Das blanke Leben

In seinen letzten beiden Jahren in England erlebte John Lennon – zwischen dem Ende der Beatles und seiner Urschreitherapie – mehr als einen Zusammenbruch.

Der 13. September 1969 war ein Tag, an dem die Vergangenheit des Rock’n’Roll mit seiner Gegenwart und seiner Zukunft kollidierte. Beim „Toronto Rock’n’Roll Festival“ standen Gene Vincent, Chuck Berry und Little Richard auf der Bühne, daneben The Doors, Chicago und Alice Cooper. Ein sichtlich nervöser John Lennon – der sich hinter der Bühne prompt übergab -, war gerade erst mit seiner neuen Band aus England eingeflogen, um hier seine Rückkehr auf die Bühne zu feiern. Der Bandname – Plastic Ono – machte aus der musikalischen Intention keinen Hehl: 1. Flexibilität. 2. Jede Menge Yoko.

Tausende von Feuerzeugen brannten, als sie die Bühne betraten. „Abbey Road“ sollte 13 Tage später veröffentlicht werden, während der letzte Beatles-Auftritt im „Candlestick Park“ bereits drei Jahre zurücklag. „Wir werden nur Nummern spielen, die wir gut kennen“, sagte Lennon halb entschuldigend, „weil wir noch nie zusammen aufgetreten sind.“ An Bord des Flugzeug hatte man noch schnell ein Not-Repertoire zusammengeklopft. Für „Blue Suede Shoes“, so hatte Lennon seine Mitstreiter Eric Clapton, Klaus Voormann und Alan White instruiert, wolle er nicht die Elvis-Version, sondern die von Carl Perkins – die mit dem zusätzlichen Beat zwischen „one for the money“ und „two for the show“.

Nach ein paar Oldies kündigte Yoko „Johns neuesten Song“ an: „Cold Turkey“ war ein Resümee seiner Jahre als Heroin-Abhängiger, und Lennons Stimme konnte ein ungewohntes Zittern nicht verbergen. Ende Oktober sollte die Single als Nachfolger von „Give Peace A Chance“ erscheinen – und die Plastic Ono Band zum zweiten Mal an die Spitze der Charts tragen. Waren sie vielleicht gar die neue Pop-Sensation, die das Land im Sturm nehmen würde? Eine kommerzielle Hit-Maschine, die es sogar mit diesen Wie-hießen-sie doch-gleich aufnehmen konnte? Sie waren alles, nur nicht das. „Angesichts der Umstände spielten wir nicht mal übel“, erinnert sich Alan White, „aber dann kroch Yoko plötzlich in einen Sack und legte sich auf die Bühne. Und da wurde es doch etwas seltsam. Sie hatte ein Mikrofon im Sack und gab komische Geräusche von sich. Ich hatte schon Angst, dass ihr vielleicht übel sei, aber dann schaute ich zu Eric und Klaus rüber, die signalisierten:, Weiterspielen, weiterspielen!'“

Sieben Tage danach fand das berüchtigte Meeting im Apple-Office in London statt, bei dem Lennon die konsternierten Kollegen McCartney, Harrison und Starr informierte, dass das Kapitel Beatles beendet sei.

Tittenhurst Park, in der Gemeinde Sunninghill bei Ascot gelegen, war ein weitläufiges georgianisches Anwesen inmitten eines wundervollen Grundstückes von 280.000 Quadratmetern. Lennon und Yoko Ono lebten hier von August 1969 bis August 1971. Am 5. Januar 1970, auf dem Höhepunkt des Streites um Manager Allen Klein, gab Lennon den versammelten Journalisten zu Protokoll: „Die Leute in unserem Umfeld machen mehr Kohle als die Beatles selbst. Keiner der Beatles ist Millionär.“ Ob das zutreffend war oder nicht: Lennon hatte sich an das Leben in Opulenz längst gewöhnt und gab umfangreiche Umbauten für Tittenhurst Park in Auftrag. Wände wurden versetzt und dann weiß gestrichen, eine Dunkelkammer und Büros installiert – und der Bau eines eigenen Studios (Ascot Sound) in Angriff genommen.

