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ROLLING-STONE-Porträt

Courtney Barnett: Hoffnung des Rock’n’Roll

In einem Kreuzberger Hinterhofclub drängeln sich junge Frauen vor der Bühne, und Best-Ager-Männer wippen in den hinteren Reihen mit ihren ergrauten Köpfen. Die Sängerin gurrt zu einem Velvet-Underground-Riff in Patti-Smith-Manier: „Indie rock is full of privileged white kids/ I know because I’m one of them.“ Und dann erzählt sie in diesem Lied, dass sie mit ihrer Freundin auf Tour gewesen sei und ihr zugesehen habe, wie sie eine Karriere machte, von der andere nur träumen können, mit Frühstücks­­büfetts auf der Terrasse und jungen bebrillten Männern in Sweatshirts im Publikum.

„But it’s exhausting up here on the sur­face“, murrt sie leicht verächtlich, Erfolg sei ein glitschiger Aal, der nicht aufhöre zu zappeln, mit Musik habe das alles nichts zu tun. Und nach einem Seitenhieb auf die Kritiker („Most critics are pussies who want to look cool/ Those who can, they do/ Those who can’t review“) bricht am linken Rand der Bühne ein Gitarren­orkan los, in dessen Auge dieser Indie-Club plötzlich zum Mittelpunkt der Welt wird.

Die junge Frau, die diesen Sturm entfacht hat, steht mit hängenden Schultern im Halbdunkel, ein Vorhang aus dunklen Haaren verdeckt ihr Gesicht. Sie will offensichtlich nicht auffallen und tut es mit ihrem Spiel doch über alle Maßen. Sie ist die Freundin der Sängerin. Die mit den Frühstücks­büfetts und dem Erfolg, der angeblich nichts mit der Musik zu tun hat.

Kooperation

Sie heißt Courtney Barnett, ist 30 Jahre alt, lebt im australischen Melbourne und ist in den vergangenen fünf Jahren zur neuen Hoffnung des Rock’n’Roll geworden. Ja, diese Formulierung klingt wie aus einer anderen Zeit, aber das tut ihre Musik auch: nach den frühen Neunzigern, als „privileged ­white kids“ aus den Vororten aus Langeweile aufregende Musik spannen.

Alles begann mit ihrer zweiten EP, „How To Carve A Carrot ­Into A ­Rose“, die 2013 auf dem Label Milk! Records erschien, das sie im Jahr zuvor für die Veröffentlichung ihrer ersten EP, „I’ve Go A Friend ­Called Emily Ferris“, gegründet hatte. Genauer gesagt mit dem Song „Avant Gardener“, in dem sie mit breitem aus­tralischen Akzent von einem Asthmaanfall bei der Gartenarbeit erzählt, ein Krankenwagen muss kommen. „The paramedic thinks I’m clever cos I play guitar/ I think she’s clever cos she stops peop­le dying“, singt Barnett da wie ein Jonathan Richman auf Valium und schließt dann trocken mit der Zeile „I’m not that good at breathing in“.

Die Musik war gut, aber vor allem die slackerhaft vorgetragene launige Geschichte dürfte das Lied durch die sozialen Medien getragen haben. Das Label Marathon fasste die beiden EPs auf einer Platte zusammen und sorgte für einen weltweiten Vertrieb. Und mit „The Double EP: A Sea Of Split Peas“ gelang Barnett tatsächlich schon der Durchbruch. Der Weg für das Debüt­album war bereitet. „Some­times I Sit And Think And Some­times I Just Sit“ schaffte es 2015 in Australien in die Top Ten, in Großbritannien und den USA immerhin in die Top 20. In Deutschland reichte es zwar nur für Platz 73, aber durch die kleinen Indie-­Clubs muss sie eigentlich auch hier nicht mehr tingeln.

Courtney Barnett

Sie tut es in der Band ihrer Lebensgefährtin, Jen Cloher, aber sehr gern. „Es hat mir immer Spaß gemacht, mit ihr zu spielen“, sagt sie am Morgen vor dem Konzert. Sie sind über Nacht aus Hamburg angereist, und der Rest der Band schläft noch. „Es ist schön, wenn man alles in den Dienst der Songs und der Stimme eines anderen Künstlers stellen kann. Besonders natürlich, wenn es jemand ist, den man liebt. Und im Studio singt Jen mir bei den Aufnahmen immer vor, was ich spielen soll, das hat mich sicherlich zu einer besseren Gitarristin gemacht.“

