James Last im Porträt: Der Mann mit dem rauchenden Kult

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James Last im Porträt: Der Mann mit dem rauchenden Kult

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James Last ist tot, der Komponist und Bandleader verstarb am 9. Juni in Florida. Last wurde 86 Jahre alt. Sein Comeback feierte er bereits 2004 – als HipHop-Freund. Joachim Hentschel traf James Last damals. Das ROLLING-STONE-Porträt:

Der Mann mit dem rauchenden Kult

Der Hansi, unser Hansi. „He looooves music. And he pays your check!“ Chuck Findley, ein Bär mit Bauch, erster Trompeter, hält sich beide Hände ans Gesicht und macht eine rätselhafte Geste: Scheuklappen, die sich vor- und zurückbewegen. „Wenn man als Kind mit der Musik anfangt, dann geht es erst mal nur um den Spaß. Und bei Hansi…“ – sein einziges deutsches Wort, Hansi, kein Kumpel-amerikanisches hansy – „bei Hansi ist das heute noch so. Der hat Spaß. Ob er eine Polka spielt oder ‚Mamma Mia‘ von ABBA oder…“

Es ist halb drei, der Barkeeper ist eben ins Bett gegangen. Findley und der schwedische Posaunist Anders Wiborg lassen die letzte Lampe in ganz Bad Neuenahr noch ein paar Minuten brennen, bis die Gläser auch wirklich leer sind. „Oh, you’re so lucky!“ sagt Wiborg immer wieder. Und schüttelt dabei den Kopf, als könne er selbst nicht glauben, dass man mitten in der Nacht in einer Hotelbar am absoluten Arsch der Welt einfach so Chuck Findley treffen kann. Den Mann, der auf „Goat’s Head Soup“ von den Rolling Stones trompetet hat, auf „The Royal Scant“ von Steely Dan und „Court And Spark“ von Joni Mitchell und „September“ von Earth, Wind & Fire und praktisch überall.

Der Trompeter von den Stones spielt jetzt bei James Last

Jetzt spielt Chuck Findley – wie sein Bruder Bob, wie Anders Wiborg und 33 andere – beim James Last Orchester. Und wie schon angedeutet, das macht Spaß. „Wir hüpfen auf der Bühne. Wir furzen auf der Bühne“, sagt Findley. „Manchmal habe ich so viel Spaß, dass ich mich am Riemen reißen muss, um nicht vor Freude in die Hose zu pinkeln.“

Dann lässt Chuck Findley noch eine Anekdote los – was er George Harrison 1972 zu Weihnachten gekauft habe, als er beim Band-internen Wichteln seinen Namen aus dem Hut gezogen hatte. Er nimmt einem das Versprechen ab, auf keinen Fall zu schreiben, was das für ein Geschenk war. Er will vielleicht bald ein Buch machen.

Das James Last Orchester wohnt in Bad Neuenahr, denn in keinem Kölner Hotel waren so viele Zimmer frei. Obwohl das nur die kleinere TV-Besetzung ist, die sich eine Woche lang jeden Mittag in den Mannschaftsbus setzt und zu „TV Total“ nach Mülheim fährt, als außerordentliche Haus-Band für Stefan Raab. Gemessen an den drei Stunden, die sie an einem richtigen Tourneeabend spielen, ist das ein müder Ausflug, aber die Regeln sind dieselben wie vor 40 Jahren: Nach der Show feiern sie so lange wie möglich weiter, am besten bis zum Frühstück. Katja Ebstein, die 1970 als Gastsängerin dabei war und sich um Mitternacht aufs Zimmer verdrücken wollte, soll von James Last freundlich ermahnt worden sein. In Odense in Dänemark musste um ein Uhr früh der Hotelkoch geweckt werden, als die Band drohte, in Selbstjustiz den Kühlschrank zu plündern.

James Last stellt seinen Leuten den Gin Tonic gern persönlich vor die Nase und sagt dann, der alte Scherzkeks: „Die Suppe, der Herr!“ James Last selbst muss heutzutage ein wenig kürzer treten, die Musiker erinnern ihn daran. Wenn es Zeit wird, ihn und seine Frau Christine ins Bett zu schicken, singen sie „Goodnight My Sweetheart“, denn ihr Chef ist zwar Nichtraucher und kein großer Trinker, aber 75 Jahre alt. Wie Hansi Last zu seinem Künstlernamen kam, hat er oft erzählt: Als er 1965 die erste „Non Stop Dancing“-Platte aus der Post holte, stand überraschenderweise „James-Last-Band“ auf dem Cover. Weil die Polydor das Konzept – anders als die Hans-Last-Volksliederplatten – international vermarkten wollte. Ab 1969 war auch sein Foto auf den Plattenhüllen: James Last, das Angesicht und Markenmännchen des Happy-Sound, streng oder leicht süffisant. 1974 gab es vier LP-Reihen: „Non Stop Dancing“, „Classics In Concert“, „Durch Land und Länder“, „James Last Company“ (Werbespruch: „Wer sich jung fühlt, Jeans liebt und modern denkt – der steht auf James Last Company.“ – er war damals 45). James Last, für den alles eins war, der Chris Roberts, Stevie Wonder und Nazareth in ein Medley packen konnte. Der den Alten zeigte, dass sie zur Musik der Jungen tanzen können. Der in den Ostblock durfte, weil die Kader ihn für harmlos hielten, und der den Menschen dort die Freiheit vorspielte. Der außerhalb der Karnevalsmonate als Kapitän, Spanier, Hippie, John Travolta oder Superman posierte und doch immer so wirkte, als wolle er ganz schnell zurück ans Notenpult.

Ein Recherche-Anruf daheim: Papa, warum haben wir damals vor dem Fernseher immer über Helmut Zacharias und seine Geige gespottet, über Günther Noris und seine große Nase, über das Saxofon-Getue von Max Greger – aber nie über James Last? „Für mich hatte der immer den Nimbus des Theoretikers, des Wissenschaftlers“, sagt mein Vater wörtlich. „Der hatte die Musik verinnerlicht.“

Am folgenden Morgen in Bad Neuenahr passiert das, was praktisch nie passiert, wenn man mit James Last zu tun hat. Er kommt zu spät zum Termin. Ein paar Minuten. Last und seine Frau waren schon unterwegs und haben Rudi besucht, der zurzeit die Chemotherapie durchmacht. Rudi hat früher den Tourbus gefahren, 36 Jahre lang. Last ist vom Krankenbesuch sichtbar geschlaucht. Als das Hotelmädchen ihm den zweiten Frühstückstee bringt, denkt er langsam wieder an andere Sachen.

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