„Es war eine entscheidende Phase in ihrem Leben“, erinnert sich Dan Richter, ein amerikanischer Schauspieler, der als Lennons Assistent in Tittenhurst Park lebte. „John und Yoko versuchten, vom Heroin loszukommen und nahmen deshalb Methadon. Und da John nicht in die Öffentlichkeit gehen konnte, ohne einen Auflauf zu verursachen, verbrachte er die meiste Zeit im Bett, spielte Gitarre, ließ das Fernsehen laufen, rauchte Dope und blätterte in Zeitschriften.“ Wenn sie das Haus einmal verließen, schlug ihnen meist nur Unverständnis und offene Ablehnung entgegen.

In den Medien wurden sie als nervige Freaks abgestempelt, die unter dem Deckmantel von „Peace“ wirre Happenings veranstalteten. Und als der einst so nette Beatle im November 1969 seinen MBE-Orden an die Queen zurückschickte, um so gegen den Vietnamkrieg zu protestieren, ging ein Aufschrei durch die Bevölkerung. Der Autor Tariq Ali, der mit Lennon zur dieser Zeit befreundet war, erinnert sich „an die ständigen rassistischen Attacken, die von der Boulevard-Presse gegen Yoko gefeuert wurden, wirklich hässliche Sachen wie, die Japsen-Schlampe‘. John sagte mir damals:, Wir halten es hier nicht mehr aus, es ist alles so provinziell.'“

Tatsache ist, dass die geistigen Eltern der „Peace“-Kampagne privat ein alles andere als friedliches Leben führten, ja oft genug durch heftige depressive Phasen gingen. Yoko hatte 1968/69 zwei Fehlgeburten (und im August 1970 eine weitere), während sich gleichzeitig die Auseinandersetzung mit Tony Cox, ihrem früheren Ehemann, weiter zuspitzte. „Tony“, so Dan Richter, „hatte das Sorgerecht für ihre Tochter Kyoko, doch Yoko wollte zumindest ein Besuchsrecht – und der Streit eskalierte. Zur gleichen Zeit ging die Beziehung von John und Paul in die Brüche, und obendrein gab es auf der Straße eine politische Revolution, die John zu ihren Wortführern zählte.“

Wie schon 1968 und 1969 sollte auch 1970 für die Lennons eine unerquickliche Mischung aus öffentlichen Auseinandersetzungen und persönlichen Dramen bereithalten. Ein erster Tiefschlag kam, als am 16. Januar Lennons Londoner Ausstellung erotischer Lithografien einen Besuch von der Polizei bekam – man habe Hinweise erhalten, dass es sich bei den Exponaten um „unzüchtige“ Arbeiten handele. (Ein Vorwurf, der im April von einem Londoner Amtsgericht abgewiesen wurde.) Lennon und Ono hatten sich seit Ende Dezember in Dänemark aufgehalten, und zwar just im Haus von Tony Cox und seiner Freundin Melinda in Aalborg, wo man Cox zu einem gemeinsamen Sorgerecht für die sechsjährige Kyoko überreden wollte. Nachdem der Besuch erstaunlich reibungslos verlaufen war, blieben die Lennons drei weitere Wochen in Dänemark, bis sie über Frankreich nach England zurückkehrten. Einige Reporter fingen sie am 26. Januar in Paris ab – und wunderten sich vor allem über Lennons neuen Haarschnitt:

Mr. Lennon, warum haben Sie sich entschlossen, ihre Haare zu schneiden?

Weil mir danach war.

Es gibt also keinen besonderen Grund?

Nein. Warum schneiden Sie Ihre Haare?

Wann werden Sie wieder nach Hause fahren?

Jetzt.

Und was werden Sie dann dort machen?

Nach Hause gehen.

Es heißt, die Beatles hätten eine neue Platte aufgenommen.

Ja, eine neue Single: „Let It Be“.

Und wovon handelt sie?

It’s about letting it be.