Im Alter von acht oder neun Jahren bekam Barnett von ihren Eltern ihre erste Gitarre geschenkt. Ihr musikalischer Schatz, den sie sich mit ihrem Bruder teilte, bestand damals aus fünf CDs: Zwei waren von Nirvana, eine war der Soundtrack zu „Batman For­ever“ mit, so erinnert sie sich, Seals Schmachtfetzen „Kiss From A ­Rose“. Im Jugend­zimmer hingen Poster von Kurt Cobain und Bilder von Surfern. Sie sei eine heimliche Surferin gewesen („a closet surfer“), sagt sie. „Ich ­bin nie selbst gesurft, aber ich habe Surf­magazine gelesen. So wie es bei den Go-­Betweens heißt: ,We used to wet our fingers on surfing maga­zines.‘ Ich liebe diesen Song.“

Es waren australische Bands und Songwriter wie eben die Go-­Betweens, die Triffids, die Luck­smiths, Paul Kelly und Darren Hanlon, die sie mit Anfang 20 durch ihr Storytelling zum Liederschreiben inspirierten. Damals spielte sie in der Garagen­rock-Band Rapid Transit und bei Immigrant Union, dem Songwriter-­Projekt des Dandy-­Warhol-Schlagzeugers Brent De­Boer. „Ich war immer in irgendwelchen Bands und spielte dauernd Konzerte, wenn ich nicht gerade in Kneipen arbeitete“, sagt sie. „Und wenn ich hinterm Tresen stand, spielte auch immer irgend­eine Band.“ Ihr Leben habe sich ­also in den vergangenen Jahren nicht grundlegend verändert.

„Tagsüber habe ich Zeit für mich, abends verdiene ich Geld. Das ist jetzt auch nicht anders. Nur dass ich eben nicht in Melbourne spiele, sondern (macht mit ihren Armen eine Bewegung, die sich nicht recht zwischen ausladend und resignierend entscheiden kann) überall. (Lacht) Und das ist toll, weil man so sehr viel von der Welt sieht. Ich bin jetzt 30. Wer weiß, ob mich das nächste Album wieder so um die Welt führt oder ob ich mich wieder mehr in den Kneipen von Mel­bourne rumtreiben werde. Ich muss jetzt alle Galerien und Museen in den Städten, die wir besuchen, mitnehmen, solange ich noch kann.“

Frauen sind entweder böse Hexen oder harmlose Jungfrauen

Das war natürlich scherzhaft gemeint. Aber ein gewisser Druck scheint nach dem schnellen Erfolg durchaus auf ihr zu lasten. Sie hat sich vorsichtshalber schon auf ihrem Debüt im furiosen „Pedestrian At Best“ gegen zu hohe Erwartungen gewappnet: „Put me on a pedestal and I’ll only disappoint you“, singt sie da. „Tell me I’m exceptional, I pro­mise to exploit you.“ Gefragt, ob der Erfolg sie verändert habe, zuckt sie mit den Schultern. „Keine Ahnung. Nicht großartig, glaube ich. Ich habe ein bisschen was gelernt und beobachtet, mehr nicht.“

Spürt sie die vielen Augen- und Ohrenpaare nicht, die mittlerweile auf sie gerichtet sind? „Natürlich denke ich daran, dass ich die Lieder nicht mehr nur für mich und ein paar Freunde schreibe, die bei Konzerten eine gebrannte CD kaufen oder so, sondern dass viel mehr Leute sie hören werden und sich ein Urteil darüber bilden“, sagt sie. „Doch diesen Gedanken muss man abschütteln, sonst kann man nicht schreiben. Aber natürlich denkt man darüber nach. Über diese seltsame Wirklichkeit.“

Wie der eingangs zitierte Song, „Shoegazers“, schon nahelegt, war der Erfolg auch für die Beziehung zu ihrer Freundin Jen Cloher eine Belastungsprobe. Die 44-Jährige hatte Mitte der Nullerjahre mit ihrer Band The Endless Sea in Australien durchaus Erfolg, doch plötzlich war sie in der Presse vor allem „die Freundin von Courtney Barnett“. „Das war natürlich schwierig, aber wir haben nach einigen Hochs und Tiefs einen Weg gefunden, damit umzugehen“, sagt Barnett und zögert kurz. „Es ist immer noch problematisch.“

Eher Richtung Avantgarde als Richtung Narration

„Lotta Sea Lice“, das im Oktober 2017 erschienene Album, das sie in den vergangenen zwei Jahren über mehrere Monate hinweg eher beiläufig mit dem amerikanischen Songwriter und Gitarristen Kurt ­Vile aufgenommen hatte, sei ein Glücksfall gewesen, so Barnett. So ohne Erwartungshaltung spontan vor sich hin zu spielen habe den Druck aus der Karriere­planung genommen. Es dürfte zwischenmenschlich auch geholfen haben, dass sie Clohers „Fear Is ­Like A Forest“ auf dem Album unterbringen konnte, um ihrer Freundin zu zeigen, dass Erfolg vielleicht nichts mit Musik zu tun hat, aber durchaus förderlich sein kann, wenn man gute Songs unter die Leute bringen will.

