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Daniel Johnston: Ein anderes Leben

Seine ersten zwölf Alben hat Daniel Johnston mit einem billigen Mono-Kassettenrekorder im Keller seiner Eltern aufgenommen und konsequenterweise zunächst nur auf Tape veröffentlicht. Doch egal, ob Kurt Cobain oder David Bowie: Wer diese mit Klavier, Gitarre und Harmonium eingespielten „Songs Of Pain“ zu hören bekam, wurde zum glühenden Fan.

Mit einer Stimme, die anfangs so hoch war wie unter der Wirkung von Helium, singt der unter manischen Depressionen leidende Johnston seit 1981 Lieder, die zu den schönsten und traurigsten überhaupt gehören. Ein naives Pandämonium der eigenen Ängste, bevölkert von tragischen Helden aus dem Kosmos der Popkultur. „A hellhound-beset Appalachian Randy Newman“ hat man ihn genannt, und selbst Beck, TV On The Radio und Tom Waits haben Johnston-Coverversionen aufgenommen. Doch die Originale sind einfach nicht zu schlagen.

Die Konzerte des inzwischen 47-Jährigen waren jedoch schon immer eine zwiespältige Angelegenheit. Ein wenig so, um in Johnstons Bildern zu sprechen, wie der in einem New Yorker Theater angekettete und vorgeführte King Kong. Ein von seiner Krankheit angeschlagener Boxer, der noch nicht aufgeben will. Im Unterschied zur Solo-Tournee von 2002 kam der bei seinen Eltern in Texas lebende Songschreiber diesmal mit der holländischen Band John Dear Mowing Club, die das Vorprogramm bestritt und Johnston später begleitete. Komische Käuze in Trailer-Park-Outfits, deren eigenen Liedern leider Sensibilität und Originalität fehlen.

Doch zunächst steht Johnston alleine auf der Bühne. Seine Frisur und die komplett silbergrauen Haare lassen ihn wie einen übergewichtigen Joschka Fischer aussehen. Er wirkt entspannter als vor sechs Jahren, scheint medikamentös besser eingestellt, auch wenn seine Arme so stark zittern, dass er kaum die Akkorde auf der Gitarre greifen kann. Johnston war schon immer besser am Piano – leider hat ihm diesmal keiner eins zur Verfügung gestellt.

Ein zu tiefer Graben aus Psychosen, Klinikaufenthalten und lebensbedrohlichen Zusammenbrüchen

Der Band-Teil des Konzerts wird eröffnet mit „Rock This Town“, einem animierenden Stampfer, der seinerzeit mit Teilen der Butthole Surfers eingespielt wurde. Das folgende „Fish“ stammt aus dem gelungenen, von Mark „Sparklehorse“ Linkous produzierten letzten Album „Fear Tourself‘: „She’s got me singing with a broken heart/ I keep on messing with my mind torn apart“, singt Johnston mit seiner immer rauer und brüchiger gewordenen Stimme, die im Lauf des Abends mehrfach versagt. Trotzdem spürt man die verzweifelte Sehnsucht nach Liebe, die noch immer am Herzen dieses Mannes nagt, während die Hoffnung auf Erlösung immer mehr schwindet. „Caspar The Friendly Ghost“, „Speeding Motorcycle“, „Hey Joe“ und andere eigentlich wunderschöne Lo-fi-Pop-Klassiker hinterlassen einen zwiespältigen Eindruck, weil sie aufgeführt werden wie hastig eingeübte Coverversionen. Zwischen dem Künstler und seinem Werk aus den Achtzigern, das wird klar, liegt ein zu tiefer Graben aus Psychosen, Klinikaufenthalten und lebensbedrohlichen Zusammenbrüchen. Man denkt an Leidensgefährten wie Brian Wilson oder Roky Erickson und wird plötzlich sehr traurig. Ob all die Spätgeborenen, die hier freundlich und anhaltend klatschend vor der Bühne stehen, ahnen, dass diese traurige Legende einmal ein Superheld war?

In einer anderen Zeit, in einem anderen Universum und in einem anderen Leben.

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