Wie bizarr Lennons Leben inzwischen geworden war, ließ auch ein Vorfall erahnen, der sich Anfang Februar ereignete. Aus heutiger Sicht wirkt die Szene fast schon surreal, und doch wurde sie im politischen Underground der damaligen Zeit als hochgradig symbolisch empfunden: In einem Gemeindezentrum in Nord-London übergaben John und Yoko einen Beutel mit ihren unlängst geschorenen Haaren an Michael X, einen englischen Black-Panther-Führer. Michael X wollte die Haare versteigern, um das Geld in sein „Black House“-Zentrum zu investieren, und gab im Gegenzug Lennon auch ein Geschenk: blutige Boxer-Shorts, die Muhammad Ali 1966 in seinem erfolgreichen Kampf gegen Henry Cooper getragen hatte. Die Übergabe wurde – Überraschung! – von Tony Cox auf Video festgehalten, der eine Dokumentation über John & Yoko und ihre faszinierenden Freunde drehen wollte. Nachdem die Geschenke ausgetauscht worden waren, zog man sich zurück, um gemeinsam Haschisch zu rauchen.

Lennons politische Positionen waren alles andere als konsistent. Den Text von „Give Peace A Chance“ variierend, verkündete er im Januar bei einer Pressekonferenz: „I don’t belong to any left wing, right wing, middle wing, Black Panthers, white Christians, Protestants, Catholics or nothing.“ Nichtsdestotrotz hatte er eine sozialistische Ader und sympathisierte mit Minoritäten und Unterdrückten. Freunde warnten ihn zwar vor dem zwielichtigen Michael X (der 1975 wegen Mordes in Trinidad gehängt wurde), aber Lennon sah in ihm wohl einen Bestandteil der Revolution – so wie Fidel Castro, Timothy Leary, Allen Ginsberg und den Vorsitzenden Mao.

Wäre Lennon so weit gegangen, Bombenleger und Killer zu unterstützen? „Mein Mann hat nie Geld an die IRA gegeben“, ließ Yoko 2000 verlauten – und dementierte damit einen anderslautenden Bericht des „Observer“. „Er wollte, dass sein Geld an Kinder, Waisen und bedürftige Frauen ging.“ Zyniker könnten anmerken, dass er sich dafür besser eine Quittung hätte geben lassen sollen. Realisten würden einräumen, dass a) Lennon seine Informationen zum Bürgerkrieg in Nordirland nur aus dem Fernsehen bezog und b) sich schnell dazu überreden ließ, einen Mann namens X zu treffen, der wiederum einen Mann namens Y kannte – und so in eine Situation schlitterte, die er nicht mehr überschauen konnte.

Tatsache ist, dass Lennon einen politischen Drahtseilakt unternahm, indem er studentische Demonstrationen unterstützte, aber auch basisnahe Revoluzzer und Paramilitärs – gleichzeitig aber das Aushängeschild der internationalen Friedensbewegung blieb. (Die Zeile „Make Love Not War“ tauchte erst 1973 auf seiner Single „Mind Games“ auf, an der er aber bereits 1970 gearbeitet hatte.)

Man hat Lennon oft einen Heuchler genannt, weil er „imagine no possessions“ sang, gleichzeitig aber durch den Park eines Anwesens spazierte, dessen Zäune das Proletariat auf sichere Distanz hielten. Oder darüber dozierte, dass man die Arbeiter über die Gefahren des Fernsehens aufklären müsse, wo er selbst doch einer der größten TV-Junkies war. Aber es ist durchaus nachvollziehbar, dass Lennon darin keinerlei Widerspruch sah, weil es einer seiner ausgeprägtesten Charaktereigenschaften war, einfach zu artikulieren, was ihn im Moment beschäftigte. Ein Mann mit seiner komplexen Persönlichkeit, der mit dem täglichen Wahnsinn eines hochgradig ungewöhnlichen Lebens konfrontiert wurde, konnte sich schon einmal die Freiheit nehmen, morgens aufzuwachen und Dinge anders einzuschätzen als am Tag zuvor. So sagte er dem Underground-Magazin „Red Mole“ im Januar 1971, dass man „ohne Kampf keine Machtstrukturen ändert“, um gleichzeitig in Tittenhurst Park am weißen Piano zu sitzen und die friedensbewegte Zeile „love is the answer, and you know that for sure“ zu trällern.