Danach war Barnett bereit für ihr zweites Soloalbum, das sie im aus­tralischen Winter 2017 (bei uns war also Sommer) in Melbourne mit ihrer Tourband aufnahm. Es trägt den leicht spöttischen Titel „Tell Me How You Really Feel“. Klingt eher nach Cloher als nach Barnett. „Jen ist natürlich eine große Inspiration, für alles, keine Frage“, sagt sie. „Und die Hälfte der Zeilen auf meinem Album basiert vermutlich auf irgendwas, das sie mal gesagt hat. Aber es ist sicher keine Antwortplatte auf ihr letztes Album, auch wenn viele Leute das vermuten und mich danach fragen. Ich muss auch immer wieder daran erinnern, dass Jen keine Songs über mich geschrieben hat, sondern über sich und darüber, wie sie mit der Situation umging, dass wir so viel getrennt waren, weil ich ständig unterwegs war und so weiter.“

Der Erfolg und die Folgen haben ihren Liedern definitiv etwas von der Leichtigkeit und Unschuld genommen, die man früher bei ihr hörte. Die neuen Songs sind bei aller gefälligen Lässigkeit im Vortrag doch um vieles dunkler, reflektierter und assoziativer, dabei weniger anekdotisch und erzählend. „Das habe ich nicht absichtlich so gemacht“, sagt Barnett. „Vielleicht liegt es daran, dass ich unterschiedliche Schreibtechniken ausprobiert habe. Freewriting und solche Sachen. Und die Texte für das neue Album bewegen sich wohl alle eher in Richtung Avantgarde als in Richtung Narration. Ich schätze, mir sind einfach keine guten Geschichten eingefallen, die interessant genug gewesen wären, um sie zu erzählen.“

Klingt nach einer kleinen Krise.
Ach, da zeigt sich einfach, wo ich so mit meinen Gedanken war, als ich das geschrieben habe.
Wo warst du denn mit deinen Gedanken?
Keine Ahnung. Überall. (Lacht verlegen)
Das erklärt zumindest eine gewisse Sprunghaftigkeit in den Songtexten.
Weißt du, woher das kommt? Von der Schreibmaschine. Meine Ex sammelt Schreibmaschinen und hat mir vorletztes Jahr zu Weihnachten ­eine geschenkt. Meine Mutter hatte früher auch eine, und als Kind habe ich es geliebt, darauf rumzutippen. Ich ­habe immer irgendwelche Geschichten aufgeschrieben. Und als ich dann dieses Geschenk bekam, habe ich mich wieder drangesetzt. Mir hat die Langsamkeit gefallen. Das ist eine andere Geschwindigkeit, als wenn man mit der Hand schreibt oder mit einem Computer. Man denkt dann auch anders.
Es ist ein rhythmisches Schreiben. Ich muss immer an Bob Dylan in „Don’t Look Back“ denken: Tack-tack-tack.
Ja, es ist rhythmisch, und weil meine Finger nicht schnell genug waren, hatte ich meist einen Gedanken gerade halb aufgeschrieben, und da kam schon der nächste. Deswegen bestehen manche Strophen aus zwei halben Gedanken und wirken etwas unzusammenhängend. Das war ­eine lustige Übung, und mir gefällt diese Schräglage des Ganzen. Wenn ich es mir anschließend noch mal durchgelesen habe, habe ich gedacht: Wovon spricht diese Person denn da bloß?
Der Titel des ersten Songs ist bereits ein schräges Kompositum: „Hopefulessness“.
Stimmt.
Er klingt tatsächlich ein bisschen nach fehlender Hoffnung. Das ­Album beginnt an einem emotio­nalen Tiefpunkt.
Lange war das der letzte Song des Albums, aber ich dachte, es ist besser, die Leute mit einem solchen Song zu begrüßen und sie dann hoffnungsvoll zu entlassen. Deswegen ist „Sunday Roast“ jetzt der letzte Song. „Keep on keepin’ on/ Y’know you’re not ­alone“: Das ist ein schöner Abschluss, und so führt das Album vom Dunkel ins Licht.
Aber es ist schon ein etwas gedimmtes Licht.
Ich wollte eigentlich immer dunkles Zeug machen und bin dann eher aus Versehen bei so schimmernden Popsongs gelandet. Bevor wir ins Studio gegangen sind, habe ich „Eraserhead“ von David Lynch gesehen. Ich habe dann immer zu Dan (Lus­combe, Gitarrist, Keyboarder und Koproduzent des Albums) gesagt: „Lass es mehr nach ,Eraserhead‘ klingen!“ Ich meinte damit: seltsamer, dröhnender, leiernder. Das kann man bei einigen Songs auf der Platte hören. Auf Jens letztem Album habe ich die Gitarre oft mit dem Bogen gespielt. Das klang fantastisch. Man spielt einen Akkord, und es klingt wie ein ganzes Orchester. Das habe ich auf „Hopefulessness“ beispielsweise auch gemacht.

