Das bietet Hengameh Yaghoobifarahs Debütroman „Ministerium der Träume“


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Nasrins Schwester ist tot. Nushin ist gegen einen Baum gefahren, das Auto ging in Flammen auf. Die beiden Schwestern haben seit ihrer Kindheit in Deutschland gelebt, das Verhältnis zur illiberalen Mutter ist angespannt. Doch Nas und Nush waren ihre eigene Kernfamilie. Deshalb ist Nasrin, eine queere Mittvierzigerin, die in einer Bar in Berlin arbeitet und zu ihrer Schicht meist zu spät kommt, davon überzeugt, dass der Tod ihrer Schwester kein Unfall war. Es kann nur Suizid sein. Kapitel um Kapitel rollt Hengameh Yaghoobifarah nicht nur die Umstände von Nushins Tod auf, sondern auch die Familiengeschichte der Behzadis, einer iranischen Familie, die einst vor dem Regime in Teheran flüchtete.

In Träumen, Flashbacks und inneren Monologen erfahren wir mehr über die Vita von Nasrin, die ihre Identitätspolitik folgendermaßen bewertet: „Ich will nicht die Person sein, die sich nur durch das Abwerten anderer Frauen, deren Aussehen und Fuckability, von ihrer Art abgrenzen kann.“ So maßregelt sie sich selbst, wenn sie über die „Alman-Annikas“ urteilt. An manchen Stellen verläppert Yaghoo bifarah Sprache in all zu vielen Internet-Anglizismen („Mâmân und Sultan, sie viben einfach“, über das Verhältnis von Mutter und Schoßhund). Aber oft sind die Beobachtungen auch treffend, etwa wenn Nasrin erzählt, was alle weißen Frauen gemeinsam haben: „Ihre Zartheit, mit der sie mich erdrücken. Weiße Frauen brauchen keine Gewehre, um dich als Geisel zu nehmen, sie haben ihre Tränen.“

Wenn Yaghoobifarah wiederum Nasrins traumatische Erlebnisse schildert, erzeugt der Roman seinen beklemmenden Ton eher mit Auslassungen als mit Details. Wer sich auf die Erzählung von „Ministerium der Träume“ einlässt, wird mit witzgespickter, bildreicher Sprache belohnt. Die Aufarbeitung und Auflösung des Unfalls bleiben aber etwas bemüht. Yaghoobifarahs Stärke liegt in der glaubwürdigen Zeichnung der Figuren, nicht in der Handlung.