Ohne Bart und lange Mähne (auf dem Cover von „Abbey Road“ wirkte er noch wie ein weißgekleideter Löwe) schien Lennon auch musikalisch eine neue Radikalität zu entwickeln. Am Morgen des 27. Januar schrieb er einen Song namens „Instant Karma“ – und setzte sich umgehend ans Telefon, um Musiker zusammenzutrommeln. Klaus Voormann erhielt einen Anruf, Alan White ebenso: „Kommt bitte so schnell wie möglich ins Abbey-Road-Studio!“ Die Plastic Ono Band, flexibel wie immer, stand Gewehr bei Fuß.

Voormann: „Man wusste vorher nie, wer zu der Session erscheinen würde. Und wir hatten auch nie Kassetten, um die Songs einzustudieren. Mehr oder minder hörten wir sie an dem Tag zum ersten Mal. Vielleicht hatte sie John ja erst auf der Fahrt zum Studio geschrieben – wer wusste das schon? Jedenfalls besser, als sie zwei Jahre lang in der Schublade schmoren zu lassen.“

Clapton war verhindert, deshalb sprang George Harrison ein, der wenig später mit den Aufnahmen seines Albums „All Things Must Pass“ anfangen würde. Diese einmalige Inkarnation der Plastic Ono Band umfasste auch Billy Preston und eine Gruppe von Nachtschwärmern aus dem nahegelegenen Pub, die am Ende der Nacht den Chorus mitsingen durften. Ein neues Gesicht gab es auch im Kontrollraum, das niemand bekannt war. „Es war ein kleiner Mann“, so Klaus Voormann, „mit einer dünnen Stimme, der Sachen sagte wie:, Zieh den Regler mit den Becken runter, ich möchte es ganz ohne hören.‘ Ich hatte nicht die leiseste Idee, wer er war. Und dann sagte der kleine Mann:, Kommt rein und hört euch das an.‘ Wir gingen also in den Kontrollraum, der vollgepackt war mit Equipment, blinkenden Lämpchen und laufenden Bandmaschinen. Er drehte die Lautstärke auf, und wir hörten auf einmal diese unglaublichen Sounds. In dem Moment wusste ich, dass es Phil Spector sein musste.“

Spector, der in London war, um mit den Rettungsarbeiten an „Let It Be“ zu beginnen, durfte sich sogar in Lennons weißem Rolls Royce chauffieren lassen – was seinem Ego aber möglicherweise nicht förderlich war, da die wartenden Fans vor dem Studio enttäuscht stöhnten, als er und nicht Lennon aus dem Auto kletterte. Wie auch Immer: Nach den ersten Takes von „Instant Karma“ gab sich Spector mürrisch. „John versuchte ihn zu einer Äußerung zu bewegen“, erinnert sich Tontechniker Andy Stephens, „aber Spector blieb im Hintergrund und hielt sich komplett zurück. Erst als Lennon ihn wirklich anmachte -, C’mon, Phil!‘ -, legte er richtig los. Und dann war die Hölle los: Bandmaschinen, Loops, Delays, Echo – alles, was man sich nur vorstellen konnte.“

Als die Single „Instant Karma“, aufgepeppt mit Spectors spektakulärem Wall of Sound, am 6. Februar veröffentlicht wurde, kletterte sie umgehend auf Platz 5 der britischen Charts – und John und Yoko, beide in blauen Jeans-Jacken, durften ihren neuen Kurzhaarschnitt bei „Top Of The Pops“ präsentieren. Während Lennon hinter dem Piano saß, hockte Yoko auf einem Stuhl, trug eine Augenbinde wie ein politischer Gefangener und hielt Kartons mit den Worten „Peace“ und „Hope“ in die Kameras. Doch die positive Botschaft war wohl nur Fassade: Innerhalb weniger Wochen setzte sie sich ans Telefon, rief einen Psychiater in Kalifornien an und bekniete ihn, umgehend nach Tittenhurst Park zu kommen. Es war die Stunde der „Primal Therapy“.