Du hättest dir nach dem Erfolg des letzten Albums sicher auch ein Streicherensemble leisten können.
Vielleicht. Ich wollte aber nichts Extravagantes auf dieser Platte. Nur ein paar Effektpedale für die Gitarre, um die Soli ein wenig seltsamer klingen zu lassen.
Eigentlich wollte ich darauf hin­aus, dass die neuen Songs ein bisschen ernsthafter und dunkler sind. Aber du hast die Unterhaltung von deinen Gedanken ­irgendwie auf Effektpedale ­gelenkt. „Tell Me How You Real­ly Feel“ hat mich stellenweise an die widerständigen Platten erinnert, die Alternative-Musiker in den Neunzigern nach ihrem ersten großen Erfolg gemacht haben. Sagen wir „In Utero“ von Nirvana oder „­Wowee Zowee“ von Pavement.
Ich war sicher in einer eher dunklen Stimmung. Ich scheue mich nicht, das zu sagen. Aber wenn ich mich daran erinnere, wie ich die Songs für meine ersten EPs und mein erstes Album geschrieben ­­habe, kommt es mir vor, als ­wäre ich auch da schon eher dunklen Mutes gewesen. Ich glaube, wenn ich allein mit meinen Gedanken bin, bin ich immer ein bisschen pessimistischer. Für mich fühlen sich die neuen Songs wie eine natürliche Fortsetzung dessen an, was ich davor gemacht habe.
Der Zustand, den du in „Crippling Self-Doubt And A General Lack Of Self-Confidence“ beschreibst, ist also nichts Neues für dich.
(Lacht) Nein, absolut nicht.
Aus dem Song stammt auch der Titel der neuen Platte.
Ja, ich habe festgestellt, dass ich bei Interviews auf konkrete Fragen zu meinen Gefühlen oft mit Schulterzucken und einem „I don’t know“ geantwortet habe. Daher die Zeilen „Tell me how you really feel/ I don’t know anything“. Meist werde ich mir überhaupt erst durch Interviews bewusst darüber, welche Gefühle eigentlich hinter einem bestimmten Song stecken.
Du solltest also eigentlich für die kostenlosen Therapiestunden, die wir dir geben, bezahlen.
Ja, das stimmt. (Lacht) Danke, dass du an diesem Experiment teilnimmst!
Okay, stell dir einfach vor, ich rauche eine Pfeife wie Sigmund Freud. Was steckt hinter einem Gefühlsausbruch wie „I’m Not Your Mother, I’m Not Your Bitch“?
Das ist wohl eindeutig. Da steckt ­eine Menge Wut drin. Über wen, spielt keine Rolle. Der Song kam in einem Rutsch. Das ist wahrscheinlich der „In Utero“-Song auf dem Album. Ganz sicher einer meiner Favoriten.

Ich bin ausgerastet, weil ich darüber nachdenken muss, ob es gefährlich sein könnte, allein nach Hause zu gehen

