Schweißperle auf dem Rücken, zur Stewardess (Generation Praktikum?), die unter dem Dress eine Schlangenfrau ist.

Umso anstrengender, dass sie gleichzeitig – fernab dieser fast klassischen Verkleidungsspiele – auch zum ultimativ gläsernen Postar wurde. Das Internet und die Cyber-Paparazzi-Kultur wurde mit ihr erwachsen, half ihr in den naiven Jahren, verschlang sie in den schwierigen. Die Fotos der kahlrasierten Britney, der Blick unter den Rock, das millionenfach geklickte und ebenso oft verhöhnte Video von ihrem Comeback-Auftritt bei den MTV Music Video Awards 2007 – ikonenhafte Momente, die auf lange Sicht definiert haben, wie der Abstieg eines Superstars heute auszusehen hat.

Umso schöner, dass wir Britney Spears zu ihrem 30. Geburtstag ohne größere Bedenken gratulieren könne. Sie hat sich bestens gefangen, hat Anfang 2011 mit „Femme Fatale“ ihr musikalisch bestes Album herausgebracht, eines, das man auch ganz ohne Ironie hören kann. Sie ist in der Phase des Alterswerks angekommen, mit 30, nur wenige Jahre älter, als es seinerzeit meine zwei Studienfreundinnen waren. Eine Diva in den Herbstjahren, die sicher bei einem Glaserl Punsch lachend erzählen kann, wie es damals war, 1998, mit den rosa Unterhosen und den CD-Signierstunden im Tower Records Store in LA, den es längst nicht mehr gibt.

Herzlichen Glückwunsch, Britney Spears! Und sei nicht so streng mit dem jungen Gemüse.