Jeder, der Hunter Davies‘ autorisierte Beatles-Biografie von 1968 gelesen hatte, war darüber im Bilde, dass John Lennon von seiner Tante Mimi aufgezogen worden war, dass sich sein Vater frühzeitig aus seinem Leben verabschiedet hatte und dass seine Mutter Julia tot war. Mimi hatte gegenüber Davies steif und fest behauptet, dass der junge Lennon „so glücklich war, wie der Tag lang ist“. Arthur Janov, der 45-jährige Psychiater aus Los Angeles, sollte eine völlig andere Geschichte hören. Janov, der ein umstrittenes Buch mit dem Titel „The Primal Scream“ veröffentlicht hatte, vertrat die These, dass die Neurosen eines Erwachsenen direkt auf die verdrängten Gefühle seiner Kindheit zurückführbar seien – und dass eine Behandlung erfolgversprechend sei, wenn man sich nur in diesen frühkindlichen Zustand zurückversetze. Nachdem viele seiner Patienten geweint und laut nach ihren Müttern oder Vätern geschrien hatten, fand die frühkindliche Spurensuche in einem markerschütternden Schrei ihren Abschluss.

Als eine spekulative Weiterentwicklung der Freudschen Theorien steckte die Therapie 1970 noch in den Kinderschuhen. Janovs „Primal Institute“ war gerade zwei Jahre alt und sein Buch noch druckfrisch, als es Lennon im Februar in die Hände bekam. Quellen zufolge las Lennon das Buch an einem Stück durch. Nachdem er in einigen seiner Songs versteckte Anspielungen auf seine Kindheit gemacht hatte („In My Life“, „Strawberry Fields Forever“, „Julia“), fragte sich Lennon nun, ob ihn vielleicht die Primal Therapy von frühkindlichen Traumata und einer unterschwelligen Depression befreien könne.

Janov, von einer besorgten Yoko bekniet, traf im März in Tittenhurst ein. 40 Jahre später – inzwischen 85, doch 20 Jahre jünger wirkend – spricht Janov über die Situation, die er in Tittenhurst antraf: „John befand sich in einem schlimmen Zustand. Er hatte Probleme, sein Zimmer zu verlassen und litt offensichtlich unter erheblichen Schmerzen.“ Janovs Diagnose: Ungelöste Probleme aus der Kindheit, kombiniert mit jahrelangem Drogen-Missbrauch, hätten sein Nervensystem gravierend geschädigt. „Er war einer der wenigen Patienten, dessen Abwehrmechanismen komplett zum Erliegen gekommen waren. Er wurde von Schmerzen geradezu überflutet.“

Dan Richter, der der Primär-Therapie kritisch gegenüberstand, musste das halbfertige Aufnahmestudio räumen, um Platz für Janovs Sessions zu schaffen. („Zumindest war’s schon schalldicht“, vermerkt Richter trocken.) Obwohl Janov nicht davon überzeugt war, dass die Therapie auch in ihrem Fall notwendig war, bestand Yoko auf ihrer Teilnahme.

Das symbiotisch zusammenlebende Ehepaar, das sogar gemeinsam auf die Toilette ging, war entschlossen, auch hier alle Schritte gemeinsam zu gehen. Janov allerdings empfand die Umgebung alles andere als zuträglich: „Gewöhnlich begann der Tag mit einem Frühstück aus rohem Fisch, das sie sich aus London kommen ließen – was ich nicht gerade als appetitlich empfand. Dann begannen wir mit der Therapie, doch überall liefen Handwerker durch die Gegend. Es war das reinste Tollhaus.“

Janov schlug vor, die Therapie in London fortzusetzen, und bestand darauf, beide in unterschiedlichen Hotels unterzubringen, um ihre Behandlung nicht gegenseitig zu behindern. Niemand war von dem Arrangement begeistert. Schließlich, nachdem er schon mehrere Wochen in England verbracht hatte, fasste Janov den Entschluss, nach Los Angeles zurückzukehren, da er seine dortigen Patienten nicht länger vernachlässigen könne. Er lud John & Yoko nach L.A. ein – und, zu Dan Richters Überraschung nahmen beide die Einladung an. Sie sollten für vier Monate nicht nach Tittenhurst Park zurückkommen.