War das der einzige Song, der dir so leicht von der Hand ging?
Ja, an den anderen habe ich ewig gearbeitet. Mein Ziel war es, über den Punkt hinauszugehen, an dem ich früher aufgegeben habe. Einfach weiterzuschreiben.
In „Nameless, Faceless“ singst du über die Angst, als Frau nachts ­allein durch einen Park zu gehen, und stellst dir einen Typen vor, der dort Frauen auflauert. Beruht das auf eigener Erfahrung?
Ich habe die Songs für das neue Album in einem alten Lagerhaus geschrieben, in dem wir mit Milk! Records eingezogen sind. Wenn ich in Mel­bourne bin, pendle ich immer zwischen meiner Wohnung und dem Büro. Und da ich meist den ganzen Tag über prokrastiniere und erst gegen Abend produktiv werde, wurde es manchmal etwas später. Und einmal bin ich heimgelaufen, als es schon dunkel war, und es regnete, und Jen war total besorgt und sagte, als ich heimkam: „Ruf das nächste Mal einfach an, dann hole ich dich ab!“ Und da bin ich wirklich ausgerastet, weil ich darüber vorher noch nie nachgedacht hatte. Ich war wütend, dass ich darüber nachdenken muss, ob es gefährlich sein könnte, allein nach Hause zu gehen – ja, dass jeder darüber nachdenken muss.
Du zitierst in dem Song einen Ausspruch von Margaret Atwood: „Männer haben Angst davor, dass Frauen über sie lachen, Frauen haben Angst davor, dass Männer sie töten.“ Das Thema männliche Gewalt und Machtausübung ist ja gerade virulent. Hast du das in der Musikindustrie auch erlebt?

Courtney Barnett
Courtney Barnett

Diese männliche Macht ist da omnipräsent. Ich habe lange Zeit einfach akzeptiert, dass es so ist. Es ist seltsam, dass man mit dem Wissen aufwächst, dass es das gibt und dass es sich nicht ändern wird. Es gab einige Gelegenheiten, bei denen Männer wirklich unverschämt zu mir waren, aber anstatt mich zu verteidigen und denjenigen zur Rechenschaft zu ziehen, habe ich mich höflich verneigt und so getan, als wäre es kein großes Ding. Und als ich irgendwann erkannt habe, dass ich so reagiere, hat mich das total wütend gemacht. Das ist nur ein kleines Beispiel dafür, wie sehr das zum Alltag gehört.
Viv Albertine von den Slits hat neulich zu dem Thema einen Text für den ROLLING STONE geschrieben. Sie schrieb, die Männer hätten sich nicht getraut, die Slits anzufassen, weil sie Angst vor ihnen gehabt hätten.
Es scheint nur zwei Möglichkeiten zu geben, wie Frauen in diesem Geschäft wahrgenommen werden: als böse Hexen oder harmlose Jungfrauen.
Viv Albertine hat auch geschrieben: „Mädchen, wenn Ihr auf keinen Fall in Situationen geraten wollt, in der Ihr vielleicht sexuell missbraucht werdet, dann hört auf, Teil dieser Gesellschaft zu sein!“ Ihr habt mit Milk! Records eine eigene Infrastruktur geschaffen: ein von Frauen geführtes Label für vornehmlich weibliche Künstler. Geht man so männlichem Machtmissbrauch aus dem Weg?
Es geht nicht um Infrastrukturen, sondern darum, Einstellungen zu verändern. Und zwar so zu verändern, dass alles wie ein großer Organismus funktioniert. Zu glauben, dass es zwei getrennte Welten geben muss, finde ich problematisch. Es ist ein langer und vielleicht auch unrealistischer Weg, bis sich die Strukturen so weit verändert haben, dass wir darüber nicht mehr reden müssen. Vielleicht dauert es noch ein, zwei Generationen. Kann aber auch sein, dass ich da zu pessimistisch bin.
Beschäftigst du dich mit Feminismus?
Ich habe gerade das erste Buch von Maya Angelou gelesen: „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“, in dem sie erzählt, wie es war, als schwarzes Mädchen im amerikanischen Süden aufzuwachsen. Ich habe vor einer Tour immer die grandiose Idee, ganz viel zu lesen, und dann schaffe ich doch nur so viel (zeigt mit Daumen und Zeigefinger einen Umfang, der etwa 50 Seiten entspricht). Aber Maya Angelou habe ich als Hörbuch, gelesen von ihr selbst. Das ist gut, weil man anders als beim Selbstlesen nicht autokrank wird.
Heute ist das letzte Konzert der Tour. Wie ist das, wenn ihr wieder nach Hause kommt, fällst du dann in ein Loch?
Es gibt definitiv so was wie Post-Tour-Blues, ja. Wir haben mal eine Tour mit Milk! Records durch Australien gemacht, und meine Freundin Ce­leste, die in einer Punkband namens Ouch My Face spielt, brachte es am ­Ende sehr originell auf den Punkt: „Oh, jetzt bekomme ich nicht mehr für alles, was ich mache, Applaus! Und niemand füttert mich mehr! Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll!“ Das fand ich lustig. Aber man gewöhnt sich an dieses seltsame Leben. Ich kann mit der Post-Tour-­Depression inzwischen ganz gut umgehen.

Roberto Ricciuti Redferns

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