Die Primär-Therapie in Janovs Institut bestand aus zwei Sessions pro Woche, teils separat, teils innerhalb einer Gruppe. Die Räume hatten keine Fenster, kein zerbrechliches Mobiliar, dafür aber die Ausstattung einer Kinderkrippe: Teddybären, Puppen, Laufställe, Lieblingsdecken. Alle Sessions wurden gefilmt, auch die von Lennon, der keine Einwände erhob. „Wir haben seine Popularität in keiner Weise ausgenutzt“, sagt Janov. „Die anderen Patienten verhielten sich extrem respektvoll. Alle waren im Schmerz vereint.“

Mit Yoko traf Janov inzwischen eine Vereinbarung, dass über Johns Therapie nicht im Detail gesprochen werden könne.

Klaus Voormann wollte seinen Augen nicht glauben. Die beiden Leute, die gerade das Studio 3 in der Abbey Road betreten hatten, waren offensichtlich John und Yoko, aber ihr Verhalten fiel völlig aus dem Rahmen. „Sie lachten, sie weinten und hielten sich aneinander fest. Es waren zwei Erwachsene, die sich emotional wie Kinder verhielten. Sie weinten, um im nächsten Moment schallend zu lachen und gleich wieder zu weinen.“

Es war der 26. September, und John und Yoko waren seit zwei Tagen zurück in England. Die vier Monate mit Janov hatten außerordentliche Veränderungen ausgelöst, vor allem bei Lennon selbst. (Und das nicht nur auf emotionaler Ebene: Er hatte 13 Kilo zugelegt und war zu einem veritablen Eiscreme-Junkie mutiert.) Vor allem aber fühlte er sich kreativ in Höchstform. Die Besetzung der Plastic Ono Band, die sich für die nächste Session im Abbey-Road-Studio versammelt hatte, sollte die denkbar minimalistischste Variante in ihrer Geschichte sein: Lennon (Piano, Gitarre), Voormann (Bass) und Ringo am Schlagzeug. Lennon hatte eine Handvoll neuer Songs mitgebracht, deren Texte so direkt und unverblümt waren wie nie: keine Metaphern und Anspielungen mehr, sondern nur noch Mama, Papa, Yoko und der große Schmerz. Für einen Rockmusiker war diese inhaltliche Intimität ein Novum, und auch die Musik dazu war karg, reduziert und erinnerte in ihrer Simplizität an den Rock’n’Roll der Fünfziger.

Der Produzent von „John Lennon/ Plastic Ono Band“ war erneut Phil Spector, doch anders als bei „Instant Karma“ gab Lennon diesmal keine Anweisungen. Er war so ungeduldig, die neuen Songs aufs Band zu bringen, dass er sogar ohne Spector loslegte, der zumindest in der ersten Woche an den Aufnahmen überhaupt nicht beteiligt war. Im Gegensatz zu Harrisons „All Things Must Pass“-Sessions, an denen Voormann und Starr neben tausend anderen Musikern beteiligt waren, wollte Lennon keine Gäste, sondern nur die nackte Rhythmusgruppe. Und er arbeitete schnell: Voormann erinnert sich daran, dass es so wenig Direktiven („nicht ein Wort“) gegeben habe, dass sich Ringo verletzt gefühlt habe, weil sein Beitrag wohl als selbstverständlich vorausgesetzt wurde.

Einer der Songs – „Mother“ – war eine düstere Klage, die Lennons Situation als unerwünschtes Kind thematisierte. Die Tontechniker im Studio, die über die Therapie in Amerika nicht informiert waren, hatten nicht die leiseste Ahnung, was sie erwartete. Zum Ende des Songs schrie Lennon mehrfach die Worte „Mama don’t go, Daddy come home“, bis seine Stimmbänder den Dienst verweigerten. „Wir hatten nicht die leiseste Ahnung, was da ablief“, erinnert sich Tape-Operator Andy Stephens. „Das war etwas, was man von einem Beatle nicht erwartet hätte. Es war ein ziemlicher Schock.“

Laut Produzent John Leckie, der damals ebenfalls als Tape-Operator im Abbey Road arbeitete, wurden die Schreie erst nachträglich aufgenommen. Immer abends, nach Ende der Session, unternahm Lennon einen Anlauf, weil er seine Stimmbänder tagsüber nicht ruinieren wollte. „Die Schreie wurden dann gedoppelt“, so Leckie, „da John seine unbearbeitete Stimme nicht mochte. Er wollte immer eine Menge Effekte. Und das war eigentlich Spectors Beitrag, der reichlich Hall und Echo draufpackte.“

Bei einem anderen Song, der eigentlich einfach strukturiert war, schlugen alle Versuche fehl, Lennons Stimme zufriedenstellend aufzunehmen. Andy Stephens erinnert sich an die Besessenheit, mit der Lennon Tag für Tag einen neuen Anlauf unternahm, „vermutlich 120 oder 130 Takes“. Lennons Frustration wuchs, wenn ein neuer Take wieder nicht seinen Vorstellungen entsprach. „Wenn der Mix in seinem Kopfhörer nicht genau das Klangbild lieferte, das er sich vorstellte, rieß er ihn sich vom Kopf und schleuderte ihn gegen die Wand. „Er sagte nicht:, Kann ich etwas mehr Gitarre haben?‘, sondern schleuderte einfach den Kopfhörer gegen die Wand und verließ das Studio.“ Der Song „Working Class Hero“ lieferte die Blaupause für unterschiedlichste Interpretationen und erwies sich als so sperrig, dass er sich nicht in einem durchgehenden Take aufnehmen ließ. Einige Zeilen („When they’ve tortured and scared you …“) wurden nebenan in Studio 2 aufgenommen und in den Take aus Studio 3 eingebaut.

Angesichts der Tatsache, dass das Album mit einer Totenglocke beginnt und mit den genuschelten Worten „My mummy’s dead“ endet, liegt die Vermutung nah, dass die Arbeit an „John Lennon/ Plastic Ono Band“ keine sonderlich erfreuliche Angelegenheit gewesen sein muss. Seltsamerweise war das Gegenteil der Fall. Klaus Voormann muss noch heute kichern, wenn er sich an die Sprüche, die Anekdoten und die Wortwechsel zwischen Spector und Lennon-Manager Allen Klein erinnert. „Wir lagen vor Lachen oft am Boden. Die beiden waren der reinste Comedy-Act, klassische New Yorker Schule.“

Arthur Janov war nicht begeistert, als Lennon Kalifornien verließ (angeblich, weil es Probleme mit seinem Visum gab), da seiner Meinung nach die Therapie im „Primal Institute“ noch lange nicht abgeschlossen war. Lennon behauptete zwar, neugeboren zu sein, doch Janov befürchtete, dass das vorzeitige Ende der Therapie emotionale Verwerfungen nach sich ziehen könne. Am 9. Oktober, seinem 30. Geburtstag, traf Lennon seinen Vater Freddie – und ließ den angestauten Hass eines ganzen Lebens ab.

Dabei hatte der Tag eigentlich bestens begonnen. Die Sessions für das Album waren im Endstadium, und George Harrison war in seinem blauen Ferrari 330 GTC in der Abbey Road vorgefahren. An der Windschutzscheibe klebte eine kleine Vase, darin eine Plastikblume, die Harrison herausnahm und Lennon ins Studio 3 brachte: „Happy birthday, John.“ Beide umarmten sich. „Yoko“, so Stephens, „hatte ebenfalls ihr Geschenk mitgebracht. Es war eine, Fühl-Kiste‘ – etwa doppelt so groß wie ein Schuhkarton mit vielen Löchern. Man steckte einen Finger hinein, und manchmal war es weich, manchmal feucht – und in einem der Löcher piekste eine Nadel. John war völlig aus dem Häuschen.“

Zum Abendessen hatte Lennon seinen Vater nach Tittenhurst eingeladen. Nach ein, zwei missglückten Versöhnungsversuchen hatten sie 1967 endlich das Kriegsbeil begraben, und John hatte ihm ein Haus in Brighton gekauft. Freddie hatte seine junge Frau und ihren 18-monatigen Sohn mitgebracht – und fiel aus allen Wolken, als er in der Küche von seinem schäumenden Sohn beschimpft wurde. In dem Buch, das Freddies Frau Pauline später veröffentlichte („Daddy Come Home: The True Story Of John Lennon And His Father“), wird von einer endlosen Hass-Tirade berichtet, in deren Verlauf es sogar zu Morddrohungen gekommen sei. Freddie war von dem Vorfall so schockiert, dass er ein Gedächtnisprotokoll zu Papier brachte und es bei einem Notar deponierte. Er sollte John nie wiedersehen – auch wenn beide 1976, kurz vor Freddies Tod, noch einmal telefonierten.

Die ungeschminkte emotionale Direktheit, die „John Lennon/ Plastic Ono Band“ auszeichnete, wurde durch das Wissen um diese Eklats nur noch potenziert. Die Songs schienen nicht nur mit einer realen Wut zu resonieren – sie taten es wirklich. Auf dem Weg zu einer Post-Beatles-Identität hatte Lennon den bemerkenswert mutigen Schritt unternommen, seine private Identität, seine verletzliche, verängstigte, fehlbare Person all denen vorzuwerfen, die sie unter die Lupe nehmen wollten. Oder in den Worten von Klaus Voormann: „Näher kann man einer Person aus Fleisch und Blut nicht kommen.“ Das Album wurde am 11. Dezember 1970 veröffentlicht und umgehend als Meisterwerk gefeiert.

Schnell in Vergessenheit geriet darüber die Tatsache, dass eigentlich zwei Alben veröffentlicht worden waren. Das andere war „Yoko Ono/ Plastic Ono Band“, das zur gleichen Zeit im Abbey Road-Studio fertiggestellt wurde, mit den gleichen Musikern und Technikern, sich aber musikalisch weit größere Freiheiten nahm und Yokos schrillen Gesang in den Vordergrund stellte.

Beide Alben, auch John & Yokos „Primal Scream“-Alben genannt, wurden mit fast identischem Cover-Artwork veröffentlicht. Dan Richter hatte das Foto (John und Yoko unter einem Baum sitzend) gemacht, und er ist fest davon überzeugt, dass in ihren Augen beide Alben absolut ebenbürtig waren. „Eines der Ärgernisse, die ihnen wirklich unter die Haut gingen, war die ständige Kritik an Yokos musikalischen Qualitäten. John wollte einfach nicht verstehen, warum gerade ihre Stimme für Beatles-Fans so schwer verdaulich war.“

Es war allerdings ein Problem, das auch Abbey Road-Mitarbeitern bestens vertraut war. „Bevor wir uns einen Track anhörten“, so Toningenieur Richard Lush, „sagte ich immer zu Andy (Stephens):, Wie lange ist die Nummer?‘ Er sagte:, Knapp 13 Minuten.‘ Worauf ich sagte:, Dann seh ich dich in 12 Minuten wieder.‘ Ich ging raus, trank einen Tee und kam zum Ende der Nummer wieder rein.“ Dan Richter verneint allerdings die Vermutung, dass die Cover nur deshalb fast identisch waren, um Lennon-Fans versehentlich zu Yokos Album greifen zu lassen: „Ihre Entscheidung war eine rein ästhetische.“

Andy Stephens ist heute Manager der „Britain’s Got Talent“-Teilnehmerin Susan Boyle – und kennt sich mit dem Problem der fehlenden Privatsphäre von Prominenten folglich bestens aus. Eine Lennon-Anekdote dazu: „Es war etwa zwei Uhr morgens. Er bat mich, einen Blick aus der Tür zu werfen. Vor dem Studio standen eigentlich zu jeder Tageszeit wartende Fans, aber diesmal war die Luft rein. John holte Yoko, und beide gingen nach links die Abbey Road hoch. 15 Minuten später kamen sie zurück. John strahlte von einem Ohr zum anderen. Er sagte:, Du machst dir keine Vorstellung, was für ein Gefühl es ist, unbehelligt auf die Straße gehen zu können.‘ Es war ein geradezu sensationelles Erlebnis für ihn. Er ging 15 Minuten spazieren – und niemand quatschte ihn an.“

Im August 1971 machten sich John und Yoko auf nach